E-Bikes: Hässlich und erfolgreich
Verkaufsschlager E-Bike Rad-Designer unter Strom
Die Fahrradbranche ist elektrisiert: 900.000 E-Bikes werden die Anbieter 2011 voraussichtlich in Europa verkaufen, ein Drittel davon in Deutschland. Hersteller wie Kalkhoff berichten von einer Verdopplung des Absatzes - innerhalb eines Jahres. Und weil die Drahtesel mit eingebautem E-Motor oft 2000 Euro und mehr kosten, freuen sich Händler wie Produzenten über satte Umsatzsteigerungen.
Die überwiegend ältere, zahlungskräftige Kundschaft ist begeistert vom Elektrorad, das ihnen Radeln ohne allzu große Anstrengung ermöglicht. In die Pedale treten muss man bei den meisten E-Bikes nach wie vor, denn mehr als 95 Prozent aller verkauften Räder gehören zur sogenannten Pedelec-Klasse. Der Motor hilft nur, solange man tritt und nicht schneller als 25 km/h fährt. Wegen dieser Einschränkungen gelten Pedelecs als normale Fahrräder, es besteht weder Helm- noch Versicherungspflicht.
Aber was für Räder sind das, die derzeit wie geschnitten Brot verkauft werden? Viele sehen nach wie vor aus, als hätten Ingenieure sie entworfen und keine Designer. Graue Akkus, klobige Motoren, seltsame Rahmengeometrien - schön geht anders, das gesteht selbst mancher Firmenvertreter - zumindest hinter vorgehaltener Hand.
Das Design eines E-Bikes ist eine Herausforderung. Der Motor benötigt Platz und ist schwer, Gleiches gilt für den Akku. Und etablierte Konstruktionsprinzipien, wie beim Auto, gibt es nicht. Der eine montiert den Motor in eine dicke Vorderradnabe, der nächste ins Hinterrad. Immer häufiger sieht man auch den sogenannten Mittelmotor im Tretlager.
Beim Einbau des Akkus suchen die Konstrukteure ebenfalls nach eleganten Lösungen: Meist ist er am Gepäckträger befestigt oder wie eine überdimensionierte Trinkflasche am Unterrohr. Prinzipiell könnte man den Akku auch im Rahmen verstecken. Weil die Kundschaft jedoch stets auf die Reichweite schielt, funktioniert das nur bei sehr dicken Rahmenrohren. Nur dann hat der Akku genügend Platz und damit Kapazität für Dutzende Kilometer.
Aufbruch beim Design
Doch es tut sich was beim E-Bike-Design: Auf der Eurobike in Friedrichshafen hat die Automarke Smart ihr erstes Elektrofahrrad vorgestellt. Fahrbereit war das Pedelec zwar noch nicht, aber in puncto Gestaltung zeigt es, wohin die Reise künftig gehen könnte.
Das Bike von Smart ähnelt eher einem Mofa als einem Fahrrad. Um den relativ großen Akku im Rahmen zu montieren, wurde auf filigrane Rohre verzichtet. Das sieht dennoch gut aus. Vielleicht musste erst ein Autohersteller kommen, um der Branche zu zeigen, dass ein E-Bike vielleicht doch etwas anderes ist als ein Fahrrad.
Das Problem der latenten Überfrachtung der Elektroräder mit Funktionen löst aber auch das Smart-Bike nicht. Das Pedelec hat eine Dreigangschaltung, über ein Display am Lenker kann der Radler zudem zwischen vier Leistungsstufen des Motors wählen. Viele Knöpfe und Hebel - das scheint beim modernen E-Rad unvermeidlich zu sein.
Erinnert sich noch jemand an den ersten iPod? Zwei Faktoren hatten den Musikplayer aus dem Hause Apple zum Erfolg gemacht: das klare Design und die Beschränkung bei den Bedienknöpfen auf das absolut Notwendige. Beim iPhone warb Apple sogar damit, dass das Telefon mit nur einem einzigen Knopf - dem Home-Button - auskommt, was natürlich nur die halbe Wahrheit war. Schließlich kommt das berührungsempfindliche Display einer Tastatur mit prinzipiell beliebig vielen Knöpfen gleich.
Die Geschichte von der Einknopfbedienung hatte wohl auch Butch Gaudy von der Schweizer Firma MTB Cycletech im Hinterkopf, als er das Konzept für sein Elektrorad e-Jalopy entwickelte. Elektroradfahren soll so einfach sein wie möglich, lautet sein Credo. Zwei Gänge reichen, einer zum Anfahren, einer für die Strecke. Der E-Antrieb wird vorm Aufsteigen mit einem Knopf unten am Rahmen angeschaltet - weitere Buttons oder ein Display am Lenker erlaubt der Purist Gaudy nicht.
Motor und Akku in der Hinterradnabe
Die Antriebstechnik des e-Jalopy wurde am Massachusetts Institute of Technology entwickelt. Motor und Akku stecken gemeinsam in der Hinterradnabe, wodurch diese sehr wuchtig wirkt. Das sogenannte Greenwheel ist als Nachrüstsatz konzipiert und kann im Prinzip jedes Rad zu einem E-Bike machen.
Die Geschichte vom einzigen Bedienknopf ist übrigens auch beim e-Jalopy nur die halbe Wahrheit. Denn zum Einstellen des E-Antriebs auf die eigenen Bedürfnisse soll es eine iPhone-App geben. Ein Apple-Telefon ist offenbar das einzige Display, das der MTB-Cycletech-Designer seinem Rad zumuten will. Die App verrät übrigens auch, wie voll der Akku noch ist - die womöglich einzige Information, die man als Pedelec-Nutzer tatsächlich braucht.
Noch radikaler ist der Ansatz, den die deutsche Firma Electrolyte bei seinen E-Bikes verfolgt. Die drei Firmeninhaber sind passionierte Rennradfahrer. Auf ein über 20 Kilogramm schweres E-Bike würden sie sich schon aus Prinzip nicht setzen. Ein Fahrrad muss ihrer Meinung nach leicht und wendig sein.
Von der flotten Beschleunigung eines E-Motors sind die Electrolyte-Gründer gleichwohl begeistert. Und so entstand die Idee, ein Rennrad mit einem kleinen Akku und einem leichten Motor auszustatten. Die Batteriepower beim Modell Straßenfeger reicht für gerade mal 15 Minuten. Damit man damit trotzdem bis ins Büro kommt, wird der E-Antrieb nur aktiv, solange man den Knopf am Lenker drückt.
Die Idee ist clever: Beim schweißtreibenden Beschleunigen an der Kreuzung hilft der Akku. Sobald 25 km/h erreicht sind, gibt's keinen Extraschub mehr, denn auch das Electrolyte-Modell Straßenfeger ist ein Pedelec. Das nur 13 Kilogramm schwere Rad fährt man dann aber aus eigener Kraft locker mit über 30 Sachen bis zur nächsten roten Ampel.
Dem Prinzip der möglichst einfachen Bedienung folgen auch zwei weitere Neuentwicklungen, die auf der Eurobike in Friedrichshafen vorgestellt wurden. Mit TranzX PST und Nuvinci Harmony gibt es nun zwei Elektroantriebe, die voll automatisch schalten. Als Fahrer muss man so nicht mehr überlegen, mit welchem Gang man am besten an der Kreuzung startet und welcher am Berg der beste ist - die passende Übersetzung wird automatisch eingestellt. Wenn die Hersteller es noch schaffen, die Anzahl der Anzeigen und Knöpfe am Lenker aufs nötigste zu reduzieren, wäre einiges gewonnen.