Harley Davidson Einzug der Moderne
Die Firma Harley-Davidson lebt sehr gut von Fahrzeugen, die objektiv schlecht sind: Die legendären Rocker-Maschinen haben eine antiquierte Antriebstechnik, sie sind langsam, unhandlich, störanfällig und bei alldem auch noch viel teurer als die meisten ihrer japanischen und europäischen Konkurrenten. Dennoch wachsen die Verkaufszahlen der archaisch bollernden Zweiräder beharrlich; im vergangenen Jahr setzte Harley-Davidson weltweit erstmals mehr als 200.000 Motorräder ab (siehe Grafik).
Allem Erfolg zum Trotz scheint in der Firmenleitung das Vertrauen auf die Magie der musealen Mechanik zu schwinden: Harley stellte jetzt in Los Angeles ein Produkt vor, dessen Modernität die Stammkundschaft zweifellos befremden wird.
Es soll im November zu Stückpreisen jenseits der 40.000 Mark auf den Markt kommen. Hinter der kryptischen Modellbezeichnung VRSCA V-Rod verbirgt sich laut Werksverlautbarungen "eine völlig neue Interpretation des Themas Motorrad". Gemeint ist ein Erzeugnis ganz nach dem Standard gängiger zeitgenössischer Technik - was aus der Perspektive der Harley-Konstrukteure bereits an Science-Fiction grenzt.
Was der Hersteller als "revolution engine" bezeichnet, trägt schlicht sämtliche Attribute zeitgemäßen Motorenbaus: zwei oben liegende Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Wasserkühlung. Einzige Konzession an die Tradition: Wie eh und je sind die Zylinder in V-Form angeordnet - allerdings im für die Laufruhe optimalen Winkel von 60 Grad. Damit ist das charakteristische Holpern des urigen Harley-Zweitöpfers verstummt, das seine Ursache im ungünstigen Winkel von 45 Grad hatte.
Auch bei der Leistung passt sich Harley an marktübliche Werte an: Der 1,2-Liter-Motor hat 115 PS und beschleunigt das 280 Kilogramm schwere Zweirad auf über 200 km/h. Früher begnügte sich eine Harley-Davidson trotz gleichen Hubraums mit kaum mehr als der Hälfte dieser Leistung.
Als Rahmen dient eine aufwendige Doppelschleifen-Rohrkonstruktion, die so verwindungssteif sein soll wie kein Harley-Rückgrat zuvor. Der Tank wurde - einzige Weltneuheit im Motorradbau - in den Schutz des Rahmens unter den Sitz verbannt. Was aussieht wie der Tank, ist lediglich ein Abdeckblech für die Ansaugluftführung des Motors.
Die letzte verbliebene Motorradmarke Amerikas will mit diesem technischen Vorstoß nun auch von Fachleuten anerkannt werden. Doch wird sie damit auch die freakigen Außenseiter in ihrer Kundschaft begeistern können, die auf technische Finesse pfeifen?
Seinen Erfolg verdankt das Unternehmen einer Klientel, die dem Management anfangs eher peinlich als willkommen war. Während die Harley-Werbung der frühen Nachkriegsjahre wohltemperierte Krawattenträger mit artig lächelnden Sozias auf den Maschinen abbildete, spiegelte die Realität das exakte Gegenteil des angestrebten Kundenprofils.
Mit Vorliebe wurden die Zweiräder aus Milwaukee (Wisconsin) von Kriegsveteranen gesteuert, die in Ermangelung militärischer Schlachtfelder kleinstädtische Spießbürgerparadiese wie Hornissenschwärme heimsuchten und kurzerhand verwüsteten.
Einige aus dem Kreis der Unruhestifter schlossen sich zu den bis heute weltbekannten "Hells Angels" zusammen. Die Straßenrocker, teils harmlose Raufbolde, teils Schwerstkriminelle, wurden zu Archetypen des Harley-Fahrers.
Ihre Gewaltbereitschaft ging zuweilen mit patriotischen Ambitionen einher. Auf dem Höhepunkt des Vietnam-Kriegs bot sich das "Oakland-Chapter" der Angels in einem offenen Brief an Präsident Lyndon B. Johnson für den "Einsatz hinter den feindlichen Linien" an. Als "Spitzentruppe von Gorillas" wollten sie "den Vietcong demoralisieren und die Sache der Freiheit voranbringen".
