Chevrolet Epica Ledersitze in der Holzklasse
Günther Sommerlad hat derzeit gut lachen. Während viele Automobilhersteller und Importeure auf dem deutschen Markt noch immer mit der Kaufzurückhaltung ihrer Kunden zu kämpfen haben, schloss der Geschäftsführer von Chevrolet 2005 mit einem Wachstum von 22 Prozent ab. Zwar liegen die absoluten Zulassungszahlen mit gut 20.000 Autos auf einem bescheidenen Niveau, doch ein Jahr nach dem Abschied vom alten Namen Daewoo stehen die Koreaner besser da als je zuvor.
Der Erfolg soll kein Strohfeuer sein. Mit neuen Modellen will Sommerlad die Leute bei Laune und das Geschäft am Laufen halten, so dass auch in der Bilanz von 2006 ein Plus von 20 bis 25 Prozent steht. Den ersten Schritt in diese Richtung hat der einstige Opel-Manager bereits gemacht. Getrieben vom kleinen Stufenheck-Modell Aveo und dem Boom für die von Chevrolet intensiv vorangetriebene Flüssiggas-Umrüstung sind die Zulassungen im ersten Quartal um gut zehn Prozent gestiegen. Und die wirklich wichtigen Neuheiten, der Geländewagen Captiva und die Limousine Epica, stehen ja Mitte Juli erst noch ins Haus.
Das erste Sport Utility Vehicle aus Korea ist dabei sicher das wichtigere Auto, weil die Nachfrage nach solchen Fahrzeugen allen Prognosen zufolge weiter wachsen wird. Aber auch die neue Limousine könnte durchaus zum weiteren Aufstieg der Marke beitragen. In Deutschland jedoch wird es der Wagen schwer haben, denn klassische Limousinen in dieser Größe werden hierzulande mehrheitlich von Geschäftskunden gekauft - und die denken sicher zuallerletzt an einen Chevrolet. Obwohl das zumindest die Buchhalter freuen würde. Denn die Preise beginnen bei 20.890 Euro und sind damit nur rund halb so hoch wie die der deutschen Wettbewerber: Business-Class zum Eco-Tarif also.
Dabei ist der Epica nun wirklich kein schlechtes Auto. Was fehlt, ist Charakter: Das Design des 4,81 Meter langen Modells orientiert sich am BMW 5er, ist aber so aufgeweicht, dass es überall auf der Welt ankommen dürfte. Und der Innenraum ist so brav und durchschnittlich gestaltet, dass sich darin Koreaner ebenso wohl fühlen werden wie Deutsche oder Amerikaner. Allerdings darf man vom mangelnden Stil nicht auf schlechte Qualität schließen. Im Gegenteil: Verarbeitung, Sitzkomfort und Materialauswahl wirken weit hochwertiger, als es der Preis des Epica vermuten lässt.
Wer beim Blick unter die Haube sechs Zylinder erblickt, und an Sport und Spritzigkeit denkt, wird vom Fahrerlebnis enttäuscht sein. Denn Entwicklungsziel war ein ruhiges und entspanntes Fahrverhalten, bei dem der Griff zum Zündschlüssel der Einnahme eines Tranquilizers gleichkommt. Insbesondere der größere der beiden zum Start verfügbaren Sechszylinder-Motoren säuselt nur ganz zart und lullt den Fahrer mit seinem Gleichmut ein. Das kann auf einer langen Reise erholsam sein, es geht einem aber gelegentlich auch auf die Nerven, wenn beim Tritt auf das Gaspedal so wenig passiert.
Dabei sprechen 156 PS (115 kW) und 237 Newtonmeter ja für eine durchaus gute Kondition des 2,5-Liter-Motors. Doch gewinnt man den Eindruck, dass spätestens im serienmäßigen Automatikgetriebe viel Spontaneität und der letzte Rest an Sportsgeist verloren gehen. Erst wenn man in die manuelle Schaltgasse wechselt und den Motor mit Drehzahlen bei Laune hält, wird es ein bisschen besser. Aber eine Höchstgeschwindigkeit von 208 km/h ist in dieser Klasse einfach zu wenig.
Ein Dieselmotor soll Anfang 2007 verfügbar sein
Da kann man auch gleich den kleineren Sechszylinder kaufen, der aus zwei Liter Hubraum immerhin noch 144 PS (105 kW) und 195 Newtonmeter schöpft und mit Schaltgetriebe nur einen Tick langsamer ist. Der Normverbrauch geht mit Werten zwischen 8,2 und 9,3 Litern für das Format in Ordnung. Trotzdem bietet Chevrolet auch für den Epica eine Flüssiggas-Nachrüstung an. Wer 1990 Euro investiert, kann seine Tankrechnung danach um etwa ein Viertel senken. Noch mehr sparen kann man mit dem zwei Liter großen Dieselmotor, den Chevrolet zum Jahreswechsel angekündigt hat. Er soll 150 PS (110 kW) leisten und wird serienmäßig einen Partikelfilter bekommen.
Glaubt man den Marktforschern bei Chevrolet, dann sind Motordaten und Fahrverhalten ohnehin nicht das entscheidende Kriterium für die Kunden: "Wir zielen auf eine Käuferschicht, die nicht nur viel Auto für ihr Geld erwartet, sondern auch Wert auf hohen Komfort, Sicherheit und Funktionalität legt", erklärt die Europa-Zentrale in Zürich und führt dann eine Litanei an Serienausstattungen auf, die Käufer deutscher Limousinen in dieser Klasse vor Neid erblassen lassen.
Schon das Basismodell bekommt sechs Airbags, ABS mit Traktionskontrolle sowie eine Klimaanlage, CD-MP3-Musikanlage mit Fernbedienung am Lenkrad, elektrische Fensterheber, elektrisch verstellbare Spiegel und einen höhenverstellbaren Fahrersitz. Auf dem nächsten Niveau gehören auch beheizbare Ledersitze, Klimaautomatik, geschwindigkeitsabhängige Servolenkung, Tempomat, Bordcomputer, Licht- und Regensensor dazu. Nur ESP gibt es erst ab Sommer 2007. Aber darauf kann man bei der beruhigenden Wirkung des Epica auch gut verzichten.