Nissan Cedric Taxifahrt im Youngtimer
Wer durch die Roppongi Hills in Tokio schlendert, wähnt sich in der Stadt der Zukunft. Selten sieht man so viel futuristische Architektur so dicht gedrängt beisammen. Beim Blick auf die Straße jedoch holt einen schnell die Gegenwart wieder ein: Zumindest die Taxiflotte in Japans Hauptstadt sieht nämlich ziemlich alt aus.
Während Taxikunden in Deutschland meist in den neuesten Mittelklassemodellen chauffiert werden oder in Los Angeles oft genug ein Toyota Prius als Taxi hält, sind es die Tokioter gewohnt, in fabrikneues Altmetall zu steigen.
Zum Beispiel in den Nissan Cedric, eine barocke Limousine, die seit 1987 nahezu unverändert gebaut wird und in den Straßen von Tokio oder Hiroshima einen Marktanteil von gut 40 Prozent hat. Privatkunden lassen den kantigen Klassiker längst links liegen, so dass Nissan das Modell vor fünf Jahren schon einstellen wollte. Doch das scheiterte an der großen Nachfrage aus dem gewerblichen Bereich. Die Produktionsbänder liefen weiter, mit gedrosseltem Tempo zwar, doch knapp 4000