Corvette Z 06: Und es hat Wrooom gemacht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Corvette Z 06 Und es hat Wrooom gemacht

Die Corvette ist der Urtyp des US-Sportwagens. Doch mit dem nationalen Ehrentitel will sich General Motors nicht mehr begnügen. Damit der Kraftmeier auch bei uns endlich ernst genommen wird, bringen die Amerikaner jetzt erstmals die Sportversion Z06 nach Europa.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit Superlativen gehen Amerikaner gern verschwenderisch um. Doch wenn Herren von General Motors über die neue Corvette reden, dann gibt es kein Halten mehr. Zumal die seit 53 Jahren gebaute Muskelmaschine nicht nur der Urtyp des US-Sportwagens ist, sondern mit rund 1,3 Millionen verkauften Fahrzeugen auch der meistverkaufte Kraftmeier der Welt.

Und mit der Sportversion Z06 kommt nun ein weiterer Superlativ hinzu: "Mit 517 PS und 320 km/h Höchstgeschwindigkeit ist sie das stärkste und schnellste Serienauto, das je eine Werkshalle von General Motors verlassen hat", sagt Corvette-Baureihenchef Tom Wallece. In den USA ist das Modell Z06, das Kürzel stammt noch vom Bestellcode des Performance-Paketes aus dem Jahre 1963, bereits seit vergangenem Sommer auf den Markt. In Europa tritt der 79.950 Euro teure Sportwagen ab sofort an.

Fotostrecke

Corvette Z06: Der superstarke Onkel aus Amerika

Sein Kraftzentrum ist ein neuer Motor, der aus dem Le-Mans-Rennwagen CR6 stammt. Während andere Hersteller sich zur Leistungssteigerung auf Turbolader oder Kompressoren konzentrieren, wählten die Corvette-Ingenieure den amerikanischen Weg und ersetzten viel Hubraum durch noch mehr Hubraum. Statt des sechs Liter großen V8 aus der normalen Corvette ist nun einen Achtzylinder mit sieben Liter Hubraum montiert, der brachiale 512 PS (377 kW) leistet und damit 20 Prozent stärker ist als das Serienmodell.

Nur mühsam im Zaum gehalten von einem kurz gestuften Sechsganggetriebe, liefert der mal dumpf grollende und mal wütend aufschreiende Motor über eine armdicke Kardanwelle bis zu 637 Newtonmeter an die Hinterachse, mit denen die 325er-Gummiwalzen trotz elektronischer Fahrhilfen gut zu tun haben.

Mit dem neuen Motor ist es allerdings nicht getan. Um das Leistungsgewicht zu verbessern, haben die Amerikaner dem Auto auch eine Fastenkur verordnet. "Obwohl auf der einen Seite mehr als 40 Kilo für die Performance-Technik neu ins Auto gekommen sind, wiegt der Wagen deshalb jetzt 43 Kilo weniger", sagt Tadge Juechter aus dem Entwicklungsteam und ist stolz auf ein Leergewicht von 1418 Kilogramm. Dafür wurde unter anderem die komplette Rahmenkonstruktion geändert. Sie ist nun aus Aluminium statt aus Stahl und spart so alleine 62 Kilogramm.

Außerdem sind viele Teile aus Magnesium, Titan oder Carbon angefertigt, auch, um damit die allein zwölf Kilogramm schwereren Rennbremsen zu kompensieren. Bestes Leichtbau-Beispiel ist der Kotflügel aus Kohlefaser: Der ist so groß wie eine Tischplatte, doch wirbelt ihn Juechter mühelos mit einer Hand durch die Luft. "Dieses riesige Teil wiegt mit seinen drei Pfund kaum mehr als der Lack, den wir später auftragen", sagt der Entwickler.

Hersteller:Corvette
Typ:Corvette Z06
Karosserie:Sportwagen/Coupé
Motor:V8-Benziner
Hubraum:7.011 ccm
Leistung PS:512 PS
Leistung kW:377 kW
Drehmoment:637 Nm
Von 0 auf 100:3,9 Sek.
Höchstgeschw.:320 km/h
Verbrauch (ECE):14,7 Liter
CO2-Ausstoß:348 g/km
Kraftstoff:Superplus
Kofferraum:634 Liter
Versicherung (HP):17 €
Versicherung (TK):30 €
Versicherung (VK):29 €
Preis:79.950 €

Verpackt ist die Technik mit einer Karosserie, die sich in kleinen, aber wirkungsvollen Details vom Serienmodell unterscheidet und insbesondere pubertierende Passanten zu spontanen Beifallsbekundungen animiert. So trägt die Corvette Z06 unter dem Stoßfänger noch größere Lüftungsgitter und atmet zudem durch einen großes Loch in der Haube. Weil auf den Achsen mit 275er-18-Zöllern vorne und 325er-19-Zoll-Geräten die größte Rad-Reifen-Kombination montiert ist, die für eine Corvette je zu haben war, wuchsen auch die Kotflügel noch einmal in die Breite.

Zwei riesige Kiemen an jeder Flanke sorgen dafür, dass die heiße Abluft entweichen kann und die Bremsen an der Hinterachse ordentlich gekühlt werden. "Jedes Detail hat eine Funktion und ist nicht nur für die Show gestylt", sagt Juechter. Und so sieht die Corvette Z06 einfach gut und giftig aus.

Schade jedoch, dass die Amerikaner den Innenraum nicht mit dem gleichen Engagement überarbeitet haben wie Antrieb, Fahrwerk und Chassis. Denn nach wie vor ist die triste Plastiklandschaft rund um den Fahrer eine Enttäuschung. Zwar bietet das Auto mit Zwei-Zonen-Klimaanlage, schlüssellosem Zugangssystem, einem Audio-System von Bose sowie den elektrisch verstellbaren Ledersitzen samt Heizung mehr serienmäßigen Komfort als die meisten der Wettbewerber. Und das Head-up-Display mit der Projektion von Tempo und Drehzahl auf die Frontscheibe ist eine hilfreiche und bis auf den Messwert für Fliehkraft und Querbeschleunigung durchaus sinnvolle Unterstützung, die dem Fahrer sonst nur noch der BMW M6 bieten kann.

Doch warum wird das Ganze so lustlos und langweilig verpackt? "Wir wissen schon, dass wir dort noch ein paar Defizite haben", gibt Entwickler Juechter zu. "Doch wir haben uns erst einmal auf die wirklich wichtigen Dinge konzentriert: Carbon im Kotflügel macht den Wagen leichter und schneller. Carbon auf der Mittelkonsole dagegen bringt uns bei der Performance gar nichts."

Ein Zucken mit dem Gasfuß ist schon genug

Doch diese Kritik wird nebensächlich, nachdem zum ersten Mal den Starterknopf neben dem Lenkrad gedrückt wird: Dann geht ein Zittern durch den Wagen, der Motor schüttelt sich wie ein Bär nach dem Winterschlaf, und schon ein unvorsichtiges Zucken mit dem Gasfuß reicht aus, damit die Corvette einen gewaltigen Satz nach vorne macht.

Wer es darauf anlegt, flott die sechs Gänge sortiert und vor allem einen ausreichend griffigen Untergrund findet, kann sich von der Corvette Z06 binnen 3,9 Sekunden auf Tempo 100 katapultieren lassen und wenige Sekunden später lernen, wie schnell die zwei Kilometer bis zur nächsten Kurve vorbei sind, wenn man sich auf abgesperrter Strecke zügig der Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h nähert. Wer dabei nicht genügend Vorsicht walten lässt, dreht bei den ersten Testfahrten auf dem Formel-1-Gelände von Le Castellet in Frankreich schnell ein paar Pirouetten in der Auslaufzone.

Doch wird der Spitzensportler mit dem gebührenden Respekt gegenüber Power und Polizei bewegt, gibt er sich durchaus zahm und handlich. Natürlich ist es ein diebisches Vergnügen, an der Ampeln mal schnell dem Rest der Anfahrenden davonzusprinten oder mit einem kurzen Gasstoß im Leerlauf die Mittagsruhe zu stören. Doch kann man mit der Corvette Z06 auch ganz gemächlich bummeln. Und selbst ausgedehnte Shoppingtouren oder längere Reisen sind bei mehr als 600 Liter Kofferraumvolumen kein Problem. "Die meisten Supersportwagen bietet nicht genügend Platz für einen Wochenendeinkauf", sagt Juechter, "doch mit der Corvette können sie sogar drei Wochen in Urlaub fahren."

Sportwagen zur Freude aller Tankstellenbetreiber

Über den Verbrauch hüllt man allerdings den Mantel des Schweigens: Zwar ist die Corvette nach Angaben der Entwickler der einzige Sportwagen, der in den USA nicht mit einer Strafsteuer für zu hohen Benzinverbrauch ("Guzzler-Tax") belegt wird. Doch in Europa stehen als Normverbrauch exorbitante 14,7 Liter auf dem Datenblatt, "weil sich niemand ernsthaft um die hiesigen Messzyklen gekümmert hat", wie Juechter schuldbewusst zugibt.

Unter dem Strich ist die Corvette der aktuellen Generation aber dennoch die europäischste Ausgabe des US-Sportlers. Und mit der Z06 müssen sich die Amerikaner vor den Sportwagen aus Süddeutschland oder Norditalien bis auf das lieblose Interieur nicht verstecken. "Trotzdem wird natürlich für eine Corvette kein eingefleischter Porsche-Fahrer seine Marke wechseln", gesteht der deutsche Pressesprecher Werner Röser ein.

Genügend Kunden gibt es für die Corvette offensichtlich trotzdem. Immerhin verkauft Importeur Kroymans hierzulande rund 800 Autos im Jahr und macht Deutschland damit zum größten Corvette-Revier in Europa. Die 250 Exemplare der Z06 für dieses Jahr waren bereits verkauft, noch ehe ein Modell in einem Showroom stand.