Autogramm Honda VFR800X Crossrunner: Besser in Form
Autogramm Honda VFR800X Crossrunner Derber Sound, Dicker
Der erste Eindruck: Endlich ist es ein Motorrad. Die Crossrunner hat ein freundliches Gesicht mit Doppelscheinwerfern erhalten, die sinnlose Plastikverpackung um den V4-Motor herum wurde entfernt. Vorher sah die Maschine wie ein fette Raupe aus.
Das sagt der Hersteller: "Mir gefällt sie jetzt auch viel besser", meint Oliver Franz, Pressesprecher von Honda Deutschland. Bei der Formgebung habe man sich bei der großen Schwester Crosstourer bedient. "Aber wer die Neuauflage nur auf optische Korrekturen reduziert", so Franz, "tut der Crossrunner wirklich unrecht."
Tatsächlich hat Honda ein grundlegend verändertes Fahrzeug auf die Beine gestellt: Der VFR800-Motor wurde für die überarbeitete Version auf 106 PS getrimmt, hat bei mittleren Drehzahlen etwas mehr Durchzug als das Vorläufermodell und soll mit 5,3 Liter auf hundert Kilometer auch signifikant sparsamer arbeiten.
Auch die neue Brems- und Auspuffanlage, die leichteren Gussspeichenräder, die veränderte Fahrwerkgeometrie sowie die längeren Federwege zählt Franz auf. "Wenn es noch ein neuer Rahmen geworden wäre, hätten wir ein komplettes Neufahrzeug vorstellen können."
Das ist uns aufgefallen: Aufsitzen und wohlfühlen, so läuft das hier. Honda hat den etwas breiteren Lenker ein paar Zentimeter nach hinten positioniert, etwas angehoben und damit die Ergonomie der Crossrunner gezielt verändert. Die Sitzposition ist endlich entspannt, die Kniebeuge offener.
Überhaupt wirkt das Fahrzeug luftiger: Die potthässliche Plastikverkleidung wurde auch am Lenker ersatzlos gestrichen, das Cockpit ist jetzt ein moderner Arbeitsplatz - hinter einem leider nicht verstellbaren Windschutz. Die neuen digitalen Anzeigen glitzern golden und sind selbst im prallen Tageslicht leicht zu lesen. Allerdings drängt Honda dem Fahrer alle Informationen auf, die die Elektronik hergibt - der Kilometerstand und andere verzichtbare Werte lassen sich nicht verbergen. Weniger wäre da mehr.
Etwas mehr wäre hingegen nicht schlecht bei der Leistung. Die Crossrunner läuft zwar flott, wenn man den Motor auf Drehzahl hält. Aber aus den Startlöchern kommt die Maschine nicht so richtig. Bei der Schwester, der Sportlerin Honda VFR800F, macht sich das nicht so bemerkbar - vielleicht liegt es bei der Crossrunner an der aufrechteren, gemütlicheren Sitzposition. Der fehlende Punch stört aber nicht weiter; der Wert der Crossrunner liegt im flüssigen Cruisen, dem sauberen Kurvenziehen und der entspannten Überwindung einer Langdistanz.
Bei der Ausstattung hat Honda einiges zu bieten: Eine Traktionskontrolle mit drei Stufen, die sich auch komplett ausschalten lässt, ABS, serienmäßige Heizgriffe und selbstabschaltbare Blinker.
Das muss man wissen: In der hart umkämpften Klasse der Mittelklasse-Tourer machen sich immer mehr domestizierte und straßenorientierte Enduros breit - die Honda muss sich unter anderem gegen die etablierte BMW F 800 GS, die billigere Triumph Tiger 800 XR und nicht zuletzt gegen die viel leichtere Ducati Hyperstrada behaupten. Einfach wird es die 2015er Crossrunner, die noch vor Weihnachten 2014 an die Händler ausgeliefert wird, gegen diese Konkurrenz auch nach dem Rundum-Erneuerung nicht haben.
Hondas "Adventure Style"-Motorrad hat mit 242 Kilogramm Gewicht nämlich ziemlich viel Speck auf den Rippen und zudem ein Preisproblem: 12.490 Euro inklusive Nebenkosten (wie Überführung), plus eine vierstellige Zusatzsumme für sinnvolles Reisezubehör (Koffer, Gepäckbrücke) und technische Spielereien (Zusatzscheinwerfer, Schaltassistent). Der Betrag ist in dieser Klasse fast schon ein immanentes K.-o.-Kriterium - wenn man nicht ein echter Liebhaber von V4-Motoren ist.
Am Preis-Leistungs-Verhältnis hat auch das Vorläufermodell gelitten; unter tausend verkaufte Exemplare in den ersten drei Modelljahren können Honda Deutschland natürlich nicht zufriedenstellen.
Das werden wir nicht vergessen: Den sinnlichen Moment, wenn durch die Honda-VTEC-Technik aus dem VFR800-Achtventil-Motor ein Sechzehnventiler wird.
Das funktioniert so: Mittels eines ausgeklügelten Hydraulik- und Federnsystems wird bei 6500 Umdrehungen im Innern des VFR800-Aggregats eine zweite Nockenwelle angehoben, die pro Zylinder zwei Ventile zuschaltet.
Die variable Ventilführung hat zwar keine erkennbaren konstruktiven Vorteile - aber sie verleiht dem Motor einen raubeinigen Charakter und einen verrückten Sound, der erst auf das Zwerchfell und dann ans Herz geht: Was eben noch zum Zweier-Beat tief gegrummelt hat, jubiliert nun im Viervierteltakt der Drehzahlgrenze entgegen.