Dodge Nitro/Dodge Avenger: Brisantes Doppel - DER SPIEGEL
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Dodge Nitro/Dodge Avenger Brisantes Doppel

Dodge macht Ernst. Obwohl viele am Erfolg der Marke in Europa gezweifelt haben, verkauft sich das Kompaktauto Caliber besser als erwartet. Nun legen die Amerikaner nach und importieren zwei neue Modelle: den explosiven Nitro und den bösen Avenger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Markus Hauf ist zufrieden. Das vergangene Jahr lief prima. "Während der Gesamtmarkt in Deutschland um 3,8 Prozent gewachsen ist, haben wir um 7,9 Prozent zugelegt", sagt der Sprecher von Chrysler, Jeep und Dodge mit Blick auf mehr als 18.000 Zulassungen. Auch in diesem Jahr läuft es bei den Amerikanern bislang besser als erwartet: Obwohl der Markt, wohl in Folge der Mehrwertsteuererhöhung, zurückging, weist Hauf für seine drei Marken im Januar und Februar ein zweistelliges Wachstum aus.

Motor dieser Entwicklung ist die ebenso hemdsärmelig wie vorlaut positionierte Marke Dodge, die – von dem in homöopathischen Stückzahlen importierten Supersportler Viper einmal abgesehen - erst seit letztem Sommer in Europa präsent ist und mit dem in der Kompaktklasse platzierten Caliber einen guten Einstand hatte. "Dieses Auto hat all unsere Erwartungen übertroffen", sagt Hauf. Vorsichtig hatten die Amerikaner mit 1500 Autos kalkuliert, erzielt wurden im vergangenen Jahr aber rund 2000 Zulassungen. "Es hätten doppelt so viele werden können, wenn mehr Fahrzeuge aus den USA verfügbar gewesen wären", sagt der Sprecher und berichtet von "monatelangen Lieferfristen".

Die sind inzwischen abgebaut, und die Marke soll weiter wachsen. Im Sommer kommen zwei neue Modelle, die in anderen Volumensegmenten mit auffälligem Design und kraftstrotzenden Motoren den Kampf gegen die Blech gewordene Langeweile fechten sollen. Obendrein sind die Preise ordentlich kalkuliert. "Wie beim Caliber bieten wir auch hier mehr PS pro Euro als jeder Wettbewerber", verspricht Thomas Hausch, der in Detroit den Export der Marke verantwortet.

Fies wie der Dienstwagen der Panzerknacker

Die Hoffnungen ruhen vor allem auf dem Nitro, der bei den Amerikanern als kompaktes Crossover-Modell und bei uns als leichter Geländewagen durchgeht. Zumindest optisch schlägt der kantige Allradler mit dem explosiven Namen im Feld von Hyundai Tucson und Kia Sportage ein wie eine Bombe: Wo die anderen den Allerweltsgeschmack bedienen, wirkt der Nitro fies und böse wie der Dienstwagen der Panzerknacker. "Hoppla jetzt komm ich", meint man zu hören, wenn sich der gewaltige Kühlergrill mit dem fett verchromten Fadenkreuz um die Ecke schiebt.

Die Schweller um die von bis zu 20 Zoll großen Alurädern prall gefüllten Radhäuser sind dick wie Bodybuilder-Muskeln nach einem Anabolika-Cocktail, und die Scheiben schrumpfen zu Schießscharten. Das begeistert, so hoffen die Strategen bei Dodge, nicht nur Musiker in amerikanischen Rap-Videos, sondern auch all jene europäischen Selbstdarsteller, die kein Allerwelts-SUV fahren wollen und sich den Hummer H3 nicht leisten können.

Der ab Juni lieferbare Nitro dagegen ist fast schon ein Schnäppchen. "Anders als bei Jeep hatten wir hier die Chance, beim Basismodell auf einen Allradantrieb zu verzichten", sagt Hausch. Deshalb steht der günstigste Nitro ab 26.890 Euro in der Liste. Auch wer den zuschaltbaren Allradantrieb mitbestellt, zahlt 28.390 Euro und kommt nach den Berechnungen von Pressesprecher Hauf mindestens 1000 Euro günstiger zum Auto als bei den koreanischen Herstellern.

