Golf GTI Wolf im Golfpelz
Wer den "alten" GTI kennt, bei dem der Schaltknüppel noch aussah wie ein Golfball und bei dem die drei Metallspeichen des Lenkrads mit der Höhle in der Nabe noch gelocht waren, der steht dem neuen Modell erst einmal skeptisch gegenüber. Dem Auto fehlt das luftig-leichte, das elegant-nonchalante, das frech-fröhliche, das den Ur-GTI auszeichnete. Die drei Buchstaben sind geblieben, ansonsten hat sich fast alles geändert. Wie überhaupt der Golf in der fünften Generation ein Auto geworden ist, das ein bisschen wirkt wie jene Typen, die zur Abitur-Abschlussfeier eine Krawatte tragen, die aus dem Fundus ihres Vaters stammt.
Warum? Weil der Golf im Laufe seiner beispiellosen Karriere ein wenig satt und selbstzufrieden geworden ist. Und das sieht man leider auch dem GTI an. Das Kühlergrillgitter aus schwarzen Plastikwaben sieht nicht besonders sportlich aus, der Dachspoiler und der Doppelauspuff wirken ein wenig uninspiriert. Und dass es den Wagen auch als Fünftürer gibt, verdeutlicht vielleicht am besten, was aus dem guten, alten GTI geworden ist: ein auf sportlich geschminkter und inzwischen recht korpulenter Kompaktwagen.
VW Golf GTI: Zehren vom Mythos
Wohlgemerkt, das sind bislang äußere Eindrücke. Das Bild wandelt sich sehr, sobald man den GTI entert und ihn so nutzt, wie es von Anfang an gedacht war: zum zügigen Fahren. Dann trumpft der Golf richtig auf, vor allem wenn das Doppelkupplungsgetriebe DSG an Bord ist. Diese Technik kostet 1725 Euro extra, was ziemlich happig ist. Andererseits wird mit DSG ein ganz anderes Auto aus dem GTI: ein Sportwagen nämlich, der ohne zu zucken losrennt. Der Turbo-Vierzylinder des GTI leistet 200 PS und liefert 280 Newtonmeter an die Kurbelwelle. Mit Sechsgang-Schaltgetriebe dauert der Standardsprint von 0 auf 100 im besten Fall 7,2 Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 235 km/h. Mit dem schweren DSG sinkt das Spitzentempo zwar marginal auf 233 km/h, doch der Antritt verbessert sich auf 6,9 Sekunden.
GTI bedeutet Sportlichkeit plus Alltagsnutzen
Zudem hilft das Doppelkupplungsgetriebe ganz behutsam beim Spritsparen. 7,9 Liter im Durchschnitt stehen 8,0 Liter je 100 Kilometer gegenüber. Bei unserem Testauto war zwar DSG an Bord, deshalb auch die Hymne auf dieses Getriebe, doch der Verbrauch war laut Bordcomputer kaum unter 10 Liter zu drücken. Insofern passt der Golf GTI nicht so gut in eine Zeit steigender Benzinkosten und zunehmend dichterer Verkehrsadern. Andererseits schlägt er sich, verglichen mit viel sinnloseren Sportwagen ganz anderer Kaliber noch ziemlich wacker in den Disziplinen Alltagsnutzen, Spritverbrauch und Abgasemission (im Schnitt 190 Gramm CO2 je Kilometer).
VW hat den Grundpreis des GTI gerade auf 24.550 Euro angehoben. Und inzwischen jeder vierte GTI-Käufer, der zudem das erwähnte DSG bestellt, muss mindestens 26.275 Euro hinlegen. Jetzt bietet Volkswagen auch noch spezielle Recaro-Schalensitze an, die in der teureren Lederausführung 2850 Euro Aufpreis kosten, aus dem Innenraum des Wagens aber eine richtig rasante Stube machen und im Übrigen exzellenten Halt bei forscher Fahrt bieten.
Astra und Focus sind etwas schneller
Damit positioniert sich der Golf GTI preislich zwischen seinen beiden neuen Herausforderern Ford Focus ST und Opel Astra OPC. Der Ford kostet 24.200 Euro, bietet aber einen 225 PS starken Motor und eine Höchstgeschwindigkeit von 241 km/h. Noch einen Tick schneller, nämlich 244 km/h, rennt der Astra OPC, dessen Vierzylinder-Turbomaschine 240 PS freisetzt und der 28.000 Euro kostet. Welches Auto ist nun die beste Wahl? Das rundeste Fahrgefühl vermittelt wohl der Golf, wobei an seiner Vorderachse zwar mehr als genug, aber eben doch deutlich weniger PS zerren als bei den Konkurrenten, insbesondere beim Astra OPC. Außerdem relativiert sich der scheinbar günstige Preis des Golf GTI, wenn man die Ausstattung genauer inspiziert.
Das beliebteste Extra beispielsweise ist ein Radio, VW spricht von einer Einbaurate von 99 Prozent. Das ist erfreulich für die Wolfsburger, denn die kassieren jedes Mal zusätzlich. Beim Opel muss man sich darüber keine Gedanken machen, denn eine CD-Musikanlage ist serienmäßig an Bord. Wer also genau rechnet, wird merken, dass die drei Autos nahezu identisch viel Geld kosten, wenn sie vergleichbar ausgestattet sind.
Was der Golf den anderen voraus hat, ist sein Nimbus als sportliches Trendauto, den er seit 29 Jahren aufbaut und pflegt. Mehr als 1,5 Millionen Exemplare des Typs wurden bislang weltweit verkauft, und VW behauptet, dass das Kürzel GTI bei mehr als 93 Prozent der Europäer bekannt ist. In den USA ist die Quote noch sehr viel geringer, doch VW möchte auch dort das GTI-Label etablieren. Ab kommenden Februar tritt der Golf GTI in den Vereinigten Staaten an. Und dort ist er in seiner Klasse erst mal wieder konkurrenzlos.