Mercedes SL: Blue Chip - DER SPIEGEL
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Mercedes SL Blue Chip

Man kann das Auto als Hightech-Maschine sehen, vollgestopft mit Elektronik und Computerchips. Man kann das Auto ebenso gut als Geldanlage begreifen - klassische SL-Modelle werden heute bereits für eine halbe Million Mark gehandelt. Und man kann den neuen Mercedes SL natürlich auch fahren. Hier der Bericht...
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gezeigt und von Lionel Ritchie und Juliette besungen ("The One") wurde der Wagen oft genug; in Hamburg bei der Weltpremiere und in Frankfurt auf der IAA. Jetzt gab es erstmals auch die Zündschlüssel zu dem Auto, das ab 13. Oktober bei den Händlern steht und für das Interessenten bereits jetzt eine Lieferzeit von rund einem Jahr kalkulieren sollten.

Mercedes hatte nach Florenz geladen, um das neue Prunkstück der Marke in Aktion vorzustellen. Auf der Piazza della Republica, mitten im Zentrum der Altstadt, fungierten die SL-Modelle zunächst als Blickfänger für Passanten und als Foto-Motive für Touristen. Dann durften die Journalisten ran.

Das Spektakel beginnt schon vor dem Einsteigen. Per Druck auf die entsprechende Taste des Schlüssels faltet sich das Stahldach und verschwindet im Kofferraum. Das Schauspiel dauert nur 16 Sekunden, wirkt aber deutlich länger nach. Cabriolet oder Coupé? Wie schon der SLK gibt nun auch der Top-Roadster mit dem Stern im Kühlergrill eine "Sowohl-als-auch"- Antwort auf diese Frage.

Einsteigen. Die Tür klappt mit souveränem Schmatzen ins Schloss; dann stehen zahlreiche Elektromotoren bereit, um beim Einstellen von Sitz und Spiegel zu helfen. Das Handschuhfach ist beinahe ausgefüllt mit dem dicken Etui, das die gesammelten Bedienungsanleitungen enthält. "Willkommen an Bord einer Legende", heißt in dem 382 Seiten starken Bordbuch, das den SL, seine Knöpfe und ihre fachkundige Bedienung erklärt. Kann es jetzt endlich losgehen? Es kann.

Der Motor blubbert los. Nicht aggressiv und auch nicht prahlerisch, sondern im Gegenteil sehr dezent und zurückhaltend. Ein kurzer Druck aufs Gas - den Rest erledigt die Fünfgang-Automatik. Wir rollen! Das Überraschende an diesem Auto ist, soviel wird auf den gut 200 Kilometern über die Autostrada und Slalomsträßchen in den Chianti-Hügeln klar, dass es derart unspektakulär zu Handhaben ist. Der Wagen fährt sich praktisch perfekt. Es gibt kein Rütteln oder Poltern des Fahrwerks, kein Verschlucken oder Jaulen des Motors, kein Wanken oder Nicken der Karosserie. Was sich so locker in einem Satz zusammenfassen lässt, wurde unter anderem durch Entwicklungsaufwendungen von rund 1,8 Milliarden Mark realisiert.

Völlig neu ist zum Beispiel das elektrohydraulische Bremssystem (SBC, Sensotronic Brake Control), dessen Entwicklung mehr als fünf Jahre in Anspruch nahm. Kurz gesagt handelt es sich dabei um eine elektrische Bremse, denn der Bremsbefehl wird via elektrischem Impuls übermittelt. Weil ein Computer die Daten diverser Sensoren auswertet, arbeitet das System schneller als bisherige Bremsen, wodurch der Anhalteweg verkürzt wird. Zudem wird das Bremsen in Kurven sicherer, da jedes Rad mit der jeweils optimalen Dosierung verzögert wird. Gekoppelt ist SBC mit dem Stabilitätsprogramm ESP und der Fahrwerksregelung ABC (Active Body Control), die Karosseriebewegungen in Kurven (neigen) und beim Bremsen (nicken) weitgehend eliminiert.

Hersteller:Mercedes
Typ:SL 500
Karosserie:Cabrio/Roadster
Motor:V8-Benziner
Hubraum:4.966 ccm
Leistung PS:306 PS
Leistung kW:225 kW
Drehmoment:460 Nm
Von 0 auf 100:6,3 Sek.
Höchstgeschw.:250 km/h
Verbrauch (ECE):12,7 Liter
CO2-Ausstoß:301 g/km
Kofferraum:317 Liter
umgebaut:235 Liter
Versicherung (HP):19 €
Versicherung (TK):40 €
Versicherung (VK):33 €
Preis:94.308 €

Weil der neue SL so voller Computertechnik steckt, wurde ihm ein neues Diagnosesystem eingepflanzt, das es so bislang nur in der Luft- und Raumfahrt gab. Der elektronische Wächter kontrolliert rund 1400 Bauteile und hilft so bei der Fehlersuche, wenn es notwendig wird. Der Überfluss an Elektronik bedeutet auch einen erhöhten Energiebedarf. Deshalb ist der SL der erste Mercedes mit zwei Batterien, von denen eine den Motor, die andere sämtliche anderen Bauteile mit Strom versorgt.

Benzin braucht der Wagen natürlich auch. Für unsere toskanische Testrunde ermittelte der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 14,7 Liter Superbenzin je 100 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 59 km/h. Ein relativer Wert, der für ein zweisitziges Auto mit kleinem Kofferraum und also eingeschränkter Alltagstauglichkeit sehr hoch wirkt, für ein Hochleistungsauto mit 306 PS, enormem Beschleunigungsvermögen und fast allem heute in Topmodellen üblichen Komfort jedoch angemessen erscheint.

Wer braucht so ein Auto? Klare Antwort: Kein Mensch. Fahren würde dieses Auto trotzdem fast jeder gerne. Schon jetzt steht fest, dass der Wagen ein Bestseller wird. In diesem Jahr können noch 7000 SL-Modelle geliefert werden, im nächsten Jahr werden dann 30.000 SL-Exemplare in Bremen gebaut. Zwölf Jahre nach der Premiere des letzten neuen SL ist die weltweite Fangemeinde dieses Autos ungeduldig, endlich den neuen in die Finger zu bekommen. Die Terroranschläge in den USA - dem wichtigsten Absatzmarkt des SL - und die derzeit herrschende Unsicherheit über die weitere Entwicklung zeigte bislang kaum Wirkung bei der Kundschaft. Storniert wurden, so die Auskunft von Mercedes, bislang gerade mal eine Handvoll SL-Bestellungen.