Toskana-Traktion: Genuss auf Straße und Teller - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Toskana-Traktion Genuss auf Straße und Teller

Die Toskana ist für Italienurlauber eines der beliebtesten Ferienziele - und aus fast allen Ecken der Republik noch gut mit dem Auto zu erreichen. Wer im Urlaub genug hat von Kunst und Kultur, lässt die Museen hinter sich und startet auf eigener Achse zum Genießerslalom.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die ideale Route durch die Toskana gibt es freilich nicht. Selbst die Autobahn nach Florenz verdient das prädikat "touristisch wertvoll", die meisten Schnellstraßen sind kurvig und so leidenschaftlich trassiert wie eine Rennstrecke, die Landstraßen schlängeln sich eng und steil wie Sinuskurven durch die Mittelgebirge. Und wer seinen Geländewagen endlich mal so richtig einstauben möchte, findet dazwischen auch heute noch Hunderte Kilometer Schotterstrecke, die in Deutschland als Feldweg nur mit Sondergenehmigung zu befahren wären, in der Toskana aber als Kapillaren des dichten Straßennetzes ganz legal den Pfadfinder im Autourlauber wecken.

Ganz egal wohin die Route führt, das Panorama ist fast immer atemberaubend und kann schon nach der nächsten Kurve wechseln: Mal schweift der Blick über Weinberge, in denen im Sommer bereits dicke Trauben aus dem satten Grün hervorlugen, dann heftet er sich an lange Reihen schnurgerader Zypressen, die vor dem Reisenden buchstäblich Spalier stehen. Er ruht auf sanften Hügelketten mit von der Hitze gebräunten Feldern, gleitet über silbrig glänzende Olivenhaine, erfasst die Mondlandschaft der "Crete Sienese" oder entschwindet über Sonnenblumenfelder, die bis zum Horizont einen gelben Teppich in die Landschaft legen.

Eine halbwegs repräsentative Tour durch die Toskana führt wie ein Genießerslalom zwischen Küche und Keller von Florenz durch das Anbaugebiet des Chianti zu einer Gelateria nach Siena und von dort weiter zum Pecorino nach Pienza und dem Vino Nobile in Montepulciano. Dabei ist die Route nicht nur touristisch reizvoll und kulinarisch voller Gehalt, sondern auch als Strecke selbst ein Erlebnis. Schließlich fährt man dabei immer wieder auf den Spuren der legendären Mille Miglia - jenem berühmten Oldtimer-Rennen, das jedes Jahr im Mai eine rasende Karawane automobiler Pretiosen vom norditalienischen Brescia durch die Toskana und Umbrien nach Rom und wieder zurück treibt.

Die Tour ist zwar lang, aber dennoch bequem in einem Tag zu schaffen. Wer häufiger stoppt, bei dem einen oder anderen Winzer einkehrt und mehr als nur "Fast"-Food zu sich nehmen möchte, der bucht vorab ein Quartier in Siena und lässt sich für die automobilen Toskana-Träume zwei Tage Zeit. Die erste Auto-Wahl auf diesen Strecken sind natürlich ein Roadster oder ein Cabrio. Doch auch ein Kombi kann von Vorteil sein. Schließlich führt die Route mitten durch das Anbaugebiet des Chianti Classico. Spätestens der zweite Zwischenstopp in einer Enoteca oder auf einer Fattoria macht deutlich, warum das Kofferraumvolumen in Litern gemessen wird.

Die Tour beginnt am besten in den frühen Morgenstunden mit einem schnellen Kaffee an der Piazzale Michelangelo 104 Meter über den Dächern von Florenz. Dort sieht man nicht nur im Hintergrund eine Kopie von Michelangelos "David", sondern genießt auch einen faszinierenden Rundblick über den Arno, den Ponte Vecchio, den Dom und die schlafende Stadt. Danach geht es durch ein paar Vororte Richtung Südosten auf die SS 222, die als Chiantigiana mitten durch das Herz der Toskana auf rund 70 Kilometern nach Siena führt. Schon bald steht am Straßenrand das erste Schild mit dem "Gallo Nero", jenem Schwarzen Hahn, der die Anbaugrenzen des Chianti Classico markiert. Wer nicht allzu oft den Hinweisschildern zu einem "Vedita Diretta" folgt und die Kurve in den nächstbesten Keller nimmt, der erreicht auf der gut ausgebauten Straße quer durch die Weinberge rechtzeitig zum zweiten Frühstück das Städtchen Greve. Dort locken mitten auf der Piazza eine gemütliche Bar mit cremigem Capuccino, die Antica Macelleria Falorni mit der besten Wildschweinsalami der Toskana und eine Enoteca mit einer schier unglaublichen Auswahl an lokalen Weinen.

