Maybach 62 S: Dicke Hose in Dubai - DER SPIEGEL
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Maybach 62 S Dicke Hose in Dubai

Reichtum ist relativ: Während bei uns die Unterschichtdebatte geführt wird, quillt den Emirati in Dubai das Geld beinahe aus den Taschen. Und wer was hat, der lässt es die anderen im Glitzerstaat am Golf auch sehen. Ideales Terrain also für den neuen Maybach 62 S.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon der Blick auf die Hoteleinfahrt bringt das Weltbild ins Wanken: Dort, wo bei uns vielleicht ein paar Mercedes-, Audi- oder BMW-Modelle stehen, reiht sich hier ein Luxus-Auto ans andere: Lamborghini, Ferrari, Rolls-Royce, Bentley oder Maybach, AMG, M und Quattro – die kurze Brücke zum legendären Burj-al- Arab-Hotel ist einer der exklusivsten Laufstege in der automobilen Welt und die Typen hier zählen zu den teuersten Autos, die man für Geld kaufen kann. Kein Wunder also, dass Daimler das schillernde Emirat am persischen Golf ausgewählt hat, um das neue Flaggschiff Maybach 62 S zu präsentieren. Denn nirgendwo sonst scheint das Geld derzeit so locker zu sitzen wie hier. Schließlich haben immerhin 53.000 der knapp 1,3 Millionen Einwohner mehr als eine Million Dollar auf der Kante, und nicht umsonst verkauft der örtliche Mercedes-Händler angeblich mehr vom SLR als von der A-Klasse.

Das Faible für Autos reicht hinauf bis in die Führungsspitze des Wüstenreiches, dem Muhammad bin Raschid al Maktum vorsteht. Auch er hat einen Sinn für teure Autos, fährt dem Hörensagen nach allerdings lieber das Mercedes G-Modell als Maybach und hat angeblich 50 Exemplare des Geländeklassikers in der Garage. Diese Lust an Überfluss und Übermaß ist es, die Scheichs wie ihn zu den idealen Kunden für einen Maybach 62 S machen. Denn mit Sinn und Verstand ist dieses Fahrzeug nicht zu erklären. Schließlich bietet ja schon der gewöhnliche Maybach mehr Auto, als irgendjemand auf dieser Welt tatsächlich braucht. Insbesondere der auf 6,17 Meter gestreckte Maybach 62 mit den fein belederten Liegesesseln darf getrost als dekadent bezeichnet werden. Doch weil genug nie genug ist und ein Aufpreis im Gegenwert einer S-Klasse für Menschen wie Scheich Muhammad wohl keine Rolle spielt, legen die Schwaben jetzt noch einmal nach und fahren analog zum 57 S auch einen 62 S auf. Das S steht für Spezial und gibt einen dezenten Hinweis auf das vornehme Tuning, das vor allem der Leistung des Zwölfzylinders galt.

Im Liegesitz auf großer Sightseeing-Tour

SPIEGEL ONLINE ist für einen Tag in die Rolle des Ölscheichs geschlüpft und war unterwegs in einer schillernden Wüstenwelt, hinter deren hohen Palmenhainen und Lehmfassaden ganze Flotten von Luxuslimousinen und Supersportwagen in klimatisierten Garagen auf eine seltene Ausfahrt im kleinen Emirat warten. Die Teststrecke führte zunächst durch eine Stadt, die vor 40 Jahren noch eine kleine Fischer- und Händlersiedlung im Windschatten des Weltgeschehens war. Doch dort, wo früher Hütten aus Palmwedeln und Häuser aus Korallenstein standen, ragen jetzt beinahe mehr Glas- und Stahlpaläste in den Himmel als in New York oder Frankfurt. Und der Bauboom nimmt kein Ende: Jeder dritte Kran der Welt – so sagt es zumindest unser Guide auf dem Beifahrersitz – steht derzeit in Dubai. Kein Wunder, schließlich werden neben den beiden schwimmenden Ressort-Komplexen "The Palm" und "The World" vor der Küste gut 330 Hochhäuser aus dem Boden gestampft, darunter auch das Projekt "Burj Dubai", das mit "mehr als 900 Metern" einmal das höchste Haus der Welt werden will und derzeit alle drei bis vier Tage um eine Etage wächst. Mehr als 250 weitere Türme sind bereits geplant.

Den besten Blick auf den Wald aus Wolkenkratzern hat man im Fond des Maybach, wenn man die Liegesitze ganz lang macht und aus dem schreibtischgroßen Glasdach schaut, das sich auf Knopfdruck wie Milchglas eintrüben lässt. Damit man dabei nicht die Orientierung verliert, hat die Manufaktur in Sindelfingen speziell für arabische Kunden eigens einen Kompass auf der Mittelkonsole installiert, der elektronisch programmiert immer den Weg nach Mekka weist - oder zum aktuellen Fahrziel.

Kaufinteressierte winken mit Geldbündeln

Uns führt diese Nadel nun aus der Stadt hinaus in die Wüste. Der auf 612 PS erstarkte Zwölfzylinder beschleunigt das knapp 2,9 Tonnen schwere Dickschiff auf Reisetempo. Mit maximal 1000 Nm schafft es der Maybach 62 S in 5,2 Sekunden von 0 auf 100 und lässt damit sogar viele Sportwagen stehen. Und die wiegen nicht annähernd so viel wie dieses Trumm. Dabei hat der V12 einen ordentlichen Durst. 16,4 Liter Normverbrauch stehen im Datenblatt, in der Praxis sind es eher 20 Liter. Doch einen Scheich stört das wenig. Erstens kostet der Liter Sprit hier nur 30 Cent, und zweitens sitzen die Eigner eines solchen Wagens buchstäblich an der Quelle.

In Deutschland mag man angesichts von bislang nur 1900 verkauften Fahrzeugen am Erfolg der Marke Maybach zweifeln. Auch die Erkenntnis, dass seit der Wiederbelebung des Labels im Jahr 2002 mittlerweile schon mehr Autos im Zeichen des doppelten M gebaut wurden, als es der Maybach Motorengesellschaft zwischen 1919 und 1941 gelang, kann den Eindruck des schleppenden Absatzes nicht ändern. In Dubai allerdings glaubt man den Maybach-Mechanikern aufs Wort, dass die Scheichs morgens vor dem Hotel mit Geldbündeln winken und am liebsten gleich die ganze Testflotte kaufen würden. Hier sieht die Welt einfach anders aus.