Jaguar X-Type Katze aus dem Sack
"Eine Sensation", sagt Wolfgang Steib, und seine Begeisterung ist nicht gespielt. Der Geschäftsführer von Jaguar Deutschland freut sich über "500 Verträge, die für den X-Type bereits vorliegen". Bei einer Gesamtmenge von 3500 Exemplaren, die in diesem Jahr für die deutsche Kundschaft vorgesehen sind, ist das tatsächlich eine ansehnliche Quote. Den Grund für den Zuspruch glaubt Steib zu kennen: "Der Wagen ist die ideale Mischung aus Eleganz, Dynamik, Alltagstauglichkeit und Preiswürdigkeit." Ein fundiertes Urteil darüber kann sich bislang noch kein Käufer bilden, denn die Autos kommen erst am 31. Mai zu den Händlern. Doch seit einigen Tagen stellt Jaguar sein neues Baby der internationalen Motorpresse im französischen Dijon vor. Auch SPIEGEL ONLINE fuhr auf diversen Teststrecken kreuz und quer durch Burgund, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Und der ist geteilt.
Die guten Nachrichten zuerst: Der X-Type sieht gut aus, jedenfalls für den, der die etwas barocken Jaguar-Formen mag. Viele Leisten und Wölbungen charakterisieren die Blechhaut des Autos, in der Executive-Ausstattung trägt die Karosserie außerdem üppigen Chromschmuck. Was uns aber besonders gefiel, war das Fahren im neuen Wagen. Der Motor arbeitet mit angenehmem Klang und beeindruckender Leistungsbereitschaft. Jaguar ist mit dem X-Type eine richtig gute Fahrmaschine gelungen - auch dank des Allradantriebs, der bei sämtlichen Versionen zum Standard gehört.
Das Fahrgefühl ist jederzeit gut, in Kurven verhält sich die Limousine neutral, die Lenkung ist sehr leichtgängig, die Bremsen gebärden sich vertrauenerweckend. Das ist natürlich nicht besonders überraschend, denn schließlich basiert der X-Type auf dem hochgelobten Ford Mondeo (20 Prozent Gleichteile), wurde aber durch den Allradantrieb und die deutlich stärkeren Motoren in einigen Kategorien noch etwas besser.
Doch das hat seinen Preis: Zwar gibt Jaguar als Durchschnittsverbrauch für die beiden anfangs angebotenen Sechszylindermodelle rund zehn Liter Superbenzin je 100 Kilometer an, doch diese Werte dürften sich im Alltagseinsatz kaum realisieren lassen. Der Bordcomputer unseres Testwagens jedenfalls errechnete knapp dreizehn Liter Durchschnittsdurst. Der Kaufpreis allerdings, hofft Jaguar, werde die Konkurrenz von BMW und Mercedes ins Schwitzen bringen. Der günstigste X-Type kostet 59.457 Mark (2,5-Liter-V6-Motor), doch die Drei-Liter-Version in der Executive-Ausstattung kostet bereits 71.974 Mark. Dazu kommen dann beispielsweise noch Extras wie Automatikgetriebe (3970 Mark), elektronische Stabilitätskontrolle (1427 Mark) oder etwa Xenon-Scheinwerfer mit Reinigungsanlage und Leuchtweitenregulierung (1877 Mark).
| Hersteller: | Jaguar |
|---|---|
| Typ: | X-Type 3.0 V6 Executive Automatik |
| Karosserie: | Limousine |
| Motor: | V6-Benziner |
| Hubraum: | 2.967 ccm |
| Leistung PS: | 231 PS |
| Leistung kW: | 169 kW |
| Drehmoment: | 279 Nm |
| Von 0 auf 100: | 7,5 Sek. |
| Höchstgeschw.: | 235 km/h |
| Verbrauch (ECE): | 10,5 Liter |
| CO2-Ausstoß: | 249 g/km |
| Kofferraum: | 452 Liter |
| Versicherung (HP): | 21 € |
| Versicherung (TK): | 33 € |
| Versicherung (VK): | 32 € |
| Preis: | 38.830 € |
Das Preisargument ist also mit Vorsicht zu genießen. Und auch die Behauptung, Jaguar sei ein Premium-Hersteller. Das mag vom Image her stimmen, bei genauer Inspektion des X-Types jedoch drängt sich ein großes Fragezeichen hinter den Begriff "Premium". Nackte Muttern grüßen von der Innenseite des Kofferraumdeckels, Einstiegsleisten an den hinteren Türen sucht man vergebens, der Verschluss des Handschuhfaches wirkt wackelig, und einige Oberflächen im Innenraum sehen auch im Dämmerlicht noch nach Plastik aus. Kleinigkeiten, gewiss, doch wer sich das Premium-Etikett aufklebt, muss sich auch drunter schauen lassen.
Man erhält also einen etwas gespaltenen Eindruck von dem Wagen, der tolle Technik bietet, die jedoch keineswegs perfekt präsentiert wird. Trotzdem wird der X-Type wohl ein Erfolgsauto werden. Für Jaguar markiert der Wagen den Eintritt in die Mittelklasse. "Wir werden von einem Nischenanbieter zu einer normalen Marke", erläutert Geschäftsführer Steib. Auch deshalb, weil sich Frauen und Firmenkunden in bisher bei Jaguar nie gekanntem Ausmaß für den Wagen interessieren sollen. Und auch, weil die Marke Jaguar mit dem neuen Modell ihren Pkw-Jahresausstoß rundweg verdoppeln möchte. Im nächsten Jahr sehen die Planungen rund 70.000 Modelle vor, maximal 130.000 könnte man im Werk Halewood herstellen.
In Deutschland sollen die Verkäufe insgesamt bis zum Jahr 2003 auf 14.000 Fahrzeuge verdoppelt werden. Das Händlernetz wird derzeit mit hohem Aufwand neu strukturiert - am Ende sollen 135 Betriebe zwischen Füssen und Flensburg Jaguar-Automobile anbieten. Anders als Auto-Eigner in den Segmenten, in denen Jaguar bislang vertreten ist, interessieren sich Besitzer von Mittelklasse-Wagen sehr wohl für Verbrauchs- und Unterhaltskosten. Aus diesem Grund steht ein Dieselmotor für den X-Type "sehr hoch auf unserer Prioritätenliste", wie Steib formuliert. Vulgo: Voraussichtlich 2003 wird ein Selbstzündermodell auf den Markt kommen. Und zudem ein X-Type-Kombi.
Es fehlen dann also nur noch Großraumlimousine, Geländesportler und Kompaktauto, um aus Jaguar wirklich eine Allerweltsmarke zu machen. Aber wer will schon einen "normalen" Jaguar fahren?