Totalschaden: Da staunt der Stauforscher - DER SPIEGEL
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Totalschaden Da staunt der Stauforscher

Selbst wenn "der Weg das Ziel" sein soll, sind Staus in der Regel eher hinderlich. Und wenn man sich als Autobauer auch noch "Mobilität" auf die Fahnen geschrieben hat, dürfen Stillstände erst recht nicht vorkommen. Deshalb beschäftigt BMW Stauforscher.
Von Victor Bruns
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den vergangenen Wochen gab es wieder reichlich Gelegenheit, das Phänomen Stau in der Praxis zu studieren. Im Ferienreiseverkehr gibt es stets die erstaunlichsten Stillstände auf deutschen Autobahnen. Das darf nicht sein, denken sich die Münchner Autobauer, und lassen solche Staus systematisch untersuchen.

Die Kategorien, nach denen sich die Mobilitätsforscher im Auftrag der Freude-am-Fahren-Fraktion ihrem Gegenstand nähern, sind zum Beispiel die Kosten. So wurden bereits 1998 die Verluste für die Bundesrepublik durch "temporär behinderte Mobilität" (vulgo: Stau) mit rund 200 Milliarden Mark angegeben. Inzwischen dürfte diese Summe deutlich höher liegen. Schließlich nimmt der Drang zur automobilen Bewegung stetig zu und endet immer zuverlässiger im Stillstand.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Stau-Ursache sind beispielsweise so genannte Mega-Events wie Love-Parade, Champions-League-Spiele oder Themenparks in ansonsten strukturschwachen Regionen. Um dorthin zu kommen, nimmt der Durchschnitts-Deutsche immer längere Anfahrtswege in Kauf.

Das geht nach Ansicht der BMW-Studie nicht nur jungen Menschen so. Die Kausalkette der bayerischen Autobauer zum Thema Mobilitätsengpass sieht ungefähr folgendermaßen aus: "Die meisten Menschen brauchen sich um ihre Lebenserhaltung nicht wirklich zu sorgen. Und wo die reine Lebenserhaltung als Problem kaum noch zählt, entsteht Raum für aktive Lebensgestaltung."

So weit, so konstruiert. Doch der nächste Ideenstau ist noch weit: Zur "aktiven Lebensgestaltung" lässt sich die Studie nämlich noch weiter aus: "Was einmal Regeneration von Körper und Seele war, ist heute Gelegenheit geworden, Erlebnisse zu tanken, das Leben mit Bildern nachzuladen: Lifeseeing."

"Lifeseeing" funktioniert natürlich - wie wäre es anders zu erwarten - am besten mit einem Auto. Oder, um das BMW-Papier zu zitieren: "Das Auto-Mobil verkörpert in idealer Weise den Bedeutungsgehalt von Freizeit und Erlebnis." Hm?

Weiter im Text: "Das Auto ist geradezu ein Symbol unserer Erlebnisgesellschaft: Schon der Weg soll das Ziel sein, und das Unterwegssein genauso schön wie das Ankommen."

Gut, aber wo ist der Stau geblieben? Und ist nicht Bahnfahren (Gedränge, Verspätungen, Kaffee auf der Hose) ein viel größeres Erlebnis als die Fahrt im Auto? Und beginnen Freizeit und Erlebnis nicht eigentlich immer erst dann, wenn endlich ein Parkplatz gefunden ist und das Auto verlassen werden kann?

So viele Fragen, so wenig Stillstand. Aber vielleicht hilft ja die Masterfrage weiter, die da lautet: Steckt die Mobilitätsforschung vielleicht nicht auch in einem Stau?