Mercedes GL S-Klasse fürs Grobe
Die M-Klasse als zierlich zu bezeichnen fällt einem Europäer nicht gerade leicht. Amerikanern jedoch geht das ganz selbstverständlich über die Lippen, denn jenseits des Atlantiks brauchen SUVs beinahe Lkw-Format, wollen sie ernst genommen werden. Und so bringt Mercedes jetzt erstmals ein sogenanntes Full-Size-SUV in der Mehr-als-fünf-Meter-Liga auf den Markt: den GL. In den USA wird er ab Mai für Preise ab 54.900 Dollar verkauft. Er soll den Fahrkomfort der M-Klasse mit den Offroad-Fähigkeiten der G-Klasse kombinieren sowie mehr Raum bieten als die beiden Vorbilder. Ähnlich wie der Q7 von Audi wirkt der GL damit im europäischen Straßenbild zwar wie Gulliver im Land der Zwerge, doch in Las Vegas oder Los Angeles wird das Dickschiff kaum auffallen.
Die Idee für den GL sei den Schwaben schon früh gekommen, sagt Roland Folger. "Bei der ersten M-Klasse haben besonderes die Kunden aus den USA das Raumangebot bemängelt und den Wunsch nach einer dritten Sitzreihe geäußert", berichtet der Produktmanager. Deshalb wurde beim Modellwechsel nicht gekleckert, sondern geklotzt - und nun wurde die ohnehin gewachsene M-Klasse noch einmal vergrößert. Radstand plus 16, Gesamtlänge plus 30 Zentimeter, ergibt ein Auto von insgesamt 5,09 Meter und einen Achsabstand von 3,08 Meter.
Endlich passt eine dritte Sitzreihe ins Heck, und reichlich Ladevolumen gibt es auch. Als Siebensitzer schluckt der GL noch 300 Liter, als Zweisitzer sogar rund 2300 Liter. Das Design wurde der neuen Größe angepasst. "Wir haben die M-Klasse nicht einfach aufgeblasen, sondern für den GL ein deutlich maskulineres, selbstbewussteres und mächtigeres Blechkleid geschneidert", sagt Folger. Der Kühler ist viel höher und breiter, die Frontscheibe steht steiler, und hinten fällt die Dachlinie kantig ab.
Auf der Straße macht sich diese Größe überraschend klein. Obwohl für die ersten Testfahrten die US-Version zur Verfügung stand und der GL bis zum Europastart im September noch eine strammere Abstimmung der Luftfederung, der adaptiven Dämpferregelung sowie eine etwas weniger starke Lenkunterstützung bekommt, ist der Wagen schon jetzt handlicher als erwartet. Natürlich muss man in Parkhäusern vorsichtig rangieren und in engen Straßen lieber zweimal in die Spiegel schauen, doch jenseits der Stadtgrenzen macht der GL sogar auf einer kurvigen Landstraße Spaß. Klar, am besten rollt man mit dem 2,5-Tonner gelassen und trotzdem zügig über die Autobahn, denn einen Gebirgspass wird man mit ihm kaum als Traumstraße erleben.
Für den Vortrieb sorgt zunächst ein neuer V8-Motor mit 4,6 Liter Hubraum und 340 PS (250 kW) im GL 450, der in Deutschland 77.604 Euro kosten wird und mit einem ordentlichen Bumms zur Sache geht. Zwar ist der GL alles andere als ein Leichtgewicht, doch sanft geregelt von der serienmäßigen Siebenstufen-Automatik kann man zur Not in 7,6 Sekunden auf Tempo 100 sprinten und mit bis zu 235 km/h durch den mittleren Westen oder durch Mitteldeutschland jagen - wenn einen der Sheriff und der Tankwart lassen. Denn die 13,4 Liter aus dem Datenblatt sind wohl nur graue Theorie. Alternativ dazu gibt es den GL aber auch als 320 CDI, mit dem der Einstiegspreis auf 63.684 Euro und der Verbrauch auf 9,9 Liter sinken.
Dieselmotoren auch in den USA geplant
Der Diesel kommt zum Jahresende auch in den USA auf den Markt und soll dort langsam wachsenden Zweifel an den großen Schluckern unter den Geländewagen Rechnung tragen, "weil der GL mit Dieselmotor das mit Abstand sparsamste Fullsize-SUV in Amerika sein wird", sagt Folger. Die Europäer dagegen haben vom Start weg noch mehr Auswahl. Sie bekommen für 79.460 Euro auch einen GL 420 CDI mit acht Zylindern und 306 PS (225 kW) oder für 85.898 Euro den GL 500, der es auf 388 PS (285 kW) bringt und mit einer Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h die Spitze im Programm markiert.
Innen ist der GL eine gelungene Mischung aus amerikanischen Wünschen und schwäbischer Wirklichkeit. Das Interieur wirkt so edel, wie man es bei dem stattlichen Preis auch erwarten darf. Die Sicherheitsausstattung ist mit ESP, bis zu acht Airbags und den ersten "Pre-Safe"-Lösungen dieser Klasse überdurchschnittlich. Die Platzverhältnisse sind üppig. Und selbst in der dritten Reihe kann man unter dem serienmäßigen Panoramadach auch bei großem Wuchs ordentlich sitzen, wenn man erst einmal über den umgelegten und mit zwei Handgriffen nach vorn geklappten Rücksitz gestiegen ist. Das erfordert zwar etwas Mühe, doch dafür nimmt einem der GL ansonsten fast jede Anstrengung ab.
Elektrische Helfer sind stets zu Diensten
Fast alle Arbeit erledigen elektrische Helferlein: Die Heckklappe öffnet automatisch, die Ausstellfenster in der dritten Reihe gleiten per Knopfdruck zur Seite, und sogar die hinteren Sitze falten sich wie von Geisterhand in den Wagenboden. "Das sind Eigenschaften, die bei den US-Kunden besonders gut ankommen und denen wichtiger sind als Steigwinkel oder andere Offroad-Kennwerte", sagt Folger. Außerdem an Bord sind, zum Teil allerdings nur gegen happige Aufpreise, Kurvenlicht, DVD-Monitore in den Kopfstützen, Rückfahrkamera oder ein schlüsselloses Zugangssystem.
In den USA wollen die Schwaben mehr als 75 Prozent der GL-Produktion verkaufen. Auch in Europa aber soll das Auto Kunden finden. Produktmanager Folger sagt, er kenne auch hierzulande Kunden, denen eine M-Klasse zu kompakt oder zu sportlich ist und die bislang einen Range Rover oder Toyota Land Cruiser fahren. Vom M-Klasse-Kunden unterscheide sich der GL-Interessent in Folgers Erwartung auch im Einkommen, weil das größere Auto rund 14.000 Euro teurer ist, aber auch im Selbstverständnis. "Der GL wirkt gerade auf heimischen Straßen sehr viel prägnanter und selbstbewusster als die M-Klasse, was sich natürlich auch in der Persönlichkeit des Fahrers widerspiegeln dürfte."
Trotz der eigenständigen Positionierung haben die Schwaben Schwierigkeiten mit einer Zulassungsprognose. Das Werk in Tuscaloosa im US-Staat Alabama, wo auch M- und R-Klasse gefertigt werden, ist für 160.000 Autos im Jahr ausgelegt, von denen gut die Hälfte für die M-Klasse eingeplant sind. Den Rest kann Mercedes ziemlich flexibel zwischen GL- und R-Klasse umschichten. Falls ungeahnt viele Kunden dem Reiz des Riesen-SUVs erliegen ist das kein Problem: "Nach oben ist im Werk noch Luft."