Alfa Romeo Giulietta: Große Ambitionen
Alfa Romeo Giulietta Schönling mit Substanz
Alfa Romeo und Technik? Seit die italienische Marke vor fast 20 Jahren dem Common-Rail-Dieselmotor den Weg bereitete, hörte man kaum noch etwas von Innovationen der sportlichen Fiat-Konzernmarke. Das Augenmerk lag stets auf dem Design der Autos; die Tradition, die Rasanz, die Italianità der Fahrzeuge wurde mit ästhetischen Mitteln beschworen. Wie es darunter aussah, hing vom jeweiligen Fiat-Basismodell ab.
Auch künftig wird Alfa Romeo auf die Wirkung des schönen Scheins setzten - das wird von dieser Marke erwartet. Doch wenn ab Mitte Mai hierzulande zu Preisen ab 19.900 Euro der neue Kompaktwagen Giulietta das angestaubte Modell 147 ersetzt, ist das auch ein kleiner Sieg der Ingenieure. Denn neben einem sehr ansehnlichen Design gibt es diesmal auch reichlich neue Technik.
Zunächst einmal debütiert mit dem Alfa Guilietta auch eine komplett neue Plattform. Sie ist der Stolz des Projektleiters Matteo Benedetto und soll künftig auch für die Nachfolgemodelle von Fiat Bravo und Lancia Delta das Fundament bilden. Da auch ein Allradantrieb möglich wäre, gilt es als sicher, dass die Technik auch Grundlage kommender Autos der neuen Fiat-Tochter Chrysler wird. Als Referenzmodell zur Entwicklung der frischen Auto-Architektur hat Projektleiter Benedetto den den VW Golf erkoren. Mit erwartbarem Resultat: "Unser Auto ist größer, wird im Crashtest mehr Punkte erzielen und ist obendrein auch noch leichter."
Leichtbau ist ein zentrales Ziel, denn zuletzt gab es immer wieder Kritik an den recht füllig geratenen Modellen Alfa 159, Brera und Spider. Durch den Einsatz von Spezialstahl, Aluminium und Magnesium wurde der Größenzuwachs (Länge plus 20 Zentimeter) derart kompensiert, dass der neue Alfa Giulietta mit etwa 1,3 Tonnen Leergewicht kaum mehr wiegt als das Vorgängermodell. Auch Konkurrenten wie VW Golf und Opel Astra ist der Wagen um einige Kilo voraus.
Die erste Sitzprobe überzeugt durchaus. Vor allem im Fond merkt man die Handbreit mehr Radstand und findet endlich Platz für die Knie. Außerdem fasst der Kofferraum jetzt konkurrenzfähige 350 Liter, die nicht mehr durch Ausbeulungen für die Federbeine oder andere konstruktive Missgriffe zerklüftet werden. Nur die hohe Ladekante bleibt. Außerdem ist das Heckfenster so klein, dass man nach hinten ziemlich wenig sieht.
Per Tastendruck wird das Auto gemütlicher oder wilder
Vom Platz hinterm Lenkrad aus hat man die Bedienelemente gut im Griff. Der Blick schweift über schmucke Instrumente und eine breite Konsole aus poliertem Aluminium, es gibt modische Kippschalter wie im Supersportwagen 8C Competizione und die Hände greifen an ein Sportlenkrad mit dick aufgepolstertem Kranz. Das macht Lust auf die erste Ausfahrt.
Die führt zunächst über die Landstraße, wo der Alfa seine sportlichen Ambitionen unter Beweis stellt. Die neue, rein elektrisch unterstützte Servolenkung ist präzise, die Straßenlage straff, und die Bremsen haben so viel Biss, dass man bei forcierter Gangart sogar versehentlich den Warnblinker aktiviert - weil das System eine Notbremsung vermutet und automatisch die nachfolgenden Autos warnen möchte.
Umgekehrt gibt sich das Auto bei lässiger Fahrt sehr gelassen. Das hat mit dem bereits aus dem Kleinwagen Mito bekannten DNA-Schalter zu tun. Mit dieser Taste lässt sich die Motorelektronik variieren, die Lenkung härter oder weicher einstellen und das elektronische Sperrdifferential an der Vorderachse verändern. Der neue Wagen soll so Handlichkeit, Sportlichkeit und Komfort vereinen. Typisch Alfa ist dieser Anspruch natürlich nicht, denn so argumentieren alle Hersteller von Massenmodellen.
Vier Turbomotoren zur Auswahl, ein Vollgas-Typ folgt im Sommer
Unter der Haube besteht zunächst die Wahl zwischen zwei Benzinern und zwei Dieselmotoren mit 105 bis 170 PS, im Sommer folgt eine Sportversion mit 235 PS. Auch im Antrieb steckt eine Innovation, die schon im Modell Mito eingeführte Multiair-Technologie: Mit Hilfe einer variablen Ventilsteuerung holen die Ingenieure aus dem 1,4-Liter-Turbo-Benziner ordentliche 170 PS und bis zu 250 Nm, mit denen das Auto flott in Fahrt kommt. Drehfreudig beschleunigt der Wagen in 7,8 Sekunden auf Tempo 100 und zügig weiter bis auf maximal 218 km/h. Auf dem Prüfstand verbaucht die Maschine 5,9 Litern Kraftstoff auf 100 Kilometer und ist damit um mehr als zehn Prozent sparsamer als der Einstiegs-Benzinmotor mit 105 PS. Wer das 170-PS-Modell jedoch flott bewegt, muss einen Durchschnittsverbrauch von mindestens 8 Litern einplanen.
Serienmäßig für alle Modelle sind sechs Airbags, Klimaanlage, ESP und der bereits erwähnte DNA-Schalter. Dazu kommen Tagfahrlicht mit LED-Technik und Start-Stopp-Automatik. Das schlägt sich freilich im Preis nieder. Schon das eher freudlose Einstiegsmodell kostet 19.900 Euro und ist damit rund 20 Prozent teurer als vergleichbare VW-Golf- oder Opel-Astra-Typen. Und wer mit dem stärksten Benziner loslegen will, muss mindestens 22.400 Euro berappen. In dieser Preisregion bekommt es der Alfa Giulietta mit Wettbewerbern von Audi oder BMW zu tun - und da muss er sich dann wieder auf sein Äußeres verlassen.