US-Hersteller Heimspiel mit Handicap
Es ist Showtime in Motown. Zwar ist den US-Herstellern nicht zum Feiern zumute. Doch sie lassen sie sich das beim Heimspiel in Detroit selbstverständlich nicht anmerken. Im Gegenteil: Die "Big Three" strotzen vor Zuversicht und stemmen sich mit einer breit aufgestellten Flotte von Neuheiten gegen die Konkurrenz. Das Programm reicht dabei von unspektakulären Autos aus der Brot-und-Butter-Liga über leidenschaftliche Musclecars und urtümliche Pick-ups bis hin zu futuristischen Studien, die einen sparsamen Weg in die Zukunft weisen.
Die erwartete Diesel-Offensive als Antwort auf die Bluetec-Allianz der deutschen Hersteller allerdings ist ausgeblieben. Und auch sonst ist aus europäischer Sicht diesmal wenig Interessantes dabei: Denn falls die US-Novitäten tatsächlich einmal auf die Straße kommen, werden sie den Weg über den Atlantik nur selten schaffen. Allerdings setzen die Manager beim ersten Branchengipfel des Jahres nicht allein auf die Strahlkraft ihrer Premieren, sondern traditionell auch auf die Shows bei den Enthüllungen, die vor allem bei den TV-Stationen so beliebt sind.
Neuer Voyager ausschließlich als Siebensitzer
Den Anfang machte Chrysler-Chef Tom LaSorda, der gemeinsam mit dem US-Pendant des deutschen Kochs Johann Lafer auf der Bühne ein Erfolgsrezept neu komponierte und die nächste Generation des Vans Voyager aus zwei überdimensionalen Tüten Backmischung zauberte. Mit neuem Fahrzeuggesicht und vor allem noch mehr Variabilität im Innenraum soll er ausschließlich mit langem Radstand und sieben Sitzen - ab dem Frühjahr 2008 auch in Europa wieder verlorenen Boden gutmachen.
Wem der neue Voyager noch zu wenig visionär und das im Hintergrund immer wieder eingeblendete Butterbrot zu trocken ist, dem macht die amerikanische Mercedes-Schwestermarke am Tag darauf mehr Appetit auf die Zukunft - mit zwei Concept-Cars: Unter lautem Trommelwirbel, der dank der hundertfach verschenkten Bongos noch Stunden später durch die Hallen hallte, gab es einen ersten Blick auf die ungewöhnliche Schrägheck-Limousine Chrysler Nassau sowie auf den Jeep Trailhawk, dessen böses Gesicht samt den muskulösen Flanken gut zum nächsten Grand Cherokee passen würden. Nicht umsonst unterstreicht Chrysler bei jeder Gelegenheit, dass kein anderer Konzern so viele Concept Cars auch tatsächlich in Serie bringt.
Vorlaute Limousine als Mittelklasse-Schreck
Als Beweis dafür dreht sich im dritten Akt des Showprogramms alles um den neuen Dodge Avanger, der in Paris noch als Studie gezeigt wurde und nun auf die Straße kommen soll. Ähnlich wie der Caliber in der Golf-Klasse und der Nitro bei den kompakten Geländewagen soll er in ein paar Monaten auch in Deutschland etwas vorlaut den Wettbewerb in der Mittelklasse beleben und Autos wie VW Passat oder Opel Vectra alt und bieder aussehen lassen. Daneben schickt Dodge zwei weitere Kraftmeier in den Ring: Der Extremsportwagen Viper erhält einen noch größeren V10-Motor und kommt jetzt auf brachiale 600 PS, und der Dodge Magnum erreicht als SRT-Modell nun 425 PS.
Wie Dodge spielten auch Ford und General Motors mit den Schlüsselreizen der amerikanischen Volksseele und lockten die Schaulustigen in der Cobo-Hall mit der Aussicht auf eine familientaugliche Version des Mustang, der unter dem Namen Interceptor zum Viertürer werden könnte, oder einen offenen Chevrolet Camaro, dessen Serienfreigabe wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Außerdem untermauerte Ford seinen Anspruch auf die Marktführerschaft im noch immer dominanten Feld der riesigen Pick-ups mit der Super Dutt-Version der F-Serie. Damit wächst das meistverkaufte Auto in den USA zu einem Format, das selbst europäische Kleinlaster wie Spielzeug aussehen lässt. Und gegen den 6,4 Liter großen Diesel oder die Benziner mit acht und zehn Zylindern wirken EU-Modelle beinahe asthmatisch.
...und dann noch ein langweiliger Kleinwagen
Doch natürlich haben auch die amerikanischen Hersteller erkannt, dass die Benzinvorräte endlich sind und die US-Kunden beim Tanken aufs Geld schauen. Ford-Chef Alan Mulally bekennt sich daher lautstark zum Kleinwagen und rollt als Beleg dafür einen gähnend langweiligen, aber eben billigen und sparsamen Focus ins Blickfeld, der mit dem europäischen Auto aber nur den Namen gemein hat. Und Chrysler hängt sich an die Bluetec-Initiative von Mercedes, Audi und VW dran und schwört auf den Jeep mit dem "saubersten Dieselmotor der Welt".
Noch grüner wird der Blick in die Zukunft. Denn als Highlight auf dem Ford-Stand gilt der von einer noch kleineren und noch leistungsfähigeren Brennstoffzelle angetriebene Minivan Airstream, und bei General Motors blickt jeder auf den Chevrolet Volt, der von Elektromotoren vorangebracht wird. Selbst wenn das Konzeptfahrzeug noch Jahre von der Serienreife entfernt ist, weil GM kaum vor 2012 mit den nötigen Batterien rechnet, macht es eines buchstäblich deutlich: Es bleibt spannend in Motown.