Audi A6 3.0 TFSI E-Klasse? Welche E-Klasse?
Mercedes nimmt den Mund zurzeit mächtig voll: Die neue E-Klasse sei die "beste Business-Class-Limousine der Welt". Solche Superlative sind etwas ermüdend, zumal sie für fast jedes neue Auto herhalten müssen. Manchen Wettbewerber dürfte die E-Klasse dennoch verunsichern - vor allem wenn das eigene Produkt, wie zum Beispiel der 5er BMW, schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Bei Audi kann man der Neuauflage des schwäbischen Bestsellers etwas gelassener entgegen sehen.
Der A6 wurde auf Vordermann gebracht; in der jetzigen Facon muss er sich nun noch zirka drei Jahre gegen die Rivalen behaupten. Man muss allerdings schon zweimal hinschauen, um den neuen A6 zu erkennen. Denn am Design hat Audi mit Rücksicht auf die Restwerte des Vorgängers nur wenig geändert. Ein paar Retuschen am Kühlergrill, etwas Schminke an den Scheinwerfern, und ringsum neue Schweller und Schürzen sowie ein bisschen Feinschliff am Cockpit - das musste diesmal reichen.
Dafür jedoch wurde die Armada der elektronischen Helfer weiter aufgerüstet. Feiner Nebeneffekt: Für diese Assistenten müssen die Kunden extra zahlen. Etwa, wenn der tote Winkel schräg neben und hinter dem Auto von der Elektronik überwacht werden soll, oder der Abstand zum Vordermann und die Nähe zur Ideallinie von einem Radarsystem kontrolliert wird. Auch Handbremse, Handschuhfach und Heckdeckel werden elektrisch bedient, und selbst um den Wechsel zwischen Fern- und Abblendlicht muss man sich nicht mehr eigenhändig kümmern - auch das übernimmt ein elektrisches Assistenzsystem.
Am wichtigsten ist den Bayern allerdings die renovierte Motorenpalette, die eine üppige Auswahl von sechs Benzinern mit Leistungen von 170 bis 350 PS und vier Dieselmotoren (136 bis 240 PS) bietet. Obwohl viele der Vier-, Sechs- und Achtzylinder an Leistung zugelegt haben, ging der Verbrauch im Mittel um zwölf Prozent zurück. Besonders interessant ist der neue V6-Benziner im 3.0 TFSI. Denn obwohl eindeutig ein T im Typenkürzel steht, drückt hier statt des erwartbaren Turboladers ein Kompressor die Luft in die Brennkammern.
Ein kraftvoller Motor, der auch ordentlich Sprit verbrennt
Die bei aufgeladenen Motoren bisweilen übliche Anfahrschwäche, das so genannte Turboloch, spürt man am Steuer des A6 also nicht. Im Gegenteil: Mit 290 PS und maximal 420 Nm zieht er vehement davon. Als würde sie am Gummiband gezogen, saust die Limousine in 5,9 Sekunden auf Tempo 100 und schnurrt ohne Verschnaufpause bis 250 weiter. Weil das Drehmoment hoch und auf einem breiten Band verteilt ist, bekam die Automatik eine längere Übersetzung. Das drückt den Normverbrauch auf 9,4 Liter. Wer den Wagen jedoch beherzt tritt, wird diesen Wert nie erreichen.
Mit dem neuem Motor, dem serienmäßigen Allrad-Antrieb, und dem Heer der Helferchen wird der A6 zu einem ernsthaften Gegner für Mercedes und BMW. Mehr noch: Die Luxuslimousine aus dem eigenen Haus, der A8, verliert gegenüber dem A6 an Reiz. Das gilt umso mehr, als der A6 3.0 TFSI zum Preis von 47.900 Euro gegenüber dem A8 fast ein Schnäppchen ist.
Ein Segment, das von der Geschäftskundschaft lebt
Obwohl die Zeit eher nach günstigen Autos verlangt, müssen sich die Anbieter in der gehobenen Mittelklasse nicht sorgen, sagt Henner Lehne von Prognosespezialisten CSM. "Durch den überdurchschnittlichen Firmenwagenanteil ist dieses Segment gegenüber Schwankungen stabiler als viele andere." Während in Deutschland im Mittel 60 Prozent aller Neuwagen auf Unternehmen angemeldet sind, waren es bei der Mercedes E-Klasse im letzten Jahr 70 Prozent, beim BMW 5er 80 und beim Audi A6 sogar 85. Zwar müssen heute auch Direktoren und Abteilungsleiter sparen, aber wegen Statusdenken und Komfort sei kaum einer zum Auto-Abstieg bereit. Lehne: "Diese Kunden bleiben ihrem Segment treu und treten lieber mit einem kleineren Motor auf die Kostenbremse."