Sport-Pedelec im Test: Specialized Turbo S
Specialized Turbo S im Test Dieses Fahrrad hat immer Rückenwind
Elektrofahrräder sind nur etwas für Rentner, die ohne Hilfsantrieb nicht mehr vom Fleck kommen? Von wegen! Außer den normalen E-Bikes, deren Elektronik den Motor bei 25 Stundenkilometern abregelt, gibt es jetzt auch sogenannte S-Pedelecs.
Deren Antrieb beschleunigt die Fahrräder auf Geschwindigkeiten, die sonst nur extrem sportliche Fahrer für kurze Zeit erreichen. Ein solches Extrem-Bike habe ich vier Wochen lang getestet: das Turbo S von Specialized.
Bevor ich damit losradeln darf, bekomme ich eine Einweisung: Ein Rückspiegel ist ebenso obligatorisch wie das Versicherungskennzeichen und ein Helm. Fahrradwege sind tabu. Warum das so ist, wird mir klar, als ich die ersten Kilometer mit dem Turbo fahre: Ich bin viel schneller unterwegs als sonst. Selbst bergauf scheint es damit leichter zu gehen als sonst bergab.
Was das im Alltag bedeutet, merke ich bei meiner morgendlichen Radtour ins Verlagshaus: Auf meiner 15-Kilometer-Strecke spare ich fünf bis sechs Minuten gegenüber meiner normalen Fahrzeit und komme trotzdem kaum ins Schwitzen.
Schweißtreibend auf Speed
Das soll nicht heißen, dass das Fahren mit dem S-Pedelec unsportlich sein muss. Will man wirklich im Autoverkehr mitschwimmen, schnell beschleunigen und fahren, muss man dafür auch arbeiten. Bei 45 km/h hört der Motor auf zu helfen. Um nur ein wenig schneller fahren zu können, muss ich die gesamte Masse des wegen Antrieb und Akku schweren Fahrrads mit Muskelkraft antreiben.
Zeitweilig zeigt meine Sportuhr deshalb einen weit höheren Puls als beim normalen Radfahren. Aber eben nur zeitweilig. Statt eines eher konstanten Kraftaufwands bei einer unmotorisierten Radfahrt, messe ich beim Fahren mit dem Turbo S eher kurze, dafür intensive Belastungen.
Und ich stelle eine Veränderung an mir fest: Das tägliche Radfahren, das für mich über die Jahre zur Routine geworden ist, hat plötzlich wieder diesen Kick. Wenn der Heckantrieb des Turbo S einsetzt und mir der Fahrtwind ins Gesicht peitscht, muss ich grinsen. Das Ding macht Spaß.
Aber dieser Spaß ist teuer. Beim Testfahrrad liegt der Preis bei rund 5000 Euro. Die Folgekosten sind nicht zu unterschätzen. Einerseits sollte man das Rad regelmäßig zum Fachhändler zur Inspektion bringen. Andererseits muss man es wie ein Kleinkraftrad für etwa 100 Euro pro Jahr versichern.
Der größte regelmäßig anfallende Posten dürfte jedoch der Akku sein. Der Energiespeicher kann etwa 500-mal aufgeladen werden, bevor seine Speicherkapazität nachlässt. Bei meinem Fahrpensum müsste ich ihn nach rund zwei Jahren für etwa 900 Euro austauschen. Die Stromkosten fallen dagegen gering aus. Je nach Stromanbieter und abgerufener Motorleistung muss man mit 20 bis 50 Cent pro 100 Kilometern rechnen.
Ein Quietschen zum Abschied
Am zweiten Tag des Tests erwartet mich in der Tiefgarage eine Überraschung. Zwar leuchtet die Einschalttaste am Lenker, doch das Display bleibt dunkel, der Motor macht keinen Mucks. Also folge ich der Notfallanleitung, nehme den Akku heraus, mache ein Reset der Elektronik, setze den Akku wieder ein - nichts regt sich. Nur die vier LEDs blinken, die den Ladezustand des Akkus anzeigen. Offensichtlich hat ein Elektronikfehler das Fahrrad lahmgelegt.
Ich versuche es mit Anschieben, fahre mit Pedalkraft einige Runden im Parkhaus, schalte die Elektronik immer wieder ein und aus. Eine schweißtreibende Erfahrung mit dem 23-Kilo-Gefährt.
Doch die Mühe lohnt sich: Zwar bleibt das Display dunkel, doch der Motor läuft an. So komme ich doch noch nach Hause, kann in der Bedienungsanleitung schmökern und lerne, dass das Blinken der Akku-LEDs Fehlermeldungen sind. Das Rad muss in die Specialized-Werkstatt, bekommt dort ein neues Display eingebaut.
Die übrigen knapp vier Wochen läuft alles rund, und ich gewöhne mich fast zu sehr daran, mit elektrischem Rückenwind zu fahren. Aber dann quietscht auf halber Strecke ins Büro plötzlich etwas. Es ist die Hinterradbremse. Sie verzögert zwar noch, aber sobald ich sie einmal gezogen habe, scheint sie sich zu verkanten, wird immer lauter, bremst immer stärker.
Anhalten, kurz rückwärts schieben und ein wenig an der Bremsscheibe drücken hilft, für die nächsten paar hundert Meter. Ein Spaß ist die Fahrt so nicht mehr. Klarer Fall: Das Elektro-Bike muss wieder in die Werkstatt.
Eigentlich müsste mich das nerven, aber am Ende bin ich dankbar für diese letzte Panne. Der Bremsenfehler macht es mir leicht, vom Turbo S ab- und wieder auf mein per Muskelkraft betriebenes Fahrrad umzusteigen. Ohne diese Malaise hätte ich das rasante Gefährt nur ungern wieder hergegeben. Aber für meine Fitness ist es besser so. Und für meinen Kontostand sowieso.