US-Limousinen Auf großer Schlittenfahrt
Sie heißen Ford Taurus, Chevrolet Impala, Buick Lucerne oder Lincoln MKS und sind hierzulande allenfalls aus schlechten Krimiserien auf zweitklassigen Privatsendern bekannt. So so sehr das Straßenbild in den USA auch von Pickups und Geländewagen geprägt ist, so unverzichtbar sind diese Limousinen jenseits des Atlantiks. Als stille Stars der Statistik stellen sie nach Angaben des Marktbeobachters Jato Dynamics ein Drittel der Neuzulassungen in den USA. Auto diesen Schlags haben die Vorurteile vom weich abgestimmten und ziemlich durstigen Amischlitten schon bedient, als von SUV-Modellen noch nicht die Rede war.
Billig und verhältnismäßig schwach motorisiert - oder etwas teurer und dann gerne auch mit sechs oder acht Zylindern, sind die Limousinen im Format zwischen 4,50 und 5,50 Metern Länge so etwas wie der Blech gewordene Konsens der Durchschnittsbürger zwischen Boston und Santa Barbara und damit vielleicht so etwas wie die automobile Entsprechung zu Polohemd, Timberland-Schuhen und Dockers-Hose.
"Bei den Limousinen zeigt sich der Markt in den USA extrem stabil", sagt denn auch der amerikanische Jato-Chef Evaristo Garcia. "Die Vorliebe für Limousinen ist für Europäer vielleicht nicht nachvollziehbar, aber hierzulande absolut logisch", erklärt er die 5,7 Millionen Zulassungen in dieser Pkw-Kategorie im vergangenen Jahr. "Der Kombi hat in den USA eher schlechte Karten. Wer ewas transportieren oder ziehen muss, der wählt einen geräumigen Pickup oder SUV und muss keinen Kompromiss eingehen." Die einzige Alternative sei deshalb neben dem Van als Familienauto die klassische Limousine. "Wenn man Sprit sparen will und Ruhe und Komfort beim Fahren sucht, greift man automatisch auf einen Sedan zurück."
Die US-Hersteller haben sich darauf eingerichtet und bieten ihren Kunden in allen Preis- und Leistungsklassen eine breite Auswahl. So verkauft der Ford-Konzern etwa vom Stufenheck des Focus über die Modelle Victoria und Taurus bis hin zum Lincoln Towncar als Liebling der Limousinen-Dienste fast ein Dutzend verschiedener Viertürer. Und auch bei General Motors gibt es in diesem Segment mehr Auswahl, als man sich das in Europa vorstellen kann. Im Blickpunkt stehen dabei in diesem Jahr vor allem zwei Modelle von Chevrolet: Denn der Impala feiert gerade seinen 50. Geburtstag. Und der eng mit dem Opel Vectra verwandte Malibu ist auf der Auto Show in Detroit gerade zum "Car of the Year" gewählt worden.
Kaum eine US-Limousine hatte Erfolg in Europa
Nach Europa hat es von diesen klassischen Schlitten bislang kaum ein Modell geschafft: General Motors müht sich seit Jahren um die europäische Akzeptanz von Autos wie dem Cadillac CTS oder BLS, und Chrysler holt mit dem Sebring, dem 300C und dem Dodge Avenger gleich drei Stufenheck-Modelle ins Land, von denen allerdings nur der auffallend reizvoll gestylte 300C einen kleinen Achtungserfolg erzielen konnte.
Zwar hat niemand in dieser Klasse mehr Modelle im Angebot als die Großen Drei aus Detrot. Doch den Limousinen-Markt dominieren die japanischen Hersteller. So kommt der Toyota Camry mit fast 500.000 Zulassungen im letzten Jahr nach zwei US-Pickups auf Platz drei der Zulassungsstatistik und weist damit alle echten US-Sedans in die Schranken.
Auch Honda hat mit etwa 400.000 Accord-Exemplaren mehr Glück als die drei Heimspieler. Und die Konkurrenz wird nicht kleiner. Denn nachdem die koreanischen Marken den Markt von unten bereits mit viel Blech für wenig Dollar aufgerollt haben, startet Hyundai nun auch einen Angriff auf die gehobene Mittelklasse und bringt als erstes V8-Modell des Hauses das neue Limousinen-Flaggschiff Genesis ins Rennen.
VW will demnächst auf dem Sedan-Markt mitmischen
Die Europäer dagegen halten sich fein heraus. BMW, Audi und Mercedes haben natürlich auch eine Reihe von Limousinen in den USA am Start, doch spielen die Deutschen traditionell in der Oberliga und achten deshalb eher auf Klasse als Masse. Nur bei VW hat zuletzt ein Umdenken eingesetzt. Weil die Wolfsburger wieder zur Marktmacht werden und ihren US-Absatz in den nächsten zehn Jahren auf 800.000 Autos steigern wollen, müssen sie ihre Stückzahlen dramatisch steigern. Das geht nur mit mehr Modellen nach US-Geschmack.
Der in Detroit präsentierte Passat CC und der für Chicago angekündigte Van Routan sind da nur der Anfang. Als nächstes werden diesen beiden Autos ein speziell für Nordamerika entwickelter Compact Sedan und ein Midsize-Sedan folgen, kündigte der neue Volkswagen-USA-Chef Stefan Jacoby an. Compact klingt nach Jetta und Midsize nach Passat, mag der Europäer denken, und VW-Sprecher Stephan Grühsem bestätigt dies prompt.
Doch die beiden aktuellen Modelle haben in den USA ein kleines Problem, gibt der Kommunikator aus Wolfsburg zu. "Sie liegen jeweils rund 5000 Doller über dem bevorzugten Preispunkt der meisten Kunden." Wenn die neuen Modelle besser ankommen sollen, müssen sie also vor allem eines bieten: Mehr Blech für weniger Geld wie ein klassischer Amischlitten eben.