VW Iltis Vier gewinnt
Ein Rallyeauto stellt man sich gewiss anders vor. Nicht so eckig. Nicht so kippelig. Nicht so schlicht und abgemagert. Doch das kümmerte Roland Gumpert keineswegs. Der Ingenieur bei Audi erhielt im Sommer 1979 den Auftrag, das knorrige Allradmodell Iltis rallyetauglich zu machen. Gumpert: "Wir wollten beweisen, dass man mit einem fast serienmäßigen Geländewagen erfolgreich eine 10.000 Kilometer lange Rallye durch Afrika bestreiten kann."
Der sportliche Ehrgeiz war das eine, das Geschäft das andere. Denn just zu dieser Zeit waren zehn VW Iltis im Fahrversuch der französischen Behörden, "die eine große Anschaffung für militärische Zwecke beabsichtigten", wie VW erklärte. Ein Einsatz bei der eben aus der Taufe gehobenen Fernfahrt Paris-Dakar konnte da nicht schaden.
Bei der zweiten Auflage der Rallye im Jahr 1980 sollte es soweit sein. Der Motor des Iltis, ein 1,7-Liter-Vierzylinder, wurde von ursprünglich 75 PS auf 110 PS aufgepäppelt (55 auf 81 kW). Dazu kamen ein Überrollkäfig, Sportsitze, ein Dreispeichenlenkrad, einige Anzeigeinstrumente sowie ein 90 Liter großer Extratank als Ergänzung des 85 Liter fassenden Serientanks. Der Volkswagen-Konzern schickte vier Iltis an den Start des Wüsten-Marathons. Zwei französische Fahrerteams, ein schwedisch-deutsches mit Fahrer Freddy Kottulinsky und Copilot Gerd Löffelmann sowie ein deutsches Team, das als "Serviceauto" für die drei anderen ins Rennen ging. Am Steuer Ingenieur Gumpert, auf dem Beifahrerplatz Alois Eder.
Keiner wußte, worauf er sich einließ Niemand wusste so recht, was einen auf der damals noch weithin unbekannten Rallye erwarten würde. Der Franzose Jean Ragnotti zum Beispiel hatte sein Kochgeschirr vergessen und löffelte seine Mahlzeiten aus einer umgedrehten Scheinwerfer-Schutzabdeckung. Auch Kottulinsky, gebürtiger Münchner mit schwedischem Pass, ging die Veranstaltung erfrischend unkompliziert an. Der Graf vergaß geflissentlich, dass Wüstennächte extrem frisch sein können. "Es war ganz schön kalt, als ich im Iltis vorne quer auf den Sitzen schlief", erinnert sich Kottulinsky.
An Zelt und Schlafsack hatte in der Hektik der letzten Vorbereitungen vor dem Start niemand gedacht. Navigationshilfen wie GPS oder vernünftige Kommunikationstechnik gab es auch noch nicht. "Wir hatten ein Funkgerät dabei", berichtet Gumpert. "Seine Reichweite betrug etwa ein, zwei Kilometer."
Doch die Ilitis-Truppe schlägt sich wacker - und ist sehr schnell. Das Ziel, den Lac Rosé im senegalesischen Dakar, erreichen Kottulinsky/Löffelmann nach 48:24 Stunden (4059 Kilometer Sonderprüfungen) als Erste der Gesamtwertung. Platz zwei mit 12 Minuten Rückstand belegte das Iltis-Team Zaniroli/Colesse. Auf Platz vier wieder ein Iltis (Ragnotti/Vails) und der Service-Iltis mit 300 Kilo Ersatzteilen an Bord erreicht als Neunter Dakar. Alle vier Autos im Ziel, dazu ein Doppelsieg: die Mission ein voller Erfolg.
Sieger Kottulinsky, der als inzwischen 71-Jähriger im thüringischen Schleiz lebt und noch immer als Fahrertrainings-Instruktor für Audi arbeitet, über den damaligen Endspurt: "Zum Schluss wollte ich meinem Beifahrer die Arbeit versüßen und habe ihn noch einmal motiviert, indem ich ihm die Hälfte des Preisgeldes angeboten habe. Der Sieg war einfach phantastisch."