Infiniti QX56 Titan im Smoking
Nissan vornehme Tochtermarke Infiniti ist in den USA eine feste Größe, in Europa fängt sie hingegen klein an. Nicht nur das Händlernetz und die Zulassungserwartungen sind bescheiden. Auch bei der Modellpalette übt sich Infiniti in Zurückhaltung und bringt nur eine kleine Auswahl der für die USA entwickelten Flotte über den Atlantik.
Bestes Beispiel dafür, wie uramerikanisch viele Inifiniti-Autos sind, ist der QX56, der mit 5,25 Metern Länge und knapp drei Tonnen Gewicht in einer Liga mit den amerikanischen Fullsize-Trucks spielt.
Je nach Bestuhlung mit Platz für bis zu acht Passagiere, basiert der QX56 auf den Nissan-Modellen Armada und Titan und wurde für den Einsatz in der Oberliga ordentlich herausgeputzt. Der Kühlergrill glänzt mit gefühlten 100 Kilo Chrom heller als die Spitze des Chrysler-Buildings, die Xenon-Scheinwerfer sind beinahe groß genug für die Leuchttürme auf Long Island und die LED-Rückleuchten funkeln mit dem Christbaum vor dem Rockefeller-Center um die Wette.
So amerikanisch wie der bullige Auftritt und das gigantische Format ist auch der Antrieb des Titans im Smoking. Acht Zylinder und 5,6 Liter Hubraum sind die Eckwerte, die bei Cruisern und Klimaschützern gleichermaßen den Blutdruck erhöhen. Mit 320 PS und 530 Nm setzt der V8-Motor das Gesetz von der Trägheit der Masse mühelos außer Kraft.
Zwar macht er bei Vollgas einen Heidenlärm, und die Fünfgang-Automatik kommt mit dem Schalten kaum hinterher, doch vergehen bis Tempo 100 keine acht Sekunden. Und dass irgendwo knapp über 100 Meilen pro Stunde der Begrenzer einsetzt, merkt in den USA ohnehin kein gesetzestreuer Mensch. Auch an der Tankstelle erfüllt der Gigant alle Klischees: Im Stadtverkehr gibt Inifiniti den Verbrauch mit 18 und auf dem Highway mit 13 Litern an; in der Praxis gemütlicher Langstreckenfahrten sind es gute 15 Liter. Aber immerhin fasst der Tank mehr als 100 Liter.
Nimm' mich mit, Kapitän auf die Reise
Am Steuer des QX56 fühlt man sich wie der Kapitän eines Ozeanriesen. Scheinbar unaufhaltbar kennt der Wagen nur eine Richtung: geradeaus, wo die Straße am Horizont verschwindet. Allerdings erfordert diese privilegierte Stellung auch eine gewisse Umsicht.
In Kurven holt man besser etwas weiter aus, und bis der Dreitonner tatsächlich steht, braucht es schon ein wenig Zeit und Auslauf. Auch wer mit dem Dickschiff rangieren muss, fühlt sich wie der Steuermann eines Ozeanriesen, den es im Nebel irrtümlich auf den Oberrhein verschlagen hat. Deutsche Altstadtgässchen werden da trotz Parksensoren und Rückfahrkamera zur Horrorvorstellung.
Doch auf einem schönen Highway kann man sich kaum entspannter fortbewegen: Hoch über der Straße genießt man eine Aussicht wie aus einem Penthouse, der Achtzylinder webt einen beruhigenden Klangteppich, die Klimaanlage temperiert den Luftraum und in die insgesamt zwölf Getränkehalter passen mehr Becher, Dosen und Flaschen als in manchen Kühlschrank.
Man wähnt sich also in einem Roadmovie. Auch die Ledersitze haben das Format von Kinosesseln, der beeindruckende Radstand von 3,12 Metern schafft selbst in der dritten Reihe noch genügend Freiraum, ein halbes Dutzend Airbags, ESP, die automatische Abstandsregelung und der zuschaltbare Allradantrieb wiegen einen in Sicherheit, und ein Heer von Elektromotoren übernimmt selbst den allerkleinsten Handgriff.
Vergleichsweise günstiger Riesen-SUV
Wie so oft bei US- Autos kann man sich über den Preis des QX56 nur wundern. Voll ausgestattet und mit dem optionalen Allradantrieb kostet das Dickschiff gerade einmal 55.000 Dollar. Darüber hinaus gibt es lediglich vier kostenpflichtige Optionen. Selbst wer lackierte Stoßfänger, den intelligenten Tempomaten und das DVD-System im Fond bestellt, bleibt unter 60.000 Dollar. Um die Relation zurecht zu rücken: Eine eher dürftig ausgestattete Mercedes M-Klasse kostet 44.000 und ein VW Touareg 39.000 Dollar, doch wirken diese Autos im Vergleich wie Danny de Vito neben Arnold Schwarzenegger.
Obwohl der Preis heiß ist, die Ausstattung opulent und sicher manch geltungsbedürftiger Amerika-Fan hierzulande mit dem Koloss gerne sein Selbstbewusstsein stützen würde, gibt es für Europäer außer ein paar Internet-Angeboten keine Chance auf das Auto.
"Der QX56 wird in der ersten Produkt-Welle ganz sicher nicht zu unserer Flotte zählen", heißt es in der neu eröffneten Europa-Zentrale am Genfer See. Dort setzt man stattdessen auf eine Limousine und ein Coupé im Format des 3er BMW sowie auf zwei andere Geländewagen, von denen einer seine Weltpremiere im März auf dem Genfer Salon feiert. Den Smoking werden die zwar nicht ablegen - doch das Format wird auf europäische Maße gestutzt.