Dodge Caliber Ein Bodybuilder für Extrovertierte
Thomas Hausch hat ein Problem: Wie soll man einem Markt eine Marke erklären, die kaum jemand kennt? Da kann der Exportchef der Chrysler Group noch so lange darauf verweisen, dass Dodge in den USA die mit Abstand größte Sparte im Portfolio des Konzerns ist und dass der Widderkopf am Kühlergrill bei den Fans einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie der Apfel von Apple oder das Wappen von Harley Davidson. Und auch mit dem Dreigestirn vom Designerdress bei Chrysler, den Khaki-Hosen bei Jeep und den Bluejeans bei Dodge kann Otto Normalfahrer wahrscheinlich wenig anfangen.
Doch der ist den Amerikanern ebenso egal wie Manfred Mustermann. Ihre Zielgruppe sind leicht großspurige, expressive und vornehmlich männliche Kunden mittleren Alters, denen die Autos in den oberen Rängen der Zulassungsstatistik viel zu brav und zu gewöhnlich sind. Für genau diese Menschen hat Dodge den Caliber entworfen, der jetzt als erstes von vorerst vier neuen Modellen der rustikalen Chrysler-Schwester in Europa auf den Markt kommt. Gestützt von einer kleinen, aber dafür ungewöhnlichen und frechen Werbekampagne, soll er als vorlaute Alternative in der Golf-Klasse positioniert werden.
Rein optisch wird ihm das mühelos gelingen: Schließlich wirkt das Auto mit seinem hohen, vom typischen Fadenkreuz durchzogenen Kühlergrill, der wuchtigen Motorhaube und den weit ausgestellten Kotflügeln wie ein Bodybuilder in der Yoga-Gruppe. Und auch die Rückansicht birgt mit der sanft abfallenden Scheibe und der senkrecht stehenden Schürze keine Verwechslungsgefahr. Innen dagegen ist der Caliber von überraschend konventioneller Machart zumindest ohne die optional angebotenen Blenden und Konsolen und zusätzlichen Stoffbahnen in den Sitzen, die etwas Farbe einbringen.
Obwohl die Amerikaner den Caliber als "Crossover" im C-Segment bezeichnen und einige Vorzüge verschiedener Gattungen vereint haben wollen, kann auch die Sitzanlage nicht viel mehr als bei VW Golf oder Opel Astra. Die asymmetrisch geteilte Rückbank kann man in der Neigung verstellen und umlegen, und wer Langes laden möchte, kann auch die Lehne des Beifahrersitzes flach falten. Dann ist aber Schluss, und mit einem überdurchschnittlichem Platzangebot kann der Caliber auch nicht glänzen.
Beleuchtete Becherhalter, Minibar und Taschenlampe
Dafür allerdings lockt er mit Extras, die arrivierte Golf-Kunden zwar noch nie vermisst haben dürften, die aber durchaus kaufentscheidend sein könnten. Wo sonst schließlich gibt es eisblau beleuchtete Becherhalter, eine zur "Chill-Zone" erklärte Minibar im Handschuhfach, eine im Dachhimmel integrierte Taschenlampe und eine eingebaute Musikanlage für die spontane Party in der Innenstadt? Wer dort mit dem Caliber zum Benzingespräch auffährt, lässt lässig zwei große Lautsprecher aus der geöffneten Heckklappe gleiten und wird so zum DJ an der Dönerbude.
In Fahrt gebracht wird der Caliber zunächst von drei für Amerikaner ausgesprochen ungewöhnlichen Motoren. Die Vierzylinder-Benziner sind eigentlich viel zu klein, und ein Diesel ist ohnehin ein Exot in einem US-Motorraum. Doch weil der Caliber für den Weltmarkt gemacht ist, beginnt die Palette mit einem 150 PS starken 1,8-Liter-Ottomotor, dem Dodge einen neuen Zweiliter-Benziner mit 156 PS zur Seite stellt. Weil diesem Motor allerdings eine stufenlose Automatik viel von seinen maximal 190 Nm Drehmoment raubt, macht er den Caliber nicht gerade sportlich.
Entweder wartet man deshalb besser bis zum Jahresende auf den 2,4-Liter-Benziner, den es später sogar als Turbo gibt. Oder man nimmt gleich den bei VW eingekauften Diesel. Zwar klingt der Motor etwas rau, ist dafür aber ein ausgesprochen munterer Geselle, der mit 140 PS und maximal 310 Nm die beiden Benziner locker in die Schranken weist. Nicht umsonst ist er im Sprint und auf der Autobahn der schnellste. Zudem widerlegt er mit einem Durchschnittsverbrauch von 6,1 Litern endgültig das Vorurteil vom durstigen Ami.
Das beste Argument für das Auto ist der Preis
Eines der besten Argumente für den Caliber ist der Preis, der bei günstigen 14.990 Euro beginnt. "Damit bieten wir mehr PS pro Euro als jedes andere Auto in diesem Segment", sagt der deutsche Dodge-Vertreter Radek Jelinek. Allerdings darf man sich von der kleinen Zahl und der mit ESP und vier Airbags klassenüblichen Sicherheitsausstattung nicht täuschen lassen. Wer vermeintliche Standards wie Aluräder, Musik- und Klimaanlage oder eine Gepäckraumabdeckung möchte, muss drauflegen. Dafür bietet Dodge als "vertrauensbildende Maßnahme" ein Garantie- und Servicepaket, bei dem Caliber-Kunden in den ersten vier Jahren weder Wartungs- und Reparaturarbeiten noch Verschleißteile bezahlen müssen.
Selbst ohne diesen Bonus bleibt der Caliber günstiger als der Wolfsburger Klassenprimus, den Jelinek ohnehin nicht als Konkurrenten sieht. "Einen echten Wettbewerber für den Caliber gibt es nicht: Der VW Golf ist zu nett, der Fiat Stilo zu brav, der Audi A3 zu teuer, der Ford Focus zu artig, der Toyota Corolla zu niedlich und der Nissan Almera zu zahm", watscht er die Konkurrenz ab, bevor er einmal mehr an den Kerl im Kunden appelliert.
Dass das Experiment Europa gelingt, steht für die Amerikaner außer Zweifel. Und falls die Kunden diesseits des Atlantiks das Leben doch nicht auf Anhieb bei den Hörnern packen sollten, wie es der Dodge-Slogan suggeriert, wäre das auch kein Beinbruch: In den USA ist der Wagen so erfolgreich, dass die Produktion dort alleine verkauft werden könnte.