Mercedes SLK: Düse im Sitz - DER SPIEGEL
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Mercedes SLK Düse im Sitz

Mit dem ersten SLK, der 1996 debütierte, schuf Mercedes einen Imagebeschleuniger. Es half den Schwaben, ihre behäbige Aura abzulegen - und mit 308.000 verkauften Exemplaren ein Erfolgsmodell aufzulegen. Jetzt rollt der Nachfolger heran, der noch mehr Frische ausstrahlt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An allen Ecken des Autos wurde etwas hinzugefügt, verändert, verbessert. Der neue SLK ist größer als sein Vorgänger, bietet bei geöffnetem Dach mehr Gepäckvolumen, fährt mit drei neuen Motoren vor und das klappbare Stahldach lässt sich noch rascher versenken oder entfalten (22 Sekunden) als beim bisherigen Modell.

Alles normal also, denn kein Hersteller bringt ein neues Modell auf den Markt, an dem zumindest in der Papierform nicht alles größer und besser ist. Darüber hinaus hat der Mercedes SLK sogar eine Weltneuheit zu bieten. Airscarf heißt die Novität, und sie ist in die Sitze des Roadsters integriert. In den Rückenlehnen sind ein Gebläse und eine Heizeinheit untergebracht, die auf Knopfdruck warme Luft aus einem höhenverstellbaren Düse in der Kopfstütze strömen lassen, um Hals, Nacken und Ohren des Passagiers zu umfächeln. "Wie ein unsichtbarer Kaschmirschal", sagt Hans-Dieter Multhaupt, Chefentwickler der großen Fahrzeuggruppe bei Mercedes und damit auch oberster Ingenieur des SLK.

Wie Baden im Neoprenanzug

Mit dem Airscarf, der 458 Euro Aufpreis kostet und nur in Verbindung mit einer Sitzheizung (+342 Euro) und einer Lederausstattung (+1218 Euro) bestellt werden kann, könne man die Cabriosaison auch auf kühlere Tage im Frühling oder Herbst ausdehnen, sagt Mercedes. Und der Trick mit dem lauschigen Luftstrom macht das Offenfahren tatsächlich auch dann noch spaßig, wenn andere Cabriopiloten zum Dachaufklappen rechts ranfahren müssen.

Es wirkt andererseits auch ein wenig unsportlich. Wie Baden im Neoprenanzug oder ins Rockkonzert gehen und die Gehörgänge mit Oropax verpropfen.

Doch will der Wagen genau das sein: der Softie unter den Roadstern. "Kein anderes Auto dieser Klasse ist so alltagstauglich wie der SLK", betont Multhaupt. Kein Widerspruch. Wo andere Fabrikate zum Extrem tendieren, bleibt der offene Mercedes-Zweisitzer ein Meister des Kompromisses.

Muskulöse Flanken bringen Schwung

Vielleicht liegt darin ein Geheimnis seines Erfolgs, denn die Roadster-Kundschaft setzt sich im Wesentlichen aus zwei höchst unterschiedlichen Gruppen zusammen: Junge Leute, die viel Geld, aber noch keine Kinder haben. Und ältere Menschen, die auch viel Geld, aber keine Kinder mehr im eigenen Haushalt haben. Vor allem letztgenannte Gruppe dürfte die kommoden Details des neuen SLK besonders schätzen.

Hersteller:Mercedes
Typ:SLK 350
Karosserie:Cabrio/Roadster
Motor:V6-Benziner
Hubraum:3.498 ccm
Leistung PS:272 PS
Leistung kW:200 kW
Drehmoment:350 Nm
Von 0 auf 100:5,6 Sek.
Höchstgeschw.:250 km/h
Verbrauch (ECE):10,6 Liter
CO2-Ausstoß:251 g/km
Kofferraum:208 Liter
umgebaut:300 Liter
Versicherung (HP):14 €
Versicherung (TK):23 €
Versicherung (VK):26 €
Preis:43.384 €

Das solvente Jungvolk wiederum lockt Mercedes mit einem auffallend cremigen Design. Der Bug wird beherrscht von einer angedeuteten Formel-1-Nase inklusive stilisierten Spoilerflügelchen. Die muskulösen Flanken und die flach stehende Frontscheibe bringen Schwung in die Seitenansicht. Und am Heck erweckt der SLK den Eindruck, er gehöre zur Klasse der Supersportwagen, so knackig und grimmig entschwindet er dem Blick.

Wenn das neue Modell ab 27. März bei den Händlern steht, dann erstmal nur mit einem 1,8-Liter-Vierzylinder-Kompressormotor und 163 PS (120 kW). Ab Juli dann ist ein komplett neu entwickelter V6-Motor (272 PS / 200 kW) verfügbar, mit dem wir jetzt schon erste Erfahrungen sammeln konnten.

Eine brachiale Maschine: Die Kraft ist bei der kleinsten Bewegung des Gaspedals zu spüren, die Leistungsentfaltung schlicht beeindruckend. Ab 4000 Umdrehungen passt auch der Klang zum Fahrgefühl, wenn nämlich der Motor mit schwellendem Trompetenton andeutet, wo die Musik eigentlich spielt. Mehr wäre wirklich nicht nötig gewesen, doch bei Mercedes ticken die Uhren natürlich anders. Ab Herbst also gibt es dann auch den SLK 55 AMG mit 360 PS (265 kW) starkem V8-Triebwerk. "Der erste Wagen dieser Klasse mit Achtzylinder", preist Chefentwickler Multhaupt die Neuheit. Treue Formel-1-Zuschauer werden das Auto in den nächsten Monaten als neues Pace-Car kennenlernen.

Kunststoff-Schaltknauf sorgt für Enttäuschung

Bei der Ausstattung der SLK-Baureihe hat Mercedes ein ganz gutes Mittelmaß gefunden - mal wieder einen Kompromiss eben. Serienmäßig sind ABS, ESP, automatisches Fahrlicht, elektrische Fensterheber, vier Airbags, Tempomat, Windschott, Leichtmetallräder, Nebelscheinwerfer und Zentralverriegelung eingebaut. Aufpreispflichtig sind die neue Siebengang-Automatik (+2169 Euro, für den SLK 350), Metalliclack (+626 Euro) oder ein tiefergelegtes Sportfahrwerk (+238 Euro).

Dass man es mit den Kompromissen auch zu weit treiben kann, fällt einem auf, wenn man sich einige Details des in den großen Linien ausgesprochen modern und gefällig designten Innenraums genauer ansieht. Am Armaturenbrett gibt es für unseren Geschmack zu viele und zu kleine Tasten, die äußeren Gebläsedüsen wirken billig und - das geht gar nicht - der Schaltknauf soll aussehen wie Metall, ist aber aus Kunststoff. Man merkt das bei der ersten Berührung, und prompt folgt die Enttäuschung. Wird Chefentwickler Multhaupt darauf angesprochen, holt er aus zu Erklärungen über Gewichtsoptimierung (Plastik ist leichter als Metall) und Vorteilen im Winter (Plastik wird nicht so kalt wie Metall). Warum dann nicht Leder? Nun ja, man müsse die Kosten im Auge behalten, da seien Kompromisse nötig. Gewiss.

Dennoch wagen wir auch ohne Marketing-Fachkenntnisse die Behauptung: Es würde kein SLK weniger verkauft, wenn er zehn Euro teurer wäre, dafür aber einen angemessen Schaltknauf böte.