Dennoch ist es zu früh, schon in Greve den Hunger vollends zu stillen und den Kofferraum komplett zu füllen. Denn schon ein paar Kilometer weiter wartet die nächste Fattoria mit lokalen Köstlichkeiten. Außerdem ist auch Castellina als einstiger Grenzort zwischen Florenz und Siena einen Zwischenstopp wert. Und am Horizont reckt sich auch schon der Kranz der roten Dächer, der schwarz-weiß gestreifte Marmor-Dom und der Spitze Turm des Rathauses in der Altstadt von Siena zwischen den Bergkuppen empor.

Während die Boliden bei der Mille Miglia mitten durch die schmalen Häuserschluchten brausen dürfen und sich zum automobilen Schaulaufen auf dem berühmten Campo vor dem Rathaus einfinden, bleibt dem gewöhnlichen Touristen nur der Fußweg in die Altstadt. Aber wenigstens gibt es rund um den historischen Hügel ein halbes Dutzend Parkhäuser. Von dort kommt man in wenigen Minuten zu Fuß ins Zentrum. Wer über Nacht bleibt, der findet in einer Seitenstraße den Gourmettempel "Osteria Le Logge", in dem gelegentlich auch die Toskana-Fraktion von SPD und Grünen tagt. Ansonsten ist ein Besuch bei den Nanninis zu empfehlen. In den Bars, die dem Vater der Rocksängerin Gianna und dem Rennfahrer Alessandro gehören, gibt es nicht nur einen belebenden Espresso, sondern auch ein leckeres Meringata-Eis.

Von Siena aus führt der Weg weiter auf der Route der Mille Miglia, die auf der SS 2 die Stadt erreicht. Dieser Strecke folgt man in der Gegenrichtung gut 30 Kilometer, bis kurz hinter Bounconvento die Straße 146 nach Westen weiterführt. Dort geht es noch einmal 15 Kilometer über sanfte Hügel entlang gepflegter Weinberge bis nach Pienza, das wie ein Kleinod auf einem knapp 500 Meter hohen Hügel thront. Die alten Häuser entlang der wenige hundert Meter langen Fußgängerzone und die überraschenden Weitblicke in den kleinen Lücken dazwischen sind nicht nur eine Augenweide, sondern der Spaziergang ist auch ein Genuss für die Nase. Denn die Lieblingsstadt des Renaissance-Papstes Pius II. ist auch das Zentrum der toskanischen Käseproduktion. In jedem zweiten Haus ist deshalb ein Delikatessen-Geschäft untergebracht, aus dem der in großen Terracotta-Gefäßen mit Asche, Kräutern oder Trüffel gelagerte Pecorino Sienese duftet. Zwar kann man dort an jeder Ecke kosten, doch kaufen sollte man den Käse besser außerhalb direkt beim Bauern oder zum Beispiel in der kleinen Fabrik auf dem Weg nach Montepulciano, der letzten Etappe dieser Tour.

Auf diesen nicht einmal 15 Kilometern zeigt sich die Toskana noch einmal von ihrer schönsten Seite: Wenn man nicht gerade ein Wohnmobil vor sich hat, ist jede Kurve ein Genuss. Die Radien sind knapp, die Steigungen üppig und der Belag griffig. Auch wenn die Carabinieri auf dieser Rennstrecke nur selten patrouillieren dürften, ist Eile fehl am Platz - der Panoramablick ist viel zu schön. Außerdem muss der Käse aus Pienza ja noch verdaut werden, bevor in Montepulciano der nächste Haken zu Küche und Keller geschlagen wird. Schließlich locken da nicht nur das wundervoll angestaubte Antica Cafe Pollizano mit dem romantisch kleinen Panorama-Balkon und ein paar vornehme Trattorien, sondern vor allem der Vino Nobile - einer der schwersten und gehaltvollsten Rotweine der Toskana. Spätestens dann ist aber eine ausgedehnte Pause angeraten.

Wer nach diesen gut 200 Kilometern noch immer nicht genug von Kurven, Küche und Keller hat, der fährt am nächsten Morgen weiter an den Lago Trasimeno, macht einen Zwischenstopp im erhaben auf einem Bergvorsprung gelegenen Cortona und muss dort eine schwere Entscheidung treffen: Soll es wieder zurück nach Norden gehen und nur noch Arezzo mit seinen verträumten Antiquitäten-Geschäften an der imponierenden Piazza die Heimfahrt versüßen? Fährt man besser nach Westen, nach Perugia, Assisi, Gubbio und durch Umbrien weiter an die Adria? Oder hängt man noch eine Woche im Süden dran, genießt Städte wie Orvieto oder Todi, badet in den heißen Schwefelquellen von Saturnia und stürzt sich wagemutig in das Verkehrsgetümmel von Rom? Aber das wäre dann schon die nächste Traumstraße durch Italien.

Mehr lesen über