Wo gespart wurde, merkt man im Innenraum

Allerdings merkt man spätestens im Innenraum, dass die Amerikaner beim Nitro aufs Geld schauen mussten. Zwar geht die Serienausstattung mit vier Airbags, ESP, Klimaanlage und den wichtigsten elektrischen Helfern in Ordnung. Und Gimmicks wie die Jukebox auf der Festplatte oder den ausziehbaren Ladeboden findet man in dieser Klasse sonst nirgends. Doch wie so oft bei billigen Autos, wirkt im Nitro das Interieur arg schlicht, weil die Kunststoffe zu hart und die Oberflächen zu glatt sind. Außerdem geht es vor allem vorne etwas eng zu, so dass bei großen Beifahrern schon mal das Schienbein am Handschuhfach rubbelt. Hinten dagegen lässt es sich prima lümmeln, und auch der Kofferraum hat reichlich Platz.

So amerikanisch das Auto aussieht, unter dem Blech ginge der Nitro als Europäer durch: Das Fahrverhalten ist trotz der Starrachse im Heck überraschend präzise, und bei den allermeisten Autos wird unter der Haube ein halbwegs vernünftiger Dieselmotor stecken, der serienmäßig mit Rußpartikelfilter ausgeliefert wird. Zwar klingt der 2,8 Liter große Vierzylinder kernig, punktet aber mit 177 PS, bärigen 460 Nm und einer Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h. Außerdem ist er mit 8,6 Litern beinahe sparsam.

Aber keine Sorge: Für unverbesserliche Aufschneider gibt es im Top-Modell R/T ab 38.990 Euro auch einen typisch amerikanischen Vierliter-Motor mit sechs Brennkammern. Er klingt wie eine Bluesgitarre aus Detroit und ist kräftig wie ein Kirmesboxer: 260 PS und 360 Nm stehen im Datenblatt. Weil allerdings auf dem Bordcomputer bis zu 15 Liter Durchschnittsverbrauch auftauchen, wird dieser Typ maximal 20 Prozent der Nitro-Verkäufe ausmachen.

Im Herbst tritt der Mittelklasse-Rabauke Avenger an

Zweite Neuheit der wilden Chrysler-Schwester ist der 4,85 Meter lange Avenger, der ein bisschen wie die zahme Version des in den USA ausgesprochen populären Charger aussieht, weil er dessen kessen Hüftschwung über der Hinterachse kopiert. Positioniert gegen biedere Stufenheckautos aus Korea, Japan oder Frankreich, kommt er im dritten Quartal zu Preisen ab 21.990 Euro über den Atlantik. Auch für ihn werben die Amerikaner mit dem charakterstarken Design, dem attraktiven Preis und der intelligenten Ausstattung, zu der anders als beim Nitro auch Seitenairbags und Spielereien wie beheizbare Getränkehalter zählen.

Im Gegensatz zu Caliber und Nitro fehlt dem Avenger aber, vom Karosseriedesign abgesehen, der Charme des Rebellen. Das Interieur wirkt durchschnittlich, der unverkleidete Kofferraumdeckel mit scharfen Blechkanten, offenen Kabeln und blanken Schrauben ist ein Rückfall in die Frühzeit des Billigautos, und die Motoren sind braver, als es zum Image passt. Denn während andernorts große Vierzylinder und ein V6 angeboten werden, gibt es bei uns nur den kleinsten Benziner mit zwei Litern Hubraum und 156 PS und den 140 PS starken Pumpe-Düse-Diesel aus Wolfsburg. Der macht seine Sache zwar trotz des harten Motorgeräuschs nicht schlecht, und auch die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h ist bei beiden Varianten ausreichend. Doch Leidenschaft kann die Limousine nicht entfachen.

Trotzdem sind die Amerikaner zuversichtlich: Dass gerade in der Mittelklasse das Stufenheck bislang fest in der Hand konservativer Kunden war, die am vorlauten Avenger so wenig Gefallen finden werden wie an einem Stuntman als Schwiegersohn, stört die Dodge-Manager nicht: "Für alle anderen gab es bislang einfach nicht das richtige Angebot."