Chevrolet Aveo Erfolg unter der Tarnkappe
Mal ganz ehrlich: Hätten Sie gewusst, dass Chevrolet die drittgrößte Automarke der Welt ist? Dass die General-Motors-Tochter in den USA auf dem Spitzenplatz der Zulassungsstatistik rangiert, klingt logisch. Doch dass die Marke in 129 weiteren Ländern ziemlich erfolgreich antritt und mit mehr als vier Millionen Zulassungen in der globalen Wertung weit vor allen Volumenherstellern aus Europa steht, ist eine Überraschung. Und alle Zahlen sprechen dafür, dass dies so bleiben wird. Denn auch hierzulande erlebt die Marke einen kolossalen Aufschwung, seit Amerikaner und Koreaner gemeinsame Sache machen und der Name Daewoo der Vergangenheit angehört.
Allein 2007 steigerte Chevrolet die Europa-Zulassungen um 33 Prozent auf fast 460.000 Fahrzeuge, berichtet Marketing-Chefin Betty Moscato. Dabei war das Wachstum im Osten stärker als im Westen, teilen die Amerikaner mit und melden zum Beispiel aus Russland ein Plus von mehr als 200 Prozent. Insgesamt seien die Zulassungen in Zentral- und Osteuropa um mehr als 50 Prozent auf knapp 290.000 Fahrzeuge gestiegen. "Aber auch im Westen geht das Wachstum weiter", sagt Moscato. 2007 betrug das Plus in dieser Region zehn Prozent.
Einen großen Anteil daran hat ein Kleinwagen, den man im Straßenbild kaum wahrnimmt: der Kalos. Keine vier Meter lang und so unscheinbar wie die sprichwörtlich graue Maus tritt er relativ erfolgreich gegen VW Polo & Co. an. "Er ist das wichtigste Modell in der Palette von Chevrolet Europe", sagt Moscato. Im vergangenen Jahr wurden immerhin 111.000 Exemplare verkauft. Jetzt soll der blasse Kleine weiter in den Vordergrund gerückt werden. Dabei legt der Fünftürer nicht nur sein mausgraues Mäntelchen ab, sondern auch seinen Namen und heißt künftig Aveo.
Zwar bekommt der Aveo, der als erster Chevrolet in Europa produziert wird, nur einen so genannten Facelift. Doch in diesem Fall lohnt es sich. Denn vorne trägt der in Warschau gebaute Wagen nun einen großen, kaum mehr zu übersehenden Kühlergrill, der in Chrom gefasst und von einer in Wagenfarbe lackierten Strebe geteilt wird.
Prominent platziert ist darin das Markenzeichen von Chevrolet, das Spötter als asymmetrisches Kreuz und Kenner als "Bowtie" bezeichnen. Dazu gibt es klare Abdeckungen für die Frontschweinwerfer und neu geformte Schweller mit integrierten Nebelleuchten. Am Heck wiederum erhielt der Aveo ein bisschen Kosmetik für die Rücklichter. Weil die neue Maske aufträgt, ist das Auto um vier Zentimeter gewachsen und misst nun 3,92 Meter.
Enger Innenraum, tristes Innenleben, sparsame Motoren
Daraus allerdings auf üppige Platzverhältnisse zu schließen, wäre voreilig. Der Kofferraum hat zwar mit 220 Litern ein klassenübliches Maß, doch die Rückbank taugt nur für Kinder, und auch vorn gehen Sitzriesen auf Tuchfühlung mit der Türverkleidung und dem Armaturenbrett. Obwohl beinahe 20 Zentimeter kürzer, bietet beispielsweise der neue Opel Agila deutlich mehr Platz.
Außerdem haben die Designer innen merklich an Schwung verloren: Chromschimmernde Zierringe um Instrumente und Lüftungsdüsen machen aus einer tristen Kunststoffwüste noch keine Lifestyle-Landschaft. Da sind Kleinwagen wie der Fiat 500 oder der Nissan Micra einfach um Klassen pfiffiger. Und auch bei der Ausstattung gibt es noch Mängel: Der Schleuderschutz ESP zum Beispiel ist nicht verfügbar.
Dafür jedoch durften die Motorenentwickler ran. Im Basismodell schnurrt ein völlig neuer 1,2-Liter-Motor, dessen Leistung um zwölf auf 84 PS zugelegt hat, während der Verbrauch um 14 Prozent auf 5,5 Liter zurückgegangen ist. Sein großer Bruder ist zwar nicht neu, wurde aber zumindest optimiert und ist nun ebenfalls zehn Prozent sparsamer. Er schöpft aus 1,4 Litern Hubruam nun 101 PS und 131 Nm, die mit dem nur 1100 Kilo schweren Fünfsitzer allerdings ein bisschen Mühe haben.
Im Stadtverkehr schwimmt der Kleine ganz gut mit
Keine Sorge: Im Stadtverkehr schwimmt man im Aveo ordentlich mit, 176 km/h sind mehr als genug, und wendig ist der Wagen auch. Aber wer bei so viel Leistung an jugendliche Unvernunft denkt, den holt ein Sprintwert von 12,4 Sekunden schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Außerdem klingt der Vierzylinder auch nicht besonders gut. Vielleicht ist es ein Trost, dass keine Automarke so häufig besungen wurde wie Chevrolet und deshalb zumindest in jedem Testwagen für die Presse eine CD mit markentypischer Road-Musik bereit liegt.
Weil der Aveo erst im April in den Handel kommt und in diesem Segment jeder Euro zählt, hält Chevrolet mit den Preisen noch hinter dem Berg. Doch auf Basis des Vorgängers sei wohl für die 1,2-Liter-Variante mit rund 11.000 und für die 1,4-Liter-Version mit knapp 14.000 Euro zu rechnen, heißt es im Unternehmen. Zwar sind dann Klimaanlage und Zentralverriegelung schon an Bord. Doch mit weniger Leistung gibt es fürs gleiche Geld auch einen Opel Corsa. Doch Chevrolet legt nach: Beim Genfer Autosalon (6. bis 16. März) wird der dreitürige Aveo debütieren - und bei diesem Auto könnte der Preis unter die 10.000-Euro-Grenze fallen.