Lada Priora Kombi: Einfach nur ein Auto - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Lada Priora Kombi: Vergiss das mit dem Statussymbol

Foto: Jürgen Pander

Lada Priora Kombi Einfach nur ein Auto

Lifestyle, Premium, Design - ohne das Brimborium, das sich hinter den drei Begriffen verbirgt, sind Autos hierzulande nicht vorstellbar. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, etwa die Modelle des russischen Herstellers Lada. Wir waren mit dem jüngsten Modell unterwegs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob beim Gespräch im Freundeskreis, am Rande eines Elternabends oder bei einem Rendezvous - irgendwann kommt diese Frage. "Und, welches Auto fährst Du?" Es ist der Moment, in dem unsichtbare Schubladen geöffnet und wieder geschlossen werden, sich Assoziationsketten bilden und Menschen mit Etiketten wie "Angeber", "Schnösel" oder "Spießer" versehen werden. Was aber passiert, wenn man die Auto-Frage freundlich mit den Worten "einen Lada Priora Kombi" antwortet? Kein Mensch nämlich rechnet damit; die allermeisten haben auch keinen Schimmer, wovon man überhaupt redet. Lada - ist das nicht was Russisches?

Genau. Lada heißen die Modelle von Auto VAZ, dem größten russischen Automobilhersteller. Gebaut werden sie in der Hauptfabrik des Unternehmens in Togliatti an der Wolga. Ab 1971 lief dort der in Lizenz gebaute Fiat 124 unter dem Namen Schiguli vom Band. Als die Fahrzeuge später auch nach Westeuropa exportiert wurden, kam der Name Lada auf. Seit 2008 ist der französische Autohersteller Renault mit 25 Prozent am russischen Autobauer beteiligt. Der Fiat-Konzern hat seine Beteiligung hingegen schon vor Jahren abgegeben.

In Deutschland erlebte Lada zuletzt eine Berg- und Talfahrt. 2009, im Abwrackjahr, verkaufte die russische Marke hierzulande 4616 Fahrzeuge und war mit einem Absatzplus von 105,3 Prozent der Autohersteller, der im Vergleich zum Vorjahr am stärksten zulegen konnte. 2010 aber schrumpften die Zahlen ebenso rapide wieder auf 2388 verkaufte Autos. Der Löwenanteil macht der Rustikal-Geländewagen Niva aus - rund 2000 Neuzulassungen hat das Kraftfahrtbundesamt registriert. Den Allradler wird seit 35 Jahren nahezu unverändert gebaut. Das frischeste Modell im Angebot ist der erst seit knapp einem Jahr in Deutschland verfügbare Lada Priora Kombi.

Ein Auto, das ernst macht mit dem Retro-Getue

Mit herkömmlichen Maßstäben sollte man das Auto nicht messen. Denn fast alles an diesem Wagen wirkt wie aus der Zeit gefallen. Als hätte man irgendwann in den siebziger Jahren ein Mittelklasseauto konserviert und jetzt als Neuwagen wieder auf die Straße gebracht - ein wirklich authentisches Retro-Modell sozusagen. Wo soll man anfangen mit den Skurrilitäten? Beim weichen Marmorimitat auf der Armaturentafel? Bei der Handschuhfachklappe in hellgrauem Plastik, während alle übrigen Plastikteile in Dunkelgrautönen gehalten sind? Bei der wackeligen Mittelkonsole? Bei der Zentralverriegelung, die laut wie ein Peitschenknall aufspringt oder zuschnappt?

So sammeln sich die Déja-vu-Erlebnisse, Erinnerungen werden wach, an die Zeiten von Flower Power und innerer Befreiung - zumindest wenn man mal ein Auto gefahren hat, das eben aus den siebziger Jahren stammt. Nüchtern betrachtet, waren diese Zeiten - aus technischer Sicht - natürlich längst nicht perfekt. Damals hatten fast alle Fahrzeuge dieses leicht Schwammige und dennoch etwas Schwergängige. Genauso fährt der Priora sich auch. Hinzu kommt die Lenkung, die schon mit kleinen Bewegungen starke Ausschläge der Räder bewirkt.

Gewöhnungsbedürftig ist auch die Tatsache, dass man etwas links versetzt vor der Lenkradnabe sitzt. Im Priora fällt das richtig auf, da kann man den Sitz verstellen wie man will. Irgendwie fühlt sich das buchstäblich etwas schräg an.

Irgendwie schräg, wie das Lenkrad auf den Fahrer zukommt

Und laut ist es im Auto. Diverse Klappergeräusche mischen sich mit dem Brabbeln des Vierzylindermotors und dem Rauschen des Fahrtwindes. Jenseits der 100-km/h-Marke schwillt der Geräuschpegel noch einmal deutlich an.

Wer über derartigen Kleinigkeiten steht und einfach nur ein billiges Auto fahren möchte, den wird das alles nicht stören. Auch im Lada Priora kommt man trocken und einigermaßen bequem ans Ziel. An Bord sind ABS, zwei Airbags und elektrische Fensterheber für die Scheiben in den vorderen Türen. Sportlichkeit ist dem Auto völlig fremd, was nicht nur am unspektakulären 1,6-Liter-Motor liegt, sondern auch am saftig und weich abgestimmten Fahrwerk sowie den Trommelbremsen an der Hinterachse.

Nun wäre das Ganze kein Problem, wenn der Priora die Genügsamkeit, die er dem Fahrer abverlangt, auch selbst an den Tag legen würde. Doch davon ist der kompakte Russe weit entfernt. Rund 6,3 Liter schluckt die Maschine im Schnitt(CO2-Ausstoß 149 Gramm je Kilometer). Wer im hektischen Verkehr hierzulande einigermaßen mitschwimmen möchte und das Auto entsprechend fordert, muss noch mit einem deutlichen Aufschlag rechnen.

Da macht man besser gleich Nägel mit Köpfen und lässt den Wagen vom deutschen Lada-Importeur in Buxtehude auf den Betrieb mit Autogas umrüsten. Zum Kaufpreis von 9990 Euro addieren sich dann noch rund 2300 Euro. Dafür kann man dann aber den Gastank auf dem Kofferraumboden für zirka 77 Cent je Liter befüllen lassen. Im Gasbetrieb steigt der Verbrauch zwar auf 7,9 Liter, die CO2-Emissionen jedoch sinken auf 132 Gramm je Kilometer.

Wer sparen will, sollte auf Autogas-Antrieb nachrüsten

Mit dem umgerüsteten Modell fährt man ein Auto mit bivalentem Antrieb, der Motor läuft also wahlweise mit Benzin oder Autogas, die Kraftstoffart lässt sich per Taster in der Mittelkonsole umstellen und wenn der eine Tank leer ist, geht es automatisch mit dem Inhalt des anderen weiter. So klappt das ganz prima mit dem günstigen Vorwärtskommen in einem großen Auto. Als Fünfsitzer fasst der Laderaum 444 Liter, mit flachgelegter Rücksitzbank sind es rund 1200 Liter.

Und, welches Auto fährst Du? Wer darauf mit Lada Priora Kombi antworten kann, zeigt zumindest, dass er auf Statussymbole keinen Wert legt - und dem das Autofahren generell nicht so wichtig ist. Solche innere Freiheit kann man allerdings auch mit anderen Autos signalisieren, die einen deutlichen besseren Gegenwert für ihr Geld bieten.

Mehr lesen über