Kia Rio: Der koreanische Polo-Schreck - DER SPIEGEL
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Kia Rio: Karneval in Korea

Foto: Tom Grünweg

Kia Rio Der koreanische Polo-Schreck

Für schmucke Formen und gute Laune braucht es nicht unbedingt die Copacabana. Das beweist Kia jetzt mit der neuen Generation des Kleinwagens Rio. Das Auto ist nicht nur schick und günstig, sondern fühlt sich auch gut an. Außerdem ist der Wagen auch erfreulich sparsam.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Fahrt von Südkoreas Hauptstadt Seoul ins südöstlich gelegene Namyang erinnert an eine Reise von Berlin nach Wolfsburg. Vom Zentrum weg fährt man durch Industriegebiete, Wohnsilos und über trostlose Anhöhen. In Namyang fällt sofort das dort beheimatete Entwicklungszentrum der Marken Hyundai und Kia auf. Ähnlich wie bei VW in der niedersächsischen Kleinstadt schlägt das Herz des koreanischen Autokonzerns, der es mit 5,7 Millionen Zulassungen im vergangenen Jahr mittlerweile auf Platz fünf der Weltrangliste geschafft hat, hier in Namyang. Auch jene rund 10.000 Konstrukteure sind hier kaserniert, die gemeinsam mit Entwicklern in Deutschland und den USA an den Modellen von Morgen arbeiten.

Die vergleichbaren äußerlichen Rahmenbedingungen führen offensichtlich auch zu Übereinstimmungen, was die Betrachtung des Themas Auto angeht. "Die Zeiten, in denen wir unsere Neuheiten allein über den Preis verkauft haben, sind längst vorbei", sagt Paul Philpott. Er ist der Europa-Chef von Kia und will der Konkurrenz vor allem mit Design, Technik und Qualität zusetzen. "Dabei orientieren wir uns nur an den Besten", gibt Auslandschef Thomas Oh zu verstehen. Im Fokus stehen deshalb weniger die Hersteller aus Japan, Frankreich oder den USA, sondern vor allem die aus Deutschland.

Um zu beweisen, wie ernst es damit ist und wie weit Kia auf diesem Weg bereits gekommen ist, baten die Verantwortlichen jetzt zur ersten Testfahrt mit dem neuen Rio in das Heimatland der Marke. Der Kleinwagen, von dem jetzt die vierte Neuauflage erscheint und der ab September nach Deutschland kommt, zielt vor allem auf den VW Polo und attackiert den hiesigen Bestseller mit seinen eigenen Waffen.

Ein klares Design ohne Effekthascherei

Das beginnt beim Design aus der Feder des einstigen VW- und Audi-Kreativen Peter Schreyer. Der Bayer hat den 4,05 Meter langen Fünftürer mit ruhiger Hand gezeichnet und jede Effekthascherei vermieden. Das Außendesign stammt aus dem Studio in Kalifornien und hat viel von dem Flair, das man mit dem Namen Rio assoziiert. Karneval in Korea passt als Motto ganz gut, wenn man die elegant-schwungvolle Frontpartie betrachtet und dann ums Auto herumspaziert, das aus jeder Perspektive richtig ausgereift wirkt.

Auch innen eifert der Rio dem VW Polo nach. Statt einer tristen, grauen Einrichtung aus billigem Hartplastik schmeichelt er Augen und Fingern mit feinen Materialien und geschmeidigen Flächen: Chromrahmen, weich hinterschäumte Kunststoffe und Klavierlack haben es also längst nach Korea geschafft. Dazu gibt es ein schmuckes Cockpit mit einem kreisrunden Digitaldisplay im Tacho, sauber sortierte Schalter und als kleinen Gruß an Lamborghini eine Klimasteuerung, die ähnliche Kippschalter wie die italienische Sportwagenmarke nutzt. Dieses Augenzwinkern werden allerdings nur die wenigsten verstehen, räumen die Designer ein. "Denn welcher Kia-Kunde weiß schon, wie ein Gallardo von innen aussieht."

Bequeme Sitze und ein brauchbarer Kofferraum

Aber der Rio ist auch praktisch. Weil Kia den Radstand um sieben Zentimeter auf 2,57 Meter gestreckt hat und die Sitzlehnen etwas abgespeckt hat, können nicht nur Fahrer und Beifahrer ein gutes Raumgefühl genießen. Auch die Passagiere im Fond sind für diese Wagenklasse ausgesprochen bequem untergebracht. Und weil der Kofferraum um sechs Prozent gewachsen ist, hat der Rio hinter der großen Klappe mit 288 Litern nun auch noch einen Tick mehr Stauraum zu bieten als der VW Polo (280 Liter).

Was die Niedersachsen aber besonders schmerzen dürfte, ist der Verbrauch des vermeintlichen Underdogs aus Korea. Mit einem neuen 1,1-Liter-Dieselmotor, der aus drei Zylindern 75 PS und 170 Nm entwickelt, sowie mit Start-Stopp-Automatik und Sparreifen kombiniert ist, kommt der Rio auf 3,2 Liter Durchschnittsverbrauch. Das ergibt einen CO2-Wert von 85 g/km - und damit klar besser als der VW Polo Blue Motion.

Daneben gibt es zwei Benziner mit 1,2 und 1,4 Liter Hubraum und 85 oder 109 PS sowie einen zweiten Diesel, der es auf 90 PS bringt. Er erreicht ein maximales Drehmoment von 220 Nm und ist beim Ampelstart immer vorn dabei. Erst bei höheren Geschwindigkeiten jenseits der Stadtgrenzen geht ihm die Luft aus. Man braucht schon Geduld, falls man mal schneller als die in Korea erlaubten 100 Sachen fahren möchte. Sein Spurtvermögen (14,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h) und das Spitzentempo von 172 km/h zählen nicht zu den Bestwerten in dieser Klasse.

Die Lenkung dürfte deutlich direkter sein

In der Stadt lässt sich der handliche Wagen dank der leichtgängigen Lenkung problemlos durch den dichten Verkehr dirigieren. Die weit hochgezogene Heckklappe und die kleine Rückscheibe trüben allerdings die Übersichtlichkeit deutlich. Aber dafür gibt's zum Navigationssystem serienmäßig eine Rückfahrkamera. Draußen vor der Stadt dagegen könnte der Rio ruhig etwas verbindlicher daherkommen. Zwar bügelt er auch die schlechten Landstraßen rund um Namyang glatt und wirkt auf der Autobahn angenehm leise, aber die Lenkung lässt einen über den Kurs zu lange im Unklaren.

So deutsch die Koreaner mit dem Rio auch geworden sind - in Sachen Preisgestaltung gehen sie ihre eigenen Wege: Während der Basis-Polo 13.350 Euro kostet, wurde der Rio beim Generationswechsel deutlich günstiger. Das billigste Modell kostet 9990 Euro.

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