Jeep Compass Kleine Freiheit Nummer 5
Beim Blick auf die Statistik der letzten Jahre erkennt Thomas Hausch ein Problem: Obwohl der Absatz von Jeep in Europa konstant gestiegen ist, haben die Amerikaner stetig an Marktanteil verloren. Die Erklärung dafür liefert dem "Exportchef" der Chrysler Group das Feld der Wettbewerber. Während es die drei Jeep-Modelle Wrangler, Cherokee und Grand Cherokee 1996 nur mit 17 Konkurrenten zu tun hatten, waren im Jahr 2003 schon 40 Fahrzeuge dieses Typus auf dem Markt. Nur von Jeep gab es nach wie vor genau drei Autos.
Für das Jahr 2008 erwartet Hausch knapp 60 verschiedene Geländewagen und hat auf dieses Problem endlich die richtige Antwort: "Um diesen Wettbewerbsdruck zu parieren, kann man seine Autos immer besser machen, die Händler antreiben oder die Preise senken. Aber das alles hilft nicht gegen die wachsende Segmentierung", sagt der Exil-Schwabe und kündigt stattdessen eine Ausweitung der Produktpalette an. "Nur mit neuen Modellen, die schärfer auf einzelne Zielgruppen zugeschnitten sind, kann man Boden gut machen." Deshalb finden sich in seiner Grafik für das Jahr 2008 unter den fast 60 Geländewagen statt drei gleich sieben Jeep-Modelle.
Mit der Modelloffensive kaschieren die Amerikaner gleich noch einen Fehler, den Hausch freimütig zugibt: "Bislang haben wir uns vielleicht ein wenig zu stark auf die traditionelle Kundschaft konzentriert." Kunden, die statt eines hart gesottenen Allradlers einen modischen Großraumwagen für den Alltag gesucht haben, musste er zum Beispiel zu Toyota oder Honda ziehen lassen.
Jetzt allerdings will Jeep die jungen Familien und die erfolgreichen Erstverdiener von RAV-4 oder CR-V zurückgewinnen und bringt deshalb den Compass an den Start. Der erste Jeep, der mit seinem betont rundlichen Design auf den ersten Blick gar nicht aussieht wie ein Geländewagen, geht im Sommer in den USA in den Verkauf und kommt zum Jahreswechsel als neues Einstiegsmodell für einen geschätzten Grundpreis von etwa 20.000 Euro auch nach Deutschland.
Technisch ist er ein Ableger des Dodge Caliber, von dem er neben der Bodengruppe und einigen Interieurdetails auch die Motoren übernimmt. Während es den Dodge hierzulande allerdings nur mit Frontantrieb gibt, verkauft Jeep den Compass so viel Treue zu den alten Idealen muss sein ausschließlich als Allradler.
Außerdem spendieren die Amerikaner dem Wagen ein Sperrdifferential und ESP, das für schlechte Wege programmiert wurde und auch ganz abgeschaltet werden kann. Damit wird der Compass tatsächlich zum Offroader, dessen Aktionsradius größer ist, als es die Naturschutzgesetze in Deutschland erlauben. Feuchte Wiesen, matschige Waldwege oder körnige Sandstrände? Wenn die Bereifung stimmt und der Fahrer seine Sache gut macht, sind sie nach unseren ersten Eindrücken mit der US-Version kein Hindernis.
Für die nötige Kraft sorgt zunächst der 2,4 Liter große "Weltmotor" von Chrysler, der 173 PS und 224 Nm auf die Straße bringt. Ihn gibt es mit einem Fünfgangschaltgetriebe oder einer stufenlosen Automatik. Bei einem betont aktiven Fahrstil kann man sich das getrost sparen, weil das Getriebe den Elan gewaltig bremst und mit lästigen Drehzahlstößen nervt. Zum lockeren Cruisen bei amerikanisch moderatem Tempo aber passt die Automatik perfekt, und auch das etwas weichere Fahrwerk stört dann nicht. Die Europaversion allerdings wird härter abgestimmt, versprechen die Ingenieure. Außerdem gibt es für Europa ebenfalls wie beim Caliber auch einen Zweiliter-Diesel mit 140 PS, den die Amerikaner bei VW einkaufen.
Dass der Compass kein typischer Jeep geworden ist, freut zum Beispiel Designer Clyde Nye: "Natürlich gibt es einige Merkmale, die jeder Jeep haben muss", sagt Nye und verweist auf den typischen Grill mit den sieben Lüftungsöffnungen oder die runden Scheinwerfer. "Doch gibt uns die neue Ausrichtung auch die Freiheit, manche Sachen anders zu machen als früher", sagt der Designer und streicht über die beiden Wellen, die sich als Verlängerung der Scheinwerfern über die gesamte Motorhaube ziehen.
"Bei einem Wrangler oder dem Commander wäre so etwas nicht drin gewesen, weil dort alles vom rechten Winkel diktiert ist", erläutert Nye. An weiteren Beispielen fehlt es nicht: Die Frontscheibe steht viel flacher als bei Jeep sonst üblich, die Kotflügel sind etwas ausgestellt, die Fenster wirken mit eingefärbten B-Säulen wie aus einem Guss, der Griff für die hintere Tür rückt erstmals nach oben, und sogar das Heck ist etwas runder geworden.
Für diese stilistischen Experimente braucht es allerdings nicht viel Mut. Denn selbst wenn der Compass einige Kunden enttäuschen sollte, sind sie für die Marke nicht verloren. Schließlich gibt es das gleiche Auto ein halbes Jahr später auch als Patriot mit einem Design, das wieder dem alten Bild der kantigen Kästen folgt.