Fahrbericht Range Rover: Heute ein König
Fahrbericht Range Rover In Selbstherrlichkeit, Amen
In andere Autos steigt man ein, den Land Rover besteigt man wie einen Thron. Und dann verändert sich der Blick auf die Welt, und man kann sich nicht dagegen wehren.
Bei mir war es so: Ich finde SUVs höchst überflüssig. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe große Autos. Aber hohe Autos? Braucht kein Mensch. In der Wildnis vielleicht, oder als Kleinunternehmer einen Pick-up-Truck mit Ladefläche zum Einfach-hintendrauf-Schmeißen von Arbeitsmaterial. Aber warum in infrastrukturell gut ausgebauten Großstädten plötzlich lauter hochgebockte Kombis rumfahren, ist mir ein Rätsel.
Diese Überzeugung ist mir allerdings für ein paar Tage abhandengekommen, und zwar, als ich mit dem Range Rover unterwegs war. In diesen wenigen Tagen ergriff der Wagen Besitz von mir. Plötzlich meinte ich zu verstehen, warum immer mehr Menschen in einen fahrbaren Hochsitz klettern.
Streicheln bis zum haptischen Höhepunkt
Wenn man stolze Besitzer eines SUV nach Argumenten für den Kauf der größeren, schwereren und damit unvernünftigeren Variante eines Kombis fragt, schlagen die mit den immer gleichen, rational anmutenden Argumenten zurück. Die hohe Sitzposition, der vermeintliche Überblick, das sind die gängigen Ausflüchte.
Im Range Rover ist es viel mehr als das. Es sind viele kleine Details, die sich zu einem Hochgefühl verdichten. Das Lenkrad zum Beispiel: Es besteht aus einem Lederkranz, in der Mitte sitzt ein etwas eckig und klobig geratenes Bedienteil mit verschiedenen Knöpfen. Der Clou ist der obere Teil des Volants, vermutlich aus Holz, auf jeden Fall aber mit feinstem Klavierlack überzogen. Immer und immer wieder habe ich mit den Fingern darübergestrichen. Die Oberfläche war von einer fast schon unwirklichen Feinheit, jede Berührung ein kleiner, haptischer Höhepunkt.
Oder: An der Ampel, wo die Fußgänger normalerweise auf die Menschen in ihren Autos heruntergucken, ist das Verhältnis umgekehrt: Gnädig blicke ich aus dem Range Rover auf sie herab. Und während in vielen anderen Autos die Fensterflächen immer kleiner werden, können die Briten - auch, weil er immer noch herrlich eckig ist - dem Range Rover eine Panorama-Verglasung spendieren. Die nächste Stufe, denke ich, ist das Papamobil. Dieser vollverglaste Heilige Stuhl, mit dem sich der Papst durch die Gegend kutschieren lässt. Für einen kurzen Moment verspüre ich den Impuls, die wartenden Fußgänger, die zu mir aufschauen, mit mir zugewandter Handinnenfläche milde zu grüßen. Zum Glück schaltet meine Ampel auf Grün.
Starker Antritt, mäßiger Durst
Nüchtern betrachtet ist es wirklich beeindruckend, was unter der Regie des indischen Tata-Konzerns aus der einstigen Krisenmarke Land Rover geworden ist. Nichts erinnert mehr an die Autos aus der Zeit, als die Marke noch zum British-Leyland-Auto-Imperium gehörte, das wegen der notorischen Unzuverlässigkeit seiner Produkte auch "Britisch Elend" genannt wurde. Die Qualitätsanmutung des Range ist rundum top, auch wenn das bei einem Einstiegspreis von 127.000 Euro für den Testwagen mit dem Fünfliter-Motor eigentlich keine Überraschung sein sollte.
Nur das Cockpit, das aus einem TFT-Display besteht, fällt irgendwie aus der Rolle. Einerseits passt es, rein vom Konzept her, wunderbar in die eher kühle denn schwülstige Interieurlandschaft. Doch dann erscheinen nach Druck auf den An/Startknopf zwei klassische Rundinstrumente als Animation auf dem Bildschirm - und das sieht irgendwie billig aus.
Freude bereitet das Triebwerk. Der aufgeladene Fünfliter-V-8 erwacht auf Knopfdruck mit einem kehligen Fauchen, hält sich aber sonst bei gemächlicher Fahrt angenehm zurück und meldet sich erst wieder mit einem satten Knurren, wenn man den Wagen per Gaspedal nach vorne tritt. Erstaunlich ist dabei vor allem der Verbrauch, der trotz nicht unbedingt behutsamer Fahrweise in der Stadt bei knapp über 15 Litern liegt. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was für ein Gewicht hier beschleunigt wird, und sich den Durst vergleichbarer Triebwerke anderer Hersteller anschaut.
Abschied von der Vernunft
Gleichzeitig ist es natürlich ein vollkommen unzeitgemäßer Verbrauch. Überhaupt ist das Auto in seiner schieren Größe unsinnig, zumal in seinem angestammten Revier, nämlich den besseren Vororten wohlhabender Metropolen. Aber von derlei unangenehmen Wahrheiten und nüchternen Betrachtungsweisen entferne ich mich mit jedem Meter, den ich im Range Rover zurücklege, immer weiter. SUVs braucht kein Mensch - habe ich das wirklich mal gesagt?
Diese seltsame Charaktermutation, das muss ich anerkennen, geht auf das Konto der Range-Rover-Designer. Sie haben das Kunststück vollbracht, ein vollkommen modernes Auto ganz im Sinne von Cool Britannia zu gestalten, in dem unterschwellig trotzdem immer das überhebliche Selbstverständnis der ehemaligen Kolonialmacht mitschwingt.
Und das Auto hilft kräftig mit, selbstherrliche Anwandlungen des Fahrers zu unterstützen. Zum Beispiel, wenn man dem Range Rover die Sporen gibt. Zumindest in der Variante mit der V8-Motorisierung stürmt der Koloss so vehement los, wie man es ihm bei gemächlicher Gangart nie zugetraut hätte. Oder wenn man an der Ampel den Knopf für die Absenkung der Luftfederung drückt und der Range Rover sich erst auf der Vorderachse absenkt, um dann auch aus den hinteren Dämpfern die Luft abzulassen.
Da ist es wieder, das Thron-Gefühl. Und zwar die Sorte Thron, die auf dem Rücken eines Elefanten festgeschnallt ist. Ja, genau. Es ist, als würde man auf einem Elefanten reiten, einem indischen, wohlgemerkt. Der mal ungestüm losgaloppiert und sich mal schnaufend auf seine Knie niederlässt.
Heute ein König - schade, dass dieser Slogan schon von einer Biermarke reserviert ist. Und genau das ist der Punkt. Diese ganzen pseudo-rationalen Argumente für den Kauf eines SUV - alles Kokolores. Die Wahrheit sieht so aus: SUVs sind Doping fürs Ego. Und der Range Rover ist die Superdroge. Deswegen war ich auch erleichtert, als ich den Testwagen zurückgeben musste.