Lotus Europa S: Kompromisslos auf Kompromisskurs - DER SPIEGEL
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Lotus Europa S Kompromisslos auf Kompromisskurs

Bisher war die Fahrt in einem Lotus ein zweifelhaftes Vergnügen: Sportlich über jeden Zweifel erhaben, kamen die Autos beim Komfort kaum über Rennwagenniveau hinaus. Damit die Kunden weniger Kompromisse machen müssen, geben sich nun die Ingenieure kompromissbereit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tony Shute hat es nicht leicht: Wie soll man seinen Kunden mehr Fahrkomfort versprechen, wenn man Produktchef eines Sportwagenherstellers ist, für den die Rennstrecke bis dato als Maß aller Dinge galt? Nicht dass Lotus keine Fahrwerke entwickeln und abstimmen könnte, mit denen man auch halbwegs gemütlich über die Landstraße bummeln kann. Das haben die Ingenieure in Hethel bei zahlreichen Auftragsarbeiten unter Beweis gestellt. Doch wer einen Lotus kauft, der will nach Shutes Überzeugung einen möglichst direkten Kontakt zur Fahrbahn, maximale Fahrdynamik und eine sehr deutliche Rückmeldung von der Straße - selbst wenn danach der Rücken schmerzt.

Aber die bisher knapp 5000 Lotus-Käufer pro Jahr fahren mit ihrem Auto nicht nur auf abgesperrten Rennstrecken. Irgendwie müssen sie da auch hinkommen. Und zwischendurch auch mal ins Büro oder in den Urlaub. Da wäre zumindest etwas mehr Komfort nicht schlecht. Das hat sich auch bis zu Shute und seinen Kollegen herumgesprochen, und die sind nun zu Zugeständnissen bereit: Ab sofort gibt es den spartanischen Roadster Elise als "Gran Tourismo Cruiser" namens Europa S. Der Wagen bietet laut Shute "all den Fahrspaß, den man von einem Lotus erwarten dar". Skepsis ist deshalb angebracht: Mit einem Audi TT oder einem Porsche Cayman sollte man das 49.100 Euro teure Coupé nicht vergleichen - trotz Lederpolstern auf den Rennschalen, trotz Teppich im Fußraum und trotz serienmäßigen Details wie Klimaanlage, Radio-Navigationssystem oder elektrischen Fensterhebern.

Mehr Komfort bedeutet für Shute vor allem einen leichteren Einstieg: Während man bei den Modellen Elise und Exige durch einen Schlitz klettern muss, den sogar Shute als "Briefkasten" bezeichnet, wurde für den Europa S das Dach auf nun 1,12 Meter angehoben und der mächtige Schweller am Boden etwas tiefer ausgeschnitten, so dass der Türausschnitt um zehn Prozent auf nun 61 Zentimeter wuchs. Das ist gefühlt kaum mehr als die Fensterhöhe einer Mercedes M-Klasse. Und trotzdem geht nun vieles leichter: Jetzt kommen auch all jene Menschen in den Wagen, die auf der Suche nach den verlorenen Socken nicht regelmäßig in die Wäschetrommel kriechen.

Einen weiteren Kompromiss machen die Briten beim Fahrwerk. Das stammt zwar im Grunde direkt vom Elise, ist aber mit drei Zentimetern mehr Radstand, etwas weniger strammen Federn, größeren Rädern und neuen Reifen spürbar weicher getrimmt. Vor Gullydeckeln oder Rinnsteinen allerdings ist trotzdem Respekt angebracht. Auch an einem weiteren Punkt zeigen sich die Entwickler nachgiebig: Das Drehzahlniveau des Motors wurde soweit eingedämmt, dass man auch auf der Autobahn sein eigenes Wort noch versteht.

ESP und Servolenkung in einem Lotus? Niemals!

Viel mehr allerdings ist nicht drin, wenn der Europa S noch als echter Lotus gelten soll. Deshalb standen weder ein ESP noch eine Servolenkung zur Debatte. ABS und zwei Airbags sind vernünftig. "Doch elektronische Fahrhilfen passen nicht zur Marke", sagt eine Mitarbeiter des Entwicklungsteams. Ebenfalls keine Kompromisse macht Lotus beim Leichtbau, den Shute vor allem für die unerreichte Fahrdynamik der Modelle aus Hethel verantwortlich macht. Zwar hat der Europa S gegenüber der Elise mehr als 100 Kilogramm zugelegt. Aber "mit einem Fahrgewicht von 995 Kilo liegt er mehr als 300 Kilo unter dem Porsche Cayman", sagt Shute und schwärmt davon, wie leichtfüßig das Auto um die Kurven zirkelt.

Anders als die schwereren Konkurrenten braucht der Europa S deshalb auch nicht sechs, sondern nur vier Zylinder. Beinahe frei zugänglich hinter den Sitzen steckt der gerade einmal zwei Liter große Motor, der mit Hilfe eines Turboladers auf 200 PS kommt und mit bis zu 272 Nm an der Hinterachse zerrt. Wer gekonnt mit der knapp gestuften Sechsgangschaltung umgeht, der kommt so motorisiert – begleitet vom heißeren Singen des Turbos – in 5,9 Sekunden auf Tempo 100. Und wen der Mut am kleinen Lenkrad nicht verlässt, der kann immerhin bis 242 km/h spurten. Zwar sind Porsche & Co. einen Hauch schneller und wahrscheinlich pfeift es dort auch nicht durch alle Ritzen – aber den Rausch der Geschwindigkeit spürt man nirgends so deutlich wie im Lotus.

Wie alle Aggregate bei Lotus wird auch der Vierzylinder im Europa S von einem Großserienhersteller zugekauft. Ross und Reiter zu nennen und ihn als Opel-Motor zu bezeichnen, fällt den Briten schwer, gesteht Pressesprecher Andreas Männer mit Blick auf das eher unsportliche Image der Rüsselsheimer ein. Also ist es in der offiziellen Sprachregelung ein "Vierzylinder von General Motors", was auch nur der halben Wahrheit entspricht. Denn streng genommen steckt in diesem Motor mehr Lotus als zum Beispiel im 1,8-Liter-Toyota-Aggregat des Modells Elise. Männer: "Schließlich haben wir ihn für Opel entwickelt."