Maybach 62 Ein Kaiserreich auf Rädern
Was ist wahrscheinlicher - ein Lottogewinn oder die Begegnung mit einem Maybach? Zwar mag man es in Stuttgart vielleicht nicht gerne hören, doch diesen Vergleich gewinnt das Glückspiel. Denn während dort pro Jahr mindestens 52 Spieler die Chance auf einen Hauptgewinn haben, hat das KBA für das vergangene Jahr gerade einmal 25 und für die ersten Hälfte diesen Jahres erst 11 Maybach-Zulassungen ausgewiesen. Damit ist der Luxusliner, gegen den die S-Klasse so gewöhnlich wirkt wie ein frisch poliertes Taxi, nicht nur eines der teuersten und feudalsten Autos auf deutschen Straßen, sondern auch eines der seltensten.
Natürlich ist der Vergleich mit dem Sechser im Lotto nicht ganz korrekt. Und vielleicht hinkt er auch ein wenig. Aber wer einen Maybach besitzt, hat einen Lottogewinn ohnehin nicht mehr nötig. Und wer keinen hat, dem helfen bei einem Grundpreis von 370.852 Euro für den 5,73 Metern "kurzen" Maybach 57 oder dem 43 Zentimeter längeren und 66.000 Euro teureren Maybach 62 auch ein paar richtige Kreuzchen kaum weiter.
Aber das Auto wurde ja auch nicht für Lottomillionäre entwickelt. Vielmehr sind es Manager, Magnaten oder Monarchen, denen die deutschen Antwort auf Rolls-Royce ein Kaiserreich auf Rädern verspricht. Das gilt insbesondere für den Fond der Langversion: Wer vom Chauffeur die riesigen Türen aufgehalten bekommt, betritt eine neue Welt von Lust und Luxus, in der edle Materialien für ein stilvolles Ambiente sorgen und Heerscharen von Elektromotoren selbst kleinste Handgriffe übernehmen. Besonders überwältigend ist dabei die schier unendliche Weite der rollenden Suite. Schließlich erstreckt sich bei einem Radstand von 3,39 Metern zwischen dem Sitzpolster im Fond und der Rückenlehne der ersten Reihe ein lichter Raum von mehr als einem Meter.
Rücksitze wie in der First-Class eines Passagierflugzeugs
Diesen Platz nutzen die Schwaben für zwei Hightech-Sessel, die sich wie bei einem First-Class-Flug in eine bequeme Liege verwandeln lassen. Und wer vor der Ruhepause noch einen Schlummertrunk nehmen möchte, findet in der Bar selbstredend eine gut gekühlte Flasche Champagner und darüber gleich noch zwei handpolierte Maybach-Kelche aus feinem Silber.
Doch so schön es hinten ist auch der Platz hinter dem Volant ist durchaus erstrebenswert. Wer dort thront, hat nicht nur den teuersten Arbeitsplatz der automobilen Welt, er ist auch Herr über einen Ehrfurcht gebietenden Zwölfzylinder mit 550 PS und beachtlichen 900 Nm.
Dem Maybach ist Hektik so fremd wie dem Besitzer das Hemd aus dem Kaufhaus; selbst mit den 2,8 Tonnen des 62er Modells hat das beinahe unhörbar in den Tiefen der Karosserie verborgene Kraftwerk leichtes Spiel.
Ohne auch nur im Mindesten die vornehme Ruhe des Fonds zu stören, beschleunigt der V12 den Luxusliner im Bedarfsfall in weniger als sechs Sekunden auf Tempo 100 und macht Überholvorgänge trotz der üppigen Länge zu einer leichten Übung. Dabei fährt sich das Auto fast so einfach wie eine S-Klasse. Na gut, man muss die Kraft etwas feiner dosieren, bei den Kurven etwas weiter ausholen und im Parkhaus vielleicht auch mal eine Ehrenrunde drehen, bis man einen passenden Stellplatz gefunden hat doch darum kümmert sich Im Zweifelsfall das Personal.
Lack, Leder, Holz oder Flauscheteppich - alles ist möglich
Freilich kauft man einen Maybach nicht von der Stange. Wer für seinen Wagen den Gegenwert einer Eigentumswohnung investiert, erwartet Handwerk statt Fließband und Menschen statt Roboter. Deshalb wird der Luxus-Lulatsch in der Sindelfinger Manufaktur weitgehend von Hand zusammengefügt. Davor ist jedoch erst einmal König Kunde gefordert. Unterstützt von Designern und Technikern kann er im "Center of Excellence" gleich nebenan seinen künftigen Wagen nach persönlichen Vorstellungen zusammenzustellen. Dabei beschränkt sich die Auswahl bei Lacken, Ledern und Hölzern nicht auf die Vorgaben des Werkes: Auf Wunsch findet auch der persönliche Stammbaum als Zierleiste den Weg in den Wagen.
"Rein rechnerisch gibt es die beiden Luxuslimousinen in zwei Millionen Varianten. Deshalb fahren bis dato auch noch keine zwei baugleichen Fahrzeuge auf der Welt", sagt Pressesprecher Stefan Diehl, "es sei denn, ein Kunde bestellt das so was bereits vorgekommen ist."
Weil längst auch die Superreichen aufs Geld schauen, stehen hinter dem Luxusliner dicke Fragezeichen. Aber Pressesprecher Diehl ficht das nicht an. "Natürlich würden wir gerne ein paar mehr Autos verkaufen", gesteht er. "Doch wir sind in diesem kleinen Segment nicht nur der erfolgreichste Anbieter, sondern zudem ist Wiedergeburt von Maybach die erfolgreichste 'Neueinführung' der letzen Jahrzehnte. Aber auch die Kunden spiegeln uns wider, dass Qualität hier vor Quantität geht."
Und sogar der Vorstandsvorsitzende demonstriert zum Maybach immer wieder ein entspanntes Verhältnis. Anders als über den Fahrzeugen am anderen Ende des Portfolios schwebt über dem Flaggschiff der Mercedes Car Group deshalb wohl kein Damoklesschwert. Im Gegenteil: Angeblich tüfteln die Designer bereits an neuen Spielarten.