Chevrolet HHR Gruß von Al Capone
In Europa gab es für Chevrolet bislang nur ein einziges Verkaufsargument: den Preis. Weder Technik, noch Ausstattung und schon gar nicht das Design von Autos wie Aveo, Lacetti oder Epica sind so geartet, dass einem die Produkte der wichtigsten Marke im General-Motors-Konzern sonderlich auffallen würden.
Was hierzulande den Namen Chevrolet trägt, sind auch nicht die typischen Ami-Schlitten. Das breite Goldkreuz-Logo prangt ausschließlich auf dem Kühlergrill von Allerweltsmodellen, die aus Südkorea kommen und früher unter dem Markennamen Daewoo verkauft wurden. Mit dem HHR soll das anders werden. Das uramerikanische Design soll den Puls der Kundschaft beschleunigen und eher Herz als Hirn ansprechen. "Mit seinem markanten Design wird er uns neue Zielgruppen erschließen", hofft Deutschland-Chef Peter Sommer. In den USA hat das seit dem Debüt vor gut zwei Jahren offenbar funktioniert: Dort wurde die Neuinterpretation von Al Capones Dienstwagen zum "Car of the Year" und zu einem der zehn coolsten Autos für weniger als 18.000 Dollar gewählt. Bereits eine halbe Million HHR rollen durch die USA. In Europa dagegen werde der Neue "ein Nischenmodell und soll es auch bleiben", wie es bei Chevrolet heißt. Das Unternehmen rechnet mit 3000 bis 4000 Zulassungen pro Jahr.
Der Kombi reitet voll auf der Retro-Welle. Er orientiert sich am Modell Suburban von 1949, mit dem Chevrolet die Gattung des "Multi-Purpose-Vehicles", also des vielseitig einsetzbaren Fahrzeugs, erfunden haben will. Wie der Van aus Gründertagen hat auch das neue Auto eine große Schnauze mit blankem Chrom-Grill, charmante Glubschaugen-Scheinwerfer in ausgeprägten Kotflügeln und ein hohes Dach. Dazu gibt es vorn noch eine Prise Hot-Rod und bei den Heckleuchten einen Hauch Corvette. Der Name HHR steht übrigens für Heritage High Roof und erinnert an eben jenes hohe Dach des 49er-Modells. Dass der Retro-Kombi aus dem General Motors-Konzern verdächtig dem etwas kleineren PT Cruiser von Chrysler ähnelt, ist kein Wunder: Beide wurden vom selben Designer, Bryan Nesbitt, gezeichnet.
Der Motor ist eher ein gemächlicher Gleiter
Wo unter der Haube des Originals von 1949 noch ein 3,6 Liter großer Reihensechszylinder mit 90 PS stampfte, baut Chevrolet heute einen Vierzylinder ein, der aus 2,4 Litern 170 PS und 224 Nm schöpft. Jedoch: Die Eckdaten verheißen mehr als der HHR einhalten kann. Während andere Autos mit so viel Leistung willig am Gas hängen und den Fahrer zu sportlicher Gangart animieren, bleibt der US-Kombi ein gemütlicher Gleiter. Mehr als 180 Sachen sind weder mit dem serienmäßigen Schaltgetriebe noch mit der vierstufigen Automatik drin. Dafür ist der Normverbrauch von 7,8 Litern für ein US-Modell moderat.
Wie so oft bei Autos aus Amerika ist auch der HHR außen schöner als innen. Die Karosserie wirkt liebevoll und bis ins Detail durchgestylt. Das Interieur dagegen macht einen eher beliebigen Eindruck und muss bis auf die ineinander gerückten Skalen im Cockpit und den kugeligen Schaltknauf ohne jegliche Besonderheit auskommen. Allerdings sind Materialauswahl und Verarbeitungsqualität besser als erwartet. So ist der HHR zwar preiswert, wirkt aber nicht billig.
Ordentlich Platz, aber geringe Variabilität
Mit 4,47 Metern Länge, 2,63 Meter Radstand und 638 Litern Stauraum erfüllt der Urenkel des ersten MPV zwar tatsächlich viele Zwecke. Doch sonderlich viele Möglichkeiten zur Variation bietet er nicht. Drei Geheimfächer im Wagenboden und umklappbare Lehnen für Rückbank und Beifahrersitz sind alles, was der Van an Variabilität zu bieten hat. Verschiebbare Sitze zum Beispiel wären eine prima Idee gewesen, doch die kam den Entwicklern offenbar nicht.
Dafür glänzt der HHR mit einer üppigen Ausstattung, die auch den Preis von rund 23.000 Euro rechtfertigt. Schließlich übernehmen die Europäer bei den Importwagen nicht nur das Komfortpaket mit elektrisch verstellbaren Ledersitzen, Tempomat, CD-Radio samt MP3-Anschluss und einer Reihe elektrischer Helfer. Sondern sie packen zu den vier Airbags auch noch ESP ins Auto, das in den USA bislang nicht angeboten wird.
Zwar glauben Experten wie Designprofessor Lutz Fügener, dass Retro längst wieder out ist. Doch auf der Suche nach etwas mehr Charakterstärke hält Chevrolet hierzulande, trotz der koreanischen Wurzeln, unbeirrt am amerikanischen Geist von gestern fest. Weil zumindest in den USA die Neuauflagen der Klassiker noch immer heiß begehrt sind und sich alle nach einem Ford Mustang oder einem Dodge Charger umdrehen, wird der HHR nicht mehr lange der einzige Retro-Chevy bleiben: In wenigen Monaten folgt ihm ein neuer Camaro. Und auch für ihn ist die Atlantik-Passage bereits gebucht.