VW Phaeton: Die Kutsche aus dem Glashaus - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

VW Phaeton Die Kutsche aus dem Glashaus

In Dresden wurde heute die "Gläserne Manufaktur" eingeweiht. Bei der Gelegenheit lüftete Noch-VW-Chef Ferdinand Piëch auch das Geheimnis um den Namen der neuen Luxuslimousine, die bislang mit dem Code D1 bezeichnet wurde: Phaeton.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?


Zur Fotostrecke: Die gläserne Manufaktur!



Phaëton heißt in der griechischen Mythologie der Sohn des Sonnengottes Helios. Der lenkte den Sonnenwagen seines Vaters so ungeschickt, dass er die Erde in Brand setzte - und prompt von Zeus bestraft wurde. Später fand der Name Verwendung als Bezeichnung für eine leichte, vierrädrige Kutsche. Nun stand er Pate für eine neue Luxuslimousine aus dem Hause Volkswagen, die ab Frühjahr 2002 ausgeliefert werden soll.

Im Mittelpunkt stand am Dienstag allerdings die Eröffnung der Hallen, in denen der Phaeton künftig zusammengeschraubt wird. Bundeskanzler Gerhard Schröder hielt die Festrede, Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und die anderen geladenen Gäste klatschten Beifall.

Ferdinand Piëch sagte, mit der Eröffnung der Anlage werde "Automobilgeschichte betrieben". Er erklärte, dass die Marke Volkswagen in der gläsernen Manufaktur "eine neue Dimension der emotionalen Anbindung" zwischen Kundschaft und Produkt erreicht werde.

Weil aber Autos eben doch Autos sind und bleiben, und also ihre emotionale Kraft abseits der Marketing-Ebene stark eingeschränkt ist, vertraute VW bei der Eröffnungszeremonie auf die Musik als emotionales Element. Die Staatskapelle Dresden brachte die schon zur Grundsteinlegung komponierte Overtüre von Andreas Goldmann und Thomas Berlin zu Gehör, es sangen Ute Selbig und Jochen Kupfer von der Semper Oper. Der Trompeter Rainer Bemman blies sein anlässlich des Richtfestes geschaffenes Werk "Glasklar" und schließlich traten auch noch Tänzer der Palluca-Schule und sechzig Knaben des Dresdner Kreuzchores auf.

Ein ungewöhnlicher Aufwand zur Eröffnung einer außergewöhnlichen Produktionsanlage. In die neue Fabrik, VW nennt die Anlage stets vornehm Manufaktur, am Straßburger Platz im Zentrum der sächsischen Landeshauptstadt investierte das Unternehmen 365 Millionen Mark. Zusammengebaut werden hier künftig die Luxusmodelle von VW, also zunächst der Phaeton, ab Herbst nächsten Jahres auch die Topversion des Geländewagens Tuareg (bislang bekannt als Colorado) und später wohl auch der Supersportwagen Nardo (bislang bekannt als W12 Coupé).

Was die vom Architekturbüro Henn geplanten Werksgebäude auszeichnet sind die großen Glasflächen; insgesamt 27.500 Quadratmeter Glas wurden verbaut, insofern ist die Bezeichnung "Gläserne Manufaktur" durchaus zutreffend. Auch in einer weiteren Bedeutung, denn VW gewährt seinen Kunden - und vermutlich auch Interessenten - von einer Plattform im Gebäudeteil "Nocken-Tower" einen Einblick in die Fertigung.

Was man hier zu sehen bekommt, soll vor allem eines: Eindruck machen. Auf dem Boden ist Parkett verlegt, die Maschinen und die Metallteile der Elektro-Hängebahn, die die Karossen von Montagestation zu Montagestation transportiert, sind auf Hochglanz poliert. Hier wird Autofabrikation zelebriert - nicht zuletzt als Rechtfertigung für den hohen Preis, den der Kunde für den VW zahlt.

In der neuen VW Anlage sind rund 800 Arbeitsplätze entstanden, weiter 2400, so die Schätzungen, entstehen bei Zulieferen im Großraum Dresden. Maximal 150 Fahrzeuge können täglich in den Montagehallen gefertigt werden. Bei der Grundsteinlegung der Fabrik im Juli 1999 nannte Piech die VW-Entscheidung, sich in Dresden anzusiedeln, auch ein Bekenntnis zu den neuen Bundesländern. Bei voller Auslastung, so heißt es in Wolfsburg, werden der Stadt an der Elbe pro Jahr rund 40 Millionen Mark zusätzliche Steuereinnahmen zufließen; die Wertschöpfung werde durch die Ansiedlung von Volkswagen etwa eine Milliarde Mark pro Jahr betragen.

Die Autoproduktion trägt dazu den Löwenanteil bei, aber es gibt auch noch andere Wertschöpfungs-Möglichkeiten auf dem VW-Gelände. Zum Beispiel den sogenannten Event-Bereich. Hier sollen sich Besucher "erlebnisorientiert" über VW, die neuen Luxusmodelle und das Thema Verkehr informieren. Selbstabholer der in Dresden produzierten Autos werden in einem separaten Teil exklusiv betreut.

Insgesamt stehen in diesem Bereich inklusive Gastronomiefläche rund 15.000 Quadratmeter zur Verfügung. Und wem das Tamtam ums goldene Kalb auf den vier Rädern irgendwann auf die Nerven geht, kann in den benachbarten, nur 100 Meter entfernt gelegenen Botanischen Garten ausweichen.

Die Anlage rund um die VW-Gebäude werden übrigens bei Dunkelheit durch spezielle Natriumdampflampen erhellt. Das Licht dieser Lampen strahlt im gelben Spektralbereich, der die Insekten von nebenan nicht stört.

Verwandte Artikel