XXL-Allradler Lagonda Nilpferd im Nerz
"Meinen die das wirklich ernst?" - das ist noch eine der freundlicheren Reaktionen auf den neuen Luxusliner, den Aston Martin auf dem Autosalon in Genf als Reinkarnation der feinen Tochtermarke Lagonda vorstellt. Exakt hundert Jahre nachdem die 1899 gegründete Firma das erste Auto baute, gut 60 Jahre nach der Übernahme durch Aston Martin und 20 Jahre nach dem Ableben des bislang letzten Lagonda-Modells reanimiert Firmenchef Ulrich Bez nun die Marke - unbeeindruckt von jedweder Kritik. Ist das Monster vielleicht eine besonders abgefahrene Designstudie? Oh nein. "Das ist das fertige Auto", sagt Bez über die Wuchtbrumme auf seinem Messestand. Hoch aufragender Kühlergrill, schmale Fenster an den vier Türen und ein scheinbar angesetzter Kofferraum unter der Schießscharte von Heckscheibe - die Optik erinnert an ein Nilpferd im Nerzmantel und hat so gar nichts gemein mit der Eleganz der Sportwagen von Aston Martin. Details am Kühlergrill, an den LED-Scheinwerfern oder an den 22-Zoll-Felgen könnten sich noch ändern, sagt Bez, "doch das Konzept steht." 2012 soll das Serienmodell debütieren.
Aber was ist das für ein Trumm, das mit geschätzten fünf Metern Länge und mehr als zwei Tonnen Gewicht den Messestand der Briten zu sprengen droht? Wie zuletzt BMW den 5er-GT muss auch Bez sein Nischenmodell langwierig erklären und geht dabei weit in die Geschichte der Mobilmachung zurück. "Damals war jedes Auto Luxus, und mit diesen echten Luxusgefährten konnte man auch überall hinfahren", sagt Bez und erinnert an Parforce-Touren von PS-Pionieren durch Russland oder Afrika.
Moderne Geländewagen seien jedoch immer weniger für den Geländeeinsatz geeignet. "Und mit einer klassischen Luxuslimousine fahre man zwar standesgemäß am Hotel vor", erläutert Bez, doch es gebreche ihr an Kopf- und Bodenfreiheit. Das möchte Bez nun ändern; mit einem Auto, das auf der Autobahn, vor dem Grand Hotel und auf dem Waldweg zum Chalet gleichermaßen eine gute Figur macht. Der Lagonda sei die neue Avantgarde, sagt er. "Das ist das Luxusauto der Zukunft."
"Luxusmobilität hat mit der Masse nichts zu tun"
Dass die wirtschaftlichen Aktualitäten nach allem Möglichen verlangen, aber nicht nach neuen Luxusschlitten, ficht den ehemaligen Entwicklungschef von Porsche und Daewoo nicht an. "Bei einem Projekt mit einem Horizont von drei bis fünf Jahren darf man nicht auf die Stimmung weniger Monate schauen", erklärt Bez. Auch die Diskussion um Klima und Ressourcen kümmert ihn nicht. "Die Massenmobilität wird sich gravierend verändern", glaubt er. "Doch Luxusmobilität hat mit der Masse nichts zu tun", fügt er rasch an. Sport- und Prunkwagen werde es immer geben.
Für das neue Auto kann Bez die bestehende Aston-Martin-Technik kaum nutzen. Deshalb absolvierte er in den letzten Monaten Tausende von Kilometern in großen Geländewagen aller Marken und erkor schließlich den Mercedes GL zur geeigneten Lagonda-Plattform. Als Aston noch zu Ford gehörte, wäre die Kooperation wohl undenkbar gewesen. "Jetzt aber konnten wir uns für die Bodengruppe entscheiden, die wir für die beste hielten", schmeichelt er den Schwaben.
Mercedes-Technik für den Lagonda-Neustart
Vom größten Allrad-Pkw von Mercedes übernimmt der Lagonda nicht nur Plattform, Fahrwerk, Allradantrieb und sogar die Windschutzscheibe, sondern die Kooperation mit den Stuttgartern erlaubt auch den Zugriff auf neue Motoren. Die Studie wird zwar, wie das künftige Flaggschiff der Baureihe, vom sechs Liter großen V12-Aggregat aus dem Aston Martin DBS vorangebracht. "Doch für Märkte mit sensibleren Kunden könnten wir auch die V8-Diesel von Mercedes oder einen Hybridantrieb einbauen", schwärmt Bez von den Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
So nah sich Bez und Benz auch kommen: Im Lagonda-Innenraum ist die Kooperation nicht zu bemerken. Lack und Leder dominieren. Die vier sportlich geformten Sitze sind mit feinen Tierhäuten bezogen, an den Nackenpartien sind Nerzfelle eingearbeitet, der Boden ist mit flauschigem Teppich ausgelegt und die Zierleisten sind aus blankem Metall.
Kopfschüttelnde Skeptiker, optimistischer Chef
Die Erwartungen Bez' an den neuen Luxusliner sind hoch. Während am Messestand die kopfschüttelnden Skeptiker überwiegen, will der Chef etwa 5000 Exemplare pro Jahr zu Preisen zwischen 150.000 und 200.000 Euro verkaufen. "Bislang gab es viele Regionen, in denen wir für unsere Sportwagen nicht genügend Kunden fanden und ein Händler deshalb nicht überleben konnte", sagt Bez.
Beispiel USA:"Wir sind an West- und Ostküste präsent, nur dazwischen gibt es uns nicht." Ähnlich wie Porsche vor einigen Jahren mit dem Geländewagen Cayenne solche weißen Flecken tilgte, soll auch der Lagonda für Verbreitung sorgen. Bislang ist Aston Martin in 30 Staaten aktiv, mit dem Lagonda sollen es etwa hundert werden.
Anders als bei einigen Konkurrenten soll die Kernmarke Aston Martin nicht angetastet werden. "Bei den Sportwagen machen wir keine Kompromisse", sagt Bez, deshalb werde das Label Lagonda ja wiederbelebt. Die Historie ist für die Positionierung sicherlich hilfreich. Unternehmerisch jedoch war Lagonda stets ein abschreckendes Beispiel: Vom bislang letzten Modell, einer kantigen Limousine, wurden von 1976 bis 1989 nicht einmal 700 Autos verkauft.