VW Individual: Extrawürste aus Wolfsburg - DER SPIEGEL
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VW Individual Extrawürste aus Wolfsburg

Von wegen Massenfertigung und Individualisierung schließen sich aus: Weil auch unter den VW-Kunden immer weniger Leute ein Auto von der Stange wollen, gibt es nun eine eigene Marke für Extrawürste. So sollen "erfüllbare Träume" wahr werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es klingt paradox. Doch glaubt man der Hamburger Trendforscherin Betty Siegel, dann sind sich die Menschen zumindest in einem gleich – im Wunsch, anders zu sein als die anderen. Seit der Zeit der Aufklärung vor mehr als 300 Jahren versuche sich der Mensch zu differenzieren und eine eigene Wahl zu treffen. Heute unterstützt die Industrie ihn dabei heute nach Kräften. Im Supermarkt resultiert daraus die Wahl zwischen 30 statt drei Joghurtsorten, in der Modeboutique oder im Sportgeschäft gibt es personalisierte T-Shirts, Jacken oder Turnschuhe und beim Autohändler das Fahrzeug nach dem eigenen Geschmack.

Obwohl Autos natürlich Massenprodukte aus einem hoch automatisierten Fertigungsprozess sind, bieten die Hersteller ihren Kunden über optische Merkmale oder die Ausstattung immer mehr Möglichkeiten der Differenzierung. Bislang war das vor allem eine Domäne der Luxusmarken.

"Wenn man in der Oberklasse auftreten möchte, ist Individualisierung heute ein Muss", sagt Carsten Kröger und erklärt damit, warum es auch bei VW eine Abteilung für die Veredelung vermeintlich schnöder Serienprodukte gibt, die nun deutlich gestärkt wird. Künftig dürfen seine 250 Mitarbeiter bei der VW Individual GmbH jedem ihrer Autos ein eigenes Logo auf die Seite pappen, in die Einstiegsleiste gravieren und in das Leder der Kopfstütze prägen: Ein kleines "i" soll deutlich machen, dass der Wagen eben nicht von der Stange kommt.

Dabei bieten die Niedersachsen unterschiedliche Individualisierungsstufen an, denen jeweils eine deutlich erweiterte Auswahl an Lacken und Leder, an Rädern und Reifen, Hölzern und Metallapplikationen sowie an zusätzlicher Ausstattung zu Grunde liegt. Daraus schnüren die Entwickler mit dem Designteam komplette Fahrzeuge, die als "Individual-Modelle" vom Golf aufwärts in gesonderten Katalogen stehen. Außerdem können die meisten Lösungen - von der Klavierlackkonsole bis zur Ledermanschette - auch einzeln bestellt und ab einem gewissen Grad der Individualisierung mit dem neuen Logo geadelt werden.

Ganz eigene Vorstellungen, wie das Auto aussehen soll

Nicht jedem Kunden reicht dafür der etwas dickere Musterkatalog, den ihm die Individual GmbH bei rund 100 speziell geschulten VW-Händlern vorlegt. "Sondern viele Kunden treten auch mit ganz eigenen Vorstellungen an uns heran", sagt Kröger, dessen Credo "Nichts ist unmöglich" heißen müsste, wenn das nicht schon von Toyota besetzt wäre. Denn so lange es technisch darstellbar und rechtlich unbedenklich ist und vom Kunden später auch bezahlt wird, macht Kröger eigentlich alles möglich und bemüht die in dieser Branche üblichen Beispiele von der Karosseriefarbe, die zum Nagellack der Gattin passt, oder der Lederausstattung, die auf die Lieblingsschuhe abgestimmt ist.

Solche Sonderwünsche seien zwar selten, gibt der Geschäftsführer zu. Doch komme seine GmbH immerhin auf rund 300 Unikate pro Jahr, die ohne Blick in den Katalog entstanden sind. Mal haben die Mitarbeiter einen Zusatztank eingebaut, mal etwas die Leistung gesteigert, mal DVD-Spieler, Monitore oder Videorekorder montiert und mal den Lack auf die Farben der Firma abgestimmt, sagt Kröger und erzählt zum Beispiel von einem Phaeton, der jetzt in leuchtendem Gelb mit blau-gelbem Innenleben unterwegs ist. Solche Extrawürste sind allerdings ein teures Vergnügen. Zwar beginnt die Preisliste bereits bei knapp 200 Euro für die iPod-Integration. "Doch mit der richtigen Lederausstattung und einer Sonderfarbe sind schnell mal 30.000 oder 40.000 Euro zusammen", sagt der Chef. "Und unter Umständen kann sich der Fahrzeugpreis glatt verdoppeln."

Wir basteln uns einen Sieben-Meter-Luxusschlitten

Bei zwei bislang unverkäuflichen Unikaten wird das kaum reichen. Um das "Maximum des Machbaren" zu zeigen, haben die Wolfsburger Spezialisten kürzlich aus drei Exemplaren ihrer Luxuslimousine einen einzigen Phaeton Lounge zusammengebaut. Um 1,80 Meter gestreckt, misst die Zwölfzylinder-Limousine nun fast sieben Meter, bietet im Fond eine Vis-à-vis-Bestuhlung mit vier Plätzen, die jedes Wohnzimmer adeln würden und verwöhnt die Passagiere mit einer luxuriösen Welt aus Holz und Leder. Und weil vor allem die Kundschaft aus Arabien immer mal wieder nach einem vornehmen Pick-up gefragt hat, geistert nun eine Studie durchs Unternehmen, die den Touareg als Luxuslaster mit offener Ladefläche zeigt.

Doch die Individual GmbH kümmert sich nicht nur um die lukrativen Sonderwünsche, sondern dient auch als Entwicklungsabteilung für neue Ideen und Trends. Ein bisschen so wie AMG bei Mercedes oder die M GmbH bei BMW, zeichnet sie verantwortlich für die sportlichen R-Modelle von Golf und Passat, den stärkeren Geburtstags-GTI oder die Cup-Edition des Polo GTI. Außerdem kommt von ihr die Idee zu den Cross-Varianten für Polo, Golf und Touran. Aber nicht immer geht es den Niedersachsen um Leistungslust, Lifestyle oder gar Individualität: Weil sie auch die Einsatzfahrzeuge von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr entwickelt, stehen auf ihrem Parkplatz der Unikate regelmäßig auch Autos in Uniform.