Wellness im Auto: "Derzeit riecht es stets nach Klostein" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Wellness im Auto "Derzeit riecht es stets nach Klostein"

Wellness-Autos? Von der Malochermarke Opel? Was für die Tourismus-, Getränke- und Freizeitindustrie richtig ist, kann für die Autohersteller nicht falsch sein, sagt Opel-Stratege Frank Leopold. SPIEGEL ONLINE erklärt er, wie das Wohlfühlauto der Zukunft aussehen könnte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Leopold, bislang war das Auto vor allem Transportmittel und Statussymbol. Jetzt wollen Sie einen Wellness-Tempel daraus machen. Warum?

Frank Leopold: Ich bin überzeugt, dass wir neue Wege gehen müssen, um unsere Autos von denen der Konkurrenz abzugrenzen. Umweltfreundliche Antriebe, intelligente Assistenzsysteme, Multimedia – das werden künftig alle bieten. Dann kann der Wohlfühlfaktor zum Kaufkriterium werden. Außerdem werden wir immer mehr Zeit im Auto verbringen und im dichter werdenden Verkehr weniger Fahrspaß erleben. Also muss das Auto andere Freuden bieten. Warum nicht Wellness auf Rädern?

SPIEGEL ONLINE: Was soll denn das überhaupt sein, ein Wellness-Auto?

Leopold: Natürlich denkt man bei diesem Stichwort erst einmal an Sauna, Massage und allerlei Tinkturen. Nun wird es in einem Opel auch künftig weder Dampfbad, Räucherstäbchen oder Wasserfall geben. Aber wir haben fünf Themen gefunden, mit denen man das Befinden des Fahrers beeinflussen kann. Je nach Stimmungslage des Fahrers, werden sich die Einstellungen des Wagens ändern.

SPIEGEL ONLINE: Bitte ein konkretes Beispiel!

Leopold: Die Klimatisierung etwa ist extrem wichtig. Mit einer Tankfüllung schafft man heute bis zu tausend Kilometer. Fährt man diese Strecke stur in eine Richtung, durchquert man vier Klimazonen, in denen das Auto unterschiedlich temperiert werden muss, damit sich der Fahrer wohl fühlt. Außerdem werden Düfte und Farben eine Rolle spielen. Wir wollen die Fahrzeugsysteme künftig weiter vernetzen und für das richtige Klangerlebnis sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wechselnde Innenlichtfarben gibt es bereits – und Autos mit Parfümspender auch.

Leopold: Ja, aber mit Beleuchtungsfarben muss man intelligent spielen. Es geht um unerwartete Effekte vom Willkommenslicht bis zum Sternenhimmel unterm Dach – und das alles automatisch. Denn einen Extraschalter für solche Spielereien wird keiner nutzen. Auch das Thema Duft ist noch längst nicht ausgereizt. Derzeit riecht es stets nach Klostein, die Autoparfüms sind zu aufdringlich und passen meist nicht zum Fahrzeug.

SPIEGEL ONLINE: Was will Opel da besser machen?

Leopold: Das Ideal ist eine Art Duftorgel, die in den Tiefen des Belüftungssystems sitzt und ganz subtil Duftnoten setzt: ein bisschen Herrenclub passend zum vornehmen Interieur einer Limousine oder einen Hauch Orange und Zitrone für ein warmes Terrakotta-Ambiente.

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen vom solchen Geruchsspielereien – wodurch würde sich ein Wellness-Auto noch auszeichnen?

Leopold: Zunächst einmal werden die Autos nicht mehr größer werden; zu viel Weite ist nämlich gar nicht gut. Zum bequemen Sitzen gehört, dass man sich anlehnen und anschmiegen kann. Die Materialien müssen angenehm sein, die Formen ebenso. Fließende Übergänge der einzelnen Bauteile sind gefragt, daher werden sich Opel-Cockpits künftig bis in die Türen ziehen, Armlehnen oder Türgriffe werden weder Anfang noch Ende haben. Die Zeit der Telefonzellen-Architektur ist vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Ist das wirklich mehr als ein Design-Trend, der sich in ein paar Jahren wieder ändern wird?

Leopold: Es ist ja nicht nur die Form des Interieurs. Wichtig sind vor allem die Sitze, die besser werden müssen. Massage- und Belüftungsfunktionen etwa werden selbst in Kleinwagen normal sein, eine gute Ergonomie ist ohnehin selbstverständlich. Viele dieser Wohlfühlbausteine sind nicht völlig neu. Aber wir werden sie jetzt geschickt kombinieren und vor allem richtig erklären.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Wellness-Wagen soll die Stimmung des Fahrers positiv beeinflussen. Dazu müsste das Auto erstmal erkennen, wie sich der Mensch am Steuer gerade fühlt ...

Leopold: Schon heute wird der Fahrstil registriert, etwa zur Anpassung der automatischen Getriebesteuerung. Wird das Navigationsgerät per Spracheingabe bedient, kann die Stimme analysiert und der Gemütszustand ermittelt werden. Zudem lässt sich über Kontaktflächen etwa der Puls ermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Big car is watching you ...

Leopold: Ist der Fahrer morgens müde und unausgeschlafen, würde das Fahrwerk vielleicht etwas weicher eingestellt. Beim Musikprogramm würden die Spitzen gekappt, es liefe eher Katie Melua als Brian Adams. Ein frischer Duft, ein angenehmes Klima, ein warmes Licht wie ein Sonnenaufgang, so könnte der Tag im Wellness-Auto beginnen.

SPIEGEL ONLINE: Und was bekäme der genervte Büromensch am Feierabend geboten?

Leopold: Dann besänftigt ihn der Pkw der Zukunft. Das Auto spielt die Lieblingsmusik des Fahrers, massiert und kühlt ihm den Rücken und beruhigt ihn mit einem entspannenden Duft.

SPIEGEL ONLINE: Klingt alles nach ferner Zukunftsmusik.

Leopold: Nein, diese Ideen fließen in unsere tägliche Arbeit ein. Das vollkommene Wellness-Auto gibt es noch nicht. Aber einige Schritte machen wir bereits im Opel Insignia. Wenn man andere Konzeptfahrzeuge anschaut, kann man schon erkennen, dass wir die Wellness-Schraube mit jedem neuen Modell ein bisschen weiter drehen.

Das Gespräch führte Tom Grünweg

Mehr lesen über