Unfallstatistik von Quads - DER SPIEGEL
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Studie über Gefahr von Quads: Verhängnisvolles Vergnügen

Foto: GDV/ Harald Almonat

Studie über Gefahr von Quads Da hört der Spaß auf

Quads haben einen miserablen Sicherheitsstandard. Die vierrädrigen Fahrzeuge mit Motorradsattel bieten keine Knautschzone und sind nur selten mit elektronischen Fahrhilfen ausgestattet. Eine Studie zeigt jetzt, wie häufig die Fahrer mit den Spaßmobilen überfordert sind.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Auf deutschen Straßen sind geschätzt mehr als 150.000 Quads unterwegs. Um mit den Fahrzeugen Gas zu geben, bedarf es nicht mehr als den Besitz des einfachen Pkw-Führerscheins. Oft enden Ausfahrten mit den Spaßmobilen aber mit einer bösen Überraschung: Laut einer Studie des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft  (GDV) sind viele Fahrer am Lenkrad der Quads schlicht überfordert.

"40 Prozent der Unfälle mit Quads passieren durch Fehler der Fahrer", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim GDV. Dieser Wert ist im Vergleich zu anderen Fahrzeugen extrem hoch: Bei Auto-Crashs lag der Anteil der sogenannten Fahrunfälle im vergangenen Jahr bei 13 Prozent, bei Motorrädern bei 17 Prozent.

Grund für den häufigen Kontrollverlust der Fahrer ist nach Ansicht von Brockmann "ein Zusammenspiel mehrerer katastrophaler Eigenheiten".

Die Fahreigenschaften eines Quads sind demnach mit denen eines Autos oder Motorrads schwer zu vergleichen. "Es fängt damit an, dass man mit dem Daumen ein Hebelchen bedient und dadurch Gas gibt" sagt Brockmann. "Ein leichter Druck reicht, um eine irre Kraft zu entfalten." Hinzu kommt, so der Sprecher, dass die meisten Modelle kein Differential haben - also der Antrieb in Kurven nicht so auf die Räder verteilt wird, dass diese sich unterschiedlich schnell drehen. "Das ist geradezu lächerlich", sagt Brockmann, "denn wenn sich beide Räder immer gleich schnell drehen, führt das beim rasanten Einbiegen in eine Kurve zwangsläufig zu der Gefahr, dass das Quad ausbricht und man ständig gegenlenken muss." Weil kaum ein Quad mit einer Servolenkung ausgestattet ist, wird dieses Problem zusätzlich verschlimmert. "Die Lenkkräfte sind gigantisch", sagt Brockmann, "sie können bis zu 20-mal so stark sein wie bei einem Auto."

Ein Experte des TÜV Rheinland beschrieb den Charakter von Quads mal so: "Sie kombinieren sämtliche Nachteile von Auto und Motorrad: keine Knautschzone, keine elektrischen Stabilitätshelfer, keine Kurvenlage."

Doppelte Todesgefahr

Auf eine bundesweite Unfallstatistik konnte sich der GDV bei seiner Untersuchung nicht berufen. Die Polizei registriert Unfälle mit Quads derzeit nicht einheitlich, mal werden sie als Motorräder, mal als Autos eingestuft. Erst nächstes Jahr soll sich das ändern, das Statistische Bundesamt wird die Fahrzeuge dann in einer eigenen Kategorie erfassen. Einzige Ausnahme: Bayern - dort wird bereits seit einigen Jahren eine exakte Statistik geführt. Diese Zahlen hat der GDV analysiert.

Insgesamt haben sich von 2009 bis 2012 im Freistaat laut den Aufzeichnungen 488 Unfälle mit Quads ereignet. Neben dem hohen Anteil von Fahrfehlern als Unfallursache stellte der GDV eine weitere Auffälligkeit fest: Verglichen mit sämtlichen Unfällen mit Personenschaden in Bayern war die Gefahr eines tödlichen Ausgangs bei Beteiligung eines Quads doppelt so hoch. Auf hundert Unfälle kamen demnach im Schnitt drei Todesopfer, bei der Gesamtbetrachtung 1,4.

Angesichts solcher Risiken fordert der GDV nun Konsequenzen vom Gesetzgeber. "Es ist nicht gut, dass jeder Besitzer eines Pkw-Führerscheins einfach so aufs Quad steigen darf", sagt Brockmann. Seiner Ansicht nach sollte eine einstündige Einweisung für die Fahrzeuge verbindlich sein und dokumentiert werden müssen.

Vor allem Motorradfahrer unterschätzen die Risiken

In der Quad-Szene werden solche Vorgaben zwar kontrovers gesehen, aber die Risiken will niemand kleinreden. "Die seriösen Händler bieten bereits kostenlose Einführungskurse, eine gesetzliche Regulierung ist eigentlich nicht nötig", sagt Stefan Herbst, Herausgeber des Magazins "Quad Journal ". Trotzdem rät er jedem Anfänger zu einer Einweisung durch Profis. Bernhard Roth, Leiter eines großen Quad-Verleihs in Hessen, ist gleicher Meinung: "Vor allem Motorradfahrer unterschätzen das Handling dieser Fahrzeuge", sagt er. "Die denken, es reicht aus, sich bei hohen Geschwindigkeiten in die Kurven zu legen. Und dann rauschen sie in die Büsche." Roth findet einen Pflichtkurs für Laien deshalb sinnvoll.

Was die technischen Sicherheitsbestimmungen für Quads betrifft, sind strengere Gesetze bereits beschlossene Sache. Die EU schreibt ab 2016 ein Differential bei Neuzulassungen vor, außerdem wird die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 90 km/h begrenzt. Bislang konnten Quads mit starker Motorisierung bis zu 160 km/h schnell fahren. "Diese Bestimmungen sind gut", sagt GDV-Sprecher Brockmann, "aber sie kommen sehr spät." Die Ergebnisse der Studie zeigen seiner Ansicht nach, dass schärfere Vorschriften für Quads längst überfällig sind.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass der Pkw-Führerschein nur zum Fahren von Quads mit einer Motorleistung von bis zu 15 kW berechtigt. Diese Aussage ist falsch. Auch Fahrzeuge mit einer höheren Leistung können mit der Führerscheinklasse B gefahren werden. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.