Daimler Super Eight Die Queen lässt grüßen
Für die Manager bei Jaguar war es ein kleiner Schock: "Der neue XJ ist ja ganz schön geworden. Aber wann gibt es den nächsten Daimler?" Diese Frage mussten sie sich immer wieder anhören, als sie vor drei Jahren besonders anspruchsvollen Kunden ihr neues Flaggschiff präsentierten. Denn natürlich ist ein Jaguar für die meisten Autofahrer mit Hang zum Five O'Clock Tea, dunkelgrüner Barbour-Jacke und einem gut gefüllten Konto eine Alternative zur deutschen Oberklasse. Doch wer es richtig vornehm mag, der entscheidet sich für ein Modell der noblen Jaguar-Schwester Daimler, die seit Anfang der sechziger Jahre zum Unternehmen gehört.
Daimler Super Eight: Oh Lord, won't you buy me...
"Schon immer war der Daimler das Beste, Schönste und Luxuriöseste, was man bei Jaguar bekommen konnte", sagt Michael Quinn. Das weiß nicht nur der Enkel von Jaguar-Gründer Sir William Lyons, sondern dieses Wissen teilen mit ihm rund 1000 Kunden rund um den Globus, die Daimler oft schon seit mehreren Generationen die Treue halten, noch nie einen Jaguar besaßen und geduldig auf ein neues Modell gewartet haben. Und selbst in Deutschland können offensichtlich mehr Kunden die schwäbische von der englischen Daimler-Linie unterscheiden als man gemeinhin vermutet. Und so registriert auch die Jaguar-Zentrale in Kronberg ebenfalls eine kleine, aber drängende Nachfrage für die besonders edlen Limousinen aus Coventry.
Das Warten hat jetzt ein Ende: Drei Jahre nach dem Abgang des letzten Autos mit dem geschwungenen "D" auf dem Kühler nimmt Jaguar den Faden der Geschichte wieder auf und rollt den Super Eight ins Rampenlicht. Natürlich ist der neue Daimler streng genommen nichts anderes als eine Fünf-Sterne-Version des Jaguar XJ mit mehr Glanz für die Karosse und mehr Gloria im Innenraum. Doch wer auf die 90.000 Euro des teuersten XJ noch einmal mehr als 20.000 Euro draufpackt, kann sich immerhin fühlen wie die britische Königin. Zwar wird sie bei offiziellen Anlässen im Rolls-Royce oder im Bentley chauffiert, doch wenn Ihre Majestät privat unterwegs ist, fährt sie im Daimler.
Der beste Platz dafür ist auf der Rückbank: Als Basis dient die auf 5,22 Meter gestreckte Langversion des XJ, der Radstand misst 3,16 Meter. Selbstverständlich gibt es auch hinten elektrisch einstellbare Einzelsitze und die Klimaautomatik arbeitet mit vier individuellen Wohlfühlzonen. Für vornehmes Ambiente sorgen edle Wurzelhölzer mit handgearbeiteten Buchsbaum-Intarsien, besonders feines Leder und flauschige Lammwollteppiche. Laminierte Scheiben packen die Passagiere akustisch in Watte, und wen der kleine Hunger kitzelt, der kann aus der Rücklehne Picknicktische ausklappen.
| Hersteller: | Jaguar |
|---|---|
| Typ: | Daimler Super Eight |
| Karosserie: | Limousine |
| Motor: | V8-Benziner-Kompressor |
| Hubraum: | 4.196 ccm |
| Leistung PS: | 395 PS |
| Leistung kW: | 291 kW |
| Drehmoment: | 541 Nm |
| Von 0 auf 100: | 5,3 Sek. |
| Höchstgeschw.: | 250 km/h |
| Verbrauch (ECE): | 12,3 Liter |
| CO2-Ausstoß: | 292 g/km |
| Kraftstoff: | Superplus |
| Kofferraum: | 470 Liter |
| Preis: | 112.500 € |
Aber auch hinterm Steuer macht der Daimler Spaß. Das garantiert der von einem Kompressor aufgeladene V8-Motor, der aus 4,2 Litern Hubraum 395 PS (291 kW) schöpft, maximal 541 Newtonmeter auf die Hinterachse stemmt und das Auto binnen 5,3 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Schluss ist wie so oft bei 250 Sachen. Damit zumindest Experten den Super Eight vom XJ unterscheiden können, wurden innen wie außen alle Jaguar-Insignien entfernt, der klassische Daimler-Grill montiert, neue Felgen auf die Achsen gesteckt und diverse Chromleisten aufgebracht.
Weil Kunden bei Daimler mehr zahlen als bei Jaguar, wird ihnen mehr geboten - auch nach dem Kauf. In Deutschland hat Jaguar zum königlichen Auto den "Royal Service" aufgelegt: Die Briten übernehmen außer der dreijährigen Garantie ohne Kilometerbegrenzung auch alle Kosten für Wartungs- und Inspektionsarbeiten. Außerdem werden mit Ausnahme der Reifen alle Verschleißteile zum Nulltarif ersetzt.
Aber nicht immer war der Daimler nur die noble Ausgabe des jeweils größten Jaguars. Im Gegenteil. Schließlich fuhren im Vereinigten Königreich schon Daimler, als Jaguar-Gründer William Lyons noch nicht einmal mit dem Dreirad unterwegs war. Die Geschichte beginnt auf einer Ausstellung in Bremen, wo der englische Unternehmer Frederick Richard Simms den deutschen Ingenieur Gottlieb Daimler traf. Zwar zeigten sie dort beide Trambahnen, doch dreht sich das Gespräch vor allem um die Motoren und Patente des Automobil-Pioniers, die Simms gerne in England vermarkten wollte.
Gottlieb Daimlers großzügiges Geschäftsgebaren
1893 wurde deshalb in London das Daimler Motor Syndicate gegründet, aus dem 1895 die Daimler Motor Company hervorging. Sie wurde am 14. Januar 1896 ins Handelsregister eingetragen und ist damit die älteste noch existierende Automobilmarke des Königreichs. Im Vorstand saß damals auch Gottlieb Daimler, der den Briten zugestand, dass alle von dem Unternehmen vertriebenen Konstruktionen samt künftiger Fort- und Eigenentwicklungen unter seinem Namen verkauft werden dürften. Eine großzügige Geste, über die man sich heute in Stuttgart wahrscheinlich noch immer die Haare rauft.
Bereits im Jahr nach der Gründung brachte Daimler das erste Auto auf den Markt. Auch der Prince of Wales wurde auf die Wagen aus Coventry aufmerksam. Der künftige König Edward VII ließ sich bereits 1897 in das Fahren eines Daimlers einweisen und knüpfte damit Bande zwischen Industrie und Krone, die noch heute halten. 1899 wurde Daimler Hoflieferant und durfte sich für lange Zeit als einziger Automobilhersteller mit der Krone schmücken. Doch machte Daimler nicht nur in Luxus. In Coventry wurden auch Lieferwagen und Doppeldecker-Busse sowie während der Kriegszeiten Gelände- und Kampffahrzeuge auf die Räder gestellt. In den Anfangsjahren setzte Daimler auch bei der Technik einige Meilensteine. So enthüllten die Briten 1922 das weltweit erste Fahrzeug mit einem Autoradio, und 1930 holten sie als Erste das automatische Getriebe nach Europa.
Nach und nach wurde Daimler zum Krisenfall
Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch kam Daimler dem Zug der Zeit nicht mehr hinterher. Während das Volk nach kleinen und preisgünstigen Autos aus automatisierten Fabriken verlangte, entstanden in Coventry weiterhin teure Luxusautos. So wurde die Marke peu à peu zum Krisenfall, was der erfolgreiche Jaguar-Gründer Lyons in der Nachbarschaft geschickt ausnutzte. Nachdem bei Daimler bis dato etwa 100.000 Autos produziert worden waren, übernahm er Anfang der sechziger Jahre für 3,4 Millionen Pfund - damals rund 40 Millionen Mark - den ganzen Laden und damit auch den Markennamen. "Allerdings ging es ihm dabei weniger um die Luxusliner, sondern um die Produktionsanlagen", sagt sein Enkel. "Weil sein Werk aus allen Nähten platzte, hat er so die Kapazität auf einen Schlag verdoppeln können."
Dennoch durfte die neue Tochter noch lange Zeit einen eigenen Weg gehen. Zwar nutzen die neuen Daimler immer häufiger die Technik des entsprechenden Jaguars-Modells. Doch bleibt es zumindest bei der eigenständigen Karosserie. Das letzte und zugleich eindrucksvollste Beispiel dafür ist der DS 420, der 1968 präsentiert wurde und bis 1992 im Programm blieb. Die fast schon barocke Limousine, die sich auch sehr erfolgreich als Landaulet oder Leichenwagen verkaufte, wurde fast 5000-mal produziert und gilt noch heute als Traumwagen vieler Hochzeitspaare. Danach jedoch zwang der Kostendruck die Briten zu einer neuen Strategie, und aus Daimler wurde eine vornehme Jaguar-Ausstattungsvariante - bis das geschwungene "D" 2003 vollends von der Preisliste der Briten verschwand.
Angeblich existieren irgendwo bei Jaguar ein paar Designskizzen für eine neue Daimler-Limousine im Stil des DS 420. Doch gibt es dafür wohl weder genügend Geld noch genügend Kunden. Deshalb bleibt es vermutlich auf absehbare Zeit erst einmal beim Super Eight. Zwar hätte man den sicherlich auch als Jaguar verkaufen können. Doch hätte man dann die wenigen, aber treuen Daimler-Kunden noch länger hingehalten und irgendwann vielleicht ganz verprellt. Und noch ein Grund spricht für die Wiederbelebung der Marke: Wäre der Name für längere Zeit ungenutzt geblieben, hätte Jaguar die Rechte doch noch an die Vettern aus Stuttgart verloren.