Chrysler Grand Voyager: Nase im Wind - DER SPIEGEL
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Chrysler Grand Voyager Nase im Wind

Chrysler rühmt sich gerne, den Minivan erfunden zu haben: Der erste Voyager kam 1983 auf den Markt, jetzt startet die fünfte Generation des Wagens in Deutschland. SPIEGEL ONLINE war bereits mit dem Familien-Frachter unterwegs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

5,14 Meter sind eine stattliche Länge für ein Auto. Aber richtig interessant wird es, wenn solch ausuferndes Format nicht der Repräsentation dient, sondern die Nutzungsmöglichkeiten des Wagens erweitert. Das ist der Fall bei Großraumlimousinen, und insbesondere beim neuen Grand Voyager von Chrysler. Den etwas kleineren Voyager (ohne den Vornamen Grand) gibt es künftig übrigens nicht mehr. An seiner statt schickt die Chrylser-Konzernmarke Dodge demnächst das Modell Journey ins Rennen.

Der Grand Voyager ist ein Trumm von einem Auto. Wobei das optisch geschickt kaschiert wird durch die Abkehr vom sogenannten One-Box-Design. Statt eine einzige große Karosserieblase zu bilden, hält der neue Grand Voyager einen klassisch geformten Bug mit nahezu waagerechter Motorhaube und einem deutlichen Knick zwischen jener und der Windschutzscheibe in den Fahrtwind. Der neue Two-Box-Auftritt – die klare Trennung von flachem Vorderwagen und hoher Passagierkabine – gliedert die Seitenansicht und lässt das Auto trotz der schieren Größe stimmig proportioniert erscheinen.

Insgesamt aber wirkt der Wagen – wie alle Großraummodelle – von außen unspektakulär. Die Aha-Erlebnisse gibt es erst drinnen. Nach wie vor überzeugend ist das serienmäßige "Stow'n Go"-System, mit dem sich die beiden Sitzreihen im Fond so flachlegen lassen, dass ein komplett ebener Stauraum entsteht. Dazu kommt nun ein "Swivel'n Go" genanntes Extra (600 Euro Aufpreis in der Top-Version), das eine 180-Grad-Drehung der beiden mittleren Einzelsitze erlaubt, sodass die Passagiere der Reihen zwei und drei einander gegenüber sitzen. Ein Tisch in der Mitte komplettiert die Mini-Sitzgruppe im Heck.

Es gibt noch weitere nette Ideen für mehr Behaglichkeit an Bord. Zum Beispiel sind ab Werk erhältlich: zehn Flaschen- und Getränkehalter, eine Drei-Zonen-Klimaanlage, Staufächer im Fahrzeugboden mit insgesamt 305 Liter Fassungsvermögen, einer verschiebbare Mittelkonsole, eine blau-grünlich schimmernde, indirekte Innenraumbeleuchtung, eine LED-Taschenlampe im Kofferraum, elektrische Schiebetüren sowie eine elektrische Heckklappe und – auf Wunsch – eine elektrisch umklappbare, geteilte dritte Sitzreihe.

Reichlich gute Ideen also stecken im Interieur des neuen Grand Voyager. Die Antriebstechnik jedoch wurde nicht von Grund auf erneuert. Diverse Änderungen am Fahrwerk und einige Optimierungen bei den Motoren stehen aber schon auf der Habenseite des neuen Modells. Insbesondere der 2,8-Liter-Turbodiesel-Reihenvierzylinder wurde leichter und laufruhiger, seine Leistung kletterte um 13 auf jetzt 163 PS, und endlich werden die Abgase serienmäßig von einem Rußpartikelfilter gereinigt. Ersetzt hat Chrysler auch die antiquierte Viergang-Automatik durch einen zeitgemäßen Sechsgang-Wandler.

Neue Sitzbezüge unempfindlich gegen Flecken

Das neue Getriebe tritt mit beiden Motorisierungen an, also auch mit dem 3,8-Liter-V6-Benziner mit einer Leistung von 193 PS, der jedoch ausschließlich in der Top-Ausstattung Limited angeboten wird, was den Preis auf ein Minimum von 43.990 Euro treibt. Der Grand Voyager mit Dieselmotor und Basisausstattung ist ab 34.990 Euro zu haben. Grundsätzlich sind sechs Airbags, ABS, Bremsassistent, Anti-Schlupf-Regelung und ESP an Bord. Neu zum Standard gehören nun auch Leichtmetallräder, eine Reifendruckkontrolle und der Sitzbezugsstoff "Yes Essentials", dessen Fasern so imprägniert sind, dass selbst Kaffee oder Fruchtsäfte keine Flecken darauf hinterlassen – verspricht Chrysler.

Auf der ersten Testfahrt hinterließ der Grand Voyager mit Dieselmotor einen ansprechend gemütlichen Eindruck. Die Automatik mit Wählhebel im Cockpit direkt rechts neben dem Lenkrad arbeitet gewissenhaft und zuvorkommend, die Lenkung lässt sich ein wenig Zeit mit den Rückmeldungen, und wenn es mal hurtig voran gehen soll, macht der Vierzylinder-Diesel erst einmal Geräusche, anstatt Drehmoment zu liefern. Doch ein Familienauto ist kein Sportwagen und soll es auch nicht sein. Insofern ist die Version mit dem Selbstzünder eine ordentliche Wahl. Zumal der Benziner mit einem offiziellen Durchschnittsverbrauch von 12,3 Litern und einem CO2-Ausstoß von 294 Gramm je Kilometer ökonomisch wie ökologisch schwer vermittelbar ist.

Der VW Routan ist das Zwillingsmodell des neuen Chrysler

Unter den wirklich großen Großraumlimousinen gehört der neue Grand Voyager auf jeden Fall in die engere Wahl. Ein Ladevolumen von 638 bis maximal 3296 Liter machen ihn fit für fast alle Transportaufgaben des Familienlebens, und das kommode Fahrgefühl des Fronttrieblers ist ebenfalls bestens geeignet für die ganz normale Fahrerei im Alltag.

Das sieht VW offenbar auch so. Die Wolfsburger, die auf dem US-Markt derzeit ohne Großraummodell dastehen, weil der aktuelle Multivan T5 die erforderlichen Zulassungsvorschriften nicht erfüllt, haben nämlich den neuen Grand Voyager adoptiert. In den USA wird das Auto demnächst mit leicht abgewandeltem Design unter dem Namen Routan vertrieben. Deutsche Kunden jedoch müssen zum Original von Chrysler greifen – oder auch zum VW Multivan, wenn der Preis nicht die Hauptrolle spielt.