Citroën Berlingo: Die Wundertüte - DER SPIEGEL
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Citroën Berlingo Die Wundertüte

Das meistverkaufte Modell der französischen Marke Citroën in Deutschland ist - richtig, der Berlingo. Ein Allzweckauto, das alle Lifestyle-Allüren und Design-Sperenzchen konsequent vermeidet. Der Erfolg spricht für dieses Konzept, jetzt fährt das überarbeitete Modell vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor sechs Jahren feierte der Berlingo sein Debüt, und seither fallen die Verkaufsstatistiken von Citroën durch eine seltsame Linienführung auf. "Das ist der Berlingo-Buckel", sagt Thomas Albrecht, Sprecher der Marke in Deutschland. Und damit dieser Buckel weiter ansteigt und vielleicht einmal zum Berg wird, haben die Franzosen das Modell jetzt aktualisiert, um weitere Kunden für das etwas ungewöhnliche Autokonzept zu gewinnen. Hier zu Lande jedenfalls scheint es zu funktionieren. In diesem Jahr wird Citroën rund 68.000 Pkw zwischen Sonthofen und Sylt verkaufen, womit die alte Bestmarke aus dem Jahre 1993 (knapp 64.000 Autos) klar übertroffen wird. Und mit gut 15.000 Einheiten trägt der Berlingo maßgeblich zu diesem Absatzrekord bei - im nächsten Jahr soll die Zahl dann sogar auf 18.000 steigen.

Erwartet hatte das erfreuliche Abschneiden des Vernunft-Automobils keiner so recht. Als aber klar wurde, dass der Wagen keineswegs nur ein günstiges Fortbewegungsmittel für Gewerbetreibende ist, sondern meist als Familienauto in der Pkw-Ausstattung geordert wurde (80 Prozent der Berlingo-Bestellungen), ließ auch die Konkurrenz die Motoren an. Inzwischen ist das Segment der "Vielzweck-Kompakt-Hochdach-Kombis" von rund einem halben Dutzend Modellen besetzt: Peugeot Partner, Renault Kangoo, Fiat Dobló oder Opel Combo. Platzhirsch ist, noch vor dem Berlingo, der Kangoo. Albrecht: "Dieses Auto hat uns ab 1998 gezeigt, welches Potenzial auf dem deutschen Markt wirklich in dieser Fahrzeuggattung steckt."

Warum das so ist? Vermutlich liegt es an der schlichten Tatsache, dass Autos vom Schlage eines Berlingo das beste Verhältnis aus großem Platzangebot, voller Familien- und Freizeittauglichkeit und günstigem Preis bieten. Und sie werden offenbar als ideale Zweitwagen geschätzt, denn mehr als die Hälfte aller Berlingo-Pkw gehören Haushalten, die mehr als ein Auto ihr Eigen nennen.

Was ist nun neu am Neuen? Vor allem die Frontpartie. Dort wurde das Design dem der übrigen aktuellen Citroën-Modelle angepasst. Jetzt sieht der Wagen von vorne massiger, solider und robuster aus. Mit einem Wort: Der Berlingo bekam eine ziemlich dicke Lippe. Doch bei der Kosmetik blieb es nicht. Nach desolaten Werten bei Frontal-Crashtests wurden dem neuen Modell eine neue Knautschzone verpasst. Citroën ist optimistisch, dass nun vier Sterne (Euro-NCAP-Test) beim obligaten Frontalaufprall erreicht werden. Modernisiert wurde zudem das Armaturenbrett, auf dem neue Ablagen und farbige Kunststoffeinlagen die "schwarze Wüste" (Albrecht) des Vorgängers aufmöbeln. Schließlich gibt es im Kofferraum nun serienmäßig eine so genannte Modubox, worunter eine faltbare Plastikkiste auf Rädern zu verstehen ist, die den Transport von Einkäufen erleichtern und deren Herumpoltern im riesigen Laderaum verhindern soll.

Hersteller:Citroën
Typ:Berlingo "Tonic"
Karosserie:Van/Kleinbus/Großraumlimousine
Motor:Vierzylinder-Benziner
Hubraum:1.587 ccm
Leistung PS:109 PS
Leistung kW:80 kW
Drehmoment:147 Nm
Von 0 auf 100:13,1 Sek.
Höchstgeschw.:170 km/h
Verbrauch (ECE):7,5 Liter
CO2-Ausstoß:178 g/km
Kofferraum:624 Liter
umgebaut:2.800 Liter
Versicherung (HP):15 €
Versicherung (TK):16 €
Versicherung (VK):20 €
Preis:14.670 €

Das Antriebsangebot blieb unverändert. Zwei Diesel (70 und 90 PS/ 51 und 66 kW) sowie zwei Benziner (75 und 109 PS/ 55 und 80 kW) stehen zur Wahl. Wir waren mit dem größeren der beiden Benziner unterwegs, für den sich auch die große Mehrzahl der Ottomotor-Kundschaft entscheidet. Eine gute Wahl. Die Maschine läuft ruhig, unspektakulär, aber jederzeit per Gaspedal ansprechbar und somit sehr angenehm. Gekoppelt mit dem Fünfgang-Schaltgetriebe ist der Berlingo so für nahezu alle Einsatzmöglichkeiten ausreichend motorisiert. Das Fahrwerk hält den Wagen ziemlich ruhig auf der Straße, in flotten Kurven jedoch neigt das Auto rasch zum Übersteuern.

Der Berlingo ist eben kein sportliches Auto, und das verlangt auch keiner von ihm. Eine ordentliche Ausstattung schon, und die kann er auch bieten. ABS, vier Airbags, zwei Isofix-Kindersitzbefestigungen, zwei Schiebetüren im Fond, Heckscheibenwischer, Klimaanlage, Wärmeschutzverglasung und zahlreiche Ablagefächer sind serienmäßig an Bord. Die beiden interessantesten Extras sind zum einen ein riesiges Faltschiebedach, zum anderen das "Modutop", ein System aus diversen Staufächern (Gesamt-Fassungsvermögen 100 Liter), fünf Glaselementen und einem extra Gebläsesystem für die Fondpassagiere, das komplett im und unterm Hochdach installiert ist (beide Extras 770 Euro Aufpreis).

Mittelfristig möchte Citroën in Deutschland einen Marktanteil von vier Prozent erreichen (derzeit 2,1 Prozent). Da spielen Stückzahl-Bringer wie der Berlingo natürlich eine große Rolle. Die Ur-Idee zu dieser Auto-Kategorie lässt sich übrigens bis ins Jahr 1951 zurückverfolgen, als Citroën dem legendären 2CV einen Wellblech-Rucksack verpasste - die "Kasten-Ente" war erfunden. Gerade in der Modellhistorie von Citroën dürften noch einige Anregungen für die Entwicklung aktueller Modelle schlummern.