Später verklärte die amerikanische Filmindustrie den Zweirad-Outlaw zum alternativen Helden. Doch der "Easy Rider" war dem Harley-Management zunächst ebenso suspekt wie der derbe Rowdy. Beharrlich glaubte die Firmenleitung, sie würde grundsolide Motorräder für ganz normale Menschen vertreiben. Das Marketing warb unbeirrbar an den Kunden vorbei; 1980 stand das Unternehmen kurz vor dem Ende.
Erst in der dritten Generation der Gründerfamilie Davidson erschien eine Lichtgestalt, die offensiv auf die Hippie-Klientel zuging und damit einen Verkaufsboom auslöste. "Es war ehrliches Interesse, keine Marketing-Direktive", beteuert William G. Davidson, inzwischen Chefdesigner des Unternehmens. Als "Willie G." bekannt, stieg er zum mythischen Medizinmann des Aufschwungs auf.
In Jeans und Lederjacke gewandet, das Kinn von einem verwegenen Bart umwuchert, lud er die zottelige Kundschaft zu inzwischen legendären Ausflügen im Zeichen des grimmen Firmenvogels (Motto: "Einsam fliegt der Adler") ein und kaufte das Unternehmen 1981 zusammen mit zwölf Managern aus dem Besitz des Mischkonzerns AMF für 81,5 Millionen Dollar frei.
Die Investoren wurden steinreich. Wie eine Viruskrankheit ergriff das Hippie-Fieber eine breite Masse kaufkräftiger Möchtegern-Outlaws. Binnen weniger Jahre wurde aus dem maroden Motorradwerk eine Traumfabrik für die Sehnsüchte Midlife-kriselnder Erfolgsmenschen. "Von anderen Herstellern kriegen Sie nur ein Motorrad", sagt Vorstandschef Jeffery Bleustein. "Wir liefern das ganze andere Zeug mit."
Zum "anderen Zeug" zählt das unüberschaubar reichhaltige Zubehör ebenso wie das üppige Veranstaltungsangebot. Zu den größten Harley-Treffen finden sich mehrere 100 000 Teilnehmer ein. Oft sind es Wohlstandsbürger, die von der Urklientel verächtlich als "Rolex-Rider" und "Zahnwälte" tituliert werden. Sie karren ihre chromglitzernden Vehikel auf Anhängern zum Treff und fahren nur die letzten Meter selber. "Sklaven eines geistlosen Kults" nennt Harley-Chronist Brock Yates diese Vertreter der Zweirad-Dekadenz.
Auch die Verkaufsmanager fürchten, der Outlaw-Glamour ihrer Marke könne bald in einer ermüdenden Seichtigkeit verebben. Nach "neuen Rebellen" unter den zeitgenössischen Fernsehgesichtern fischt in Deutschland Marketing-Direktor Bernhard Gneithing, ein schwäbelnder Hüne mit "New Rock"-Stiefeln so groß wie Tellerminen, deren Kappen rote Flammen zieren.
Als prominentesten Harley-Kunden kann Gneithing Formel-1-Ass Schumi vorweisen - zweifellos berühmt, aber kaum rebellischer als ein Goldhamster. Altrocker Peter Maffay passt schon besser ins Bild, ist jedoch im Bewusstsein der Nachwuchs-Kundschaft so präsent wie Sokrates. Zurzeit macht Gneithing Jagd auf den rundum tätowierten Handball-Punk Stefan Kretschmar. Der steht allerdings im Ruf, teuer zu sein. Bei dem coolen Leinwand-Recken Til Schweiger ist Gneithing bereits abgeblitzt. Dessen Nonkonformismus manifestierte sich vor allem in Geldgier. Unter fünf Millionen, signalisierte Schweigers Manager aus Hollywood, laufe gar nichts.
Der Outlaw-Geist der Marke, der in politisch unpräzisen Kultsprüchen wie "Eat the rich" oder "Fuck the world" Ausdruck findet, könnte nun auch durch den technischen Fortschritt Schaden nehmen, der mit dem neuen Modell einhergeht. In vielen Details erinnert es an die zahlreichen gescheiterten Versuche japanischer Hersteller, eine Harley zu kopieren und zu verbessern. Deren seidenweich laufende, leistungsstarke Zweizylinder setzten sich in der Fangemeinde nie durch. Harley-Fahrer wollten keinen Fortschritt, sie wollten das Urgefühl eines schüttelnden, bollernden Motors.
Manche Japaner versuchten daraufhin, die technischen Fehler der Harley-Ingenieure zu imitieren, etwa den ungünstigen Zylinderwinkel von 45 Grad. Doch auch diese Fälschungen kamen nicht an. "Coolness kann man eben nicht kopieren", spottet Harley-Chef Bleustein.
CHRISTIAN WÜST