Video-Assistenzsysteme: Neue Sicht der Dinge - DER SPIEGEL
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Video-Assistenzsysteme Neue Sicht der Dinge

Trotz Kamera- und Radartechnik können Assistenzsysteme viele Gefahren noch nicht wahrnehmen. Doch schon bald werden Autos Verkehrszeichen erkennen und allein zurück in die Spur finden können.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moderne Fahrzeuge, insbesondere in der Oberklasse, sind gespickt mit Sensoren. Doch allen Infrarot-, Ultraschall-, Radar- oder Video-Signalen zum Trotz ist die Sehschärfe unserer Autos noch immer ziemlich bescheiden. Wo der Mensch beinahe instinktiv ein Hindernis oder eine Gefahr erkennt, sind Assistenzsysteme mitunter blind wie ein Maulwurf. Aber nicht mehr lang. Denn ganz gleich ob bei BMW, Audi oder Mercedes – überall schärfen die Entwickler die Sinne des Auto und steigern seine Sehkraft. Was dann alles möglich werden könnte, hat Mercedes unlängst bei einem "Tec Day" demonstriert. Zunächst einmal schließen die Schwaben eine Lücke und bringen noch in diesem Jahr für die S- und CL-Klasse einen Totwinkel-Assistenten, den es bei Audi oder Volvo schon länger gibt. Weil viele Fahrer den Blick zurück seit der Fahrschule längst wieder vergessen haben, springt die Elektronik ein und überwacht den Bereich seitlich neben und hinter dem Auto. Taucht dort ein Fahrzeug auf, warnt das System mit einem roten Leuchtdreieck im Außenspiegel und bei gesetztem Blinker zusätzlich mit einem Alarmsignal vor einer drohenden Kollision.

Während die Entwickler dafür jene Radarsensoren nutzen, die auch bei der Abstandsregelung und beim Einparken helfen, brauchen sie für alle anderen elektronischen Sehhilfen Videosysteme und leistungsstarke Rechner, die Kamerabilder auch interpretieren können. Und vor allem brauchen sie noch ein bisschen Zeit. Dann aber eröffnen sich neue Möglichkeiten, von denen Bereichsleiter Jörg Breuer viele "eher morgen als übermorgen" sieht.

Das Auto erkennt bereits Tempobeschränkungen

Den Einstieg in die neue Sichtweise des Autos könnte die Verkehrszeichen-Erkennung markieren. Mit einer Kamera an der Innenseite der Frontscheibe scannt das System die Umgebung und filtert aus dem Panoramabild alle kreisrunden Verkehrszeichen heraus, die Tempolimits anzeigen. Egal ob am Straßenrand montiert oder auf einer Schilderbrücke eingeblendet, werden sie von der Software erkannt und als Gedankenstütze im Cockpit angezeigt. Das ist allerdings nur der Anfang. Im nächsten Schritt ist auch die Erkennung von Stopp- oder Vorfahrtsschildern denkbar. Außerdem könnte das System mit anderen Assistenten verknüpft werden und so, etwa gemeinsam mit dem Tempomat, eine unkritische Geschwindigkeit halten. Die Entwicklung stützen die Schwaben auf Ergebnisse aus der Unfallforschung, sagt Breuer: "Schließlich ist nicht angepasste Geschwindigkeit die häufigste Ursache der meisten und der folgenschwersten Unfälle."

Weil zudem jeder sechste schwere Verkehrsunfall durch das Abkommen von der Fahrspur verursacht wird, arbeitet man in Sindelfingen auch an einem Spurhalte-Assistenten. Auch der ist an sich nicht neu. Doch während bei den etablierten Systemen der Fahrer lediglich wachgerüttelt wird, plant Mercedes einen aktiven Eingriff. "In einer ersten Stufe wird der Fahrer auch bei uns gewarnt", sagt Entwickler Ingo Dudek und demonstriert das Vibrieren des Lenkrads, wenn sich der Testwagen der Seitenmarkierung nähert. Lässt der Fahrer diesen Hinweis unbeachtet, startet allerdings die zweite Stufe, die den Wagen wie von Geisterhand wieder auf Kurs bringt. Dafür nutzt Mercedes einen Bremseingriff wie beim ESP-Einsatz. "Das macht uns unabhängig von der jeweils eingesetzten Lenktechnik und von der Reaktion des Fahrers, der sonst intuitiv gegenlenkt oder den Einschlag noch vergrößert."

Neue Systeme können räumlich sehen

Während solche Systeme nur zweidimensional sehen können, arbeiten Dudeks Kollegen bereits an einer Technik, die der menschlichen Sicht noch näher kommt. Sie nutzen Stereobilder zweier Kameras und schaffen damit ein räumliches Bild. In einem ersten Schritt wollen sie auf diese Weise stehende Objekte erkennen und dem Autofahrer zum Beispiel einen sicheren Weg durch Pylonengassen, Barkenwälder oder von Betonwällen flankierte Autobahn-Baustellen weisen. Noch wichtiger aber sind bewegte Objekte wie andere Autos, Radfahrer oder Fußgänger, die zum Beispiel Kreuzungen nach wie vor zu Unfallschwerpunkten machen. Solche potentiellen Unfallgegner sollen von den Videoaugen künftig identifiziert werden und den Fahrer vor möglichen Kollisionen warnen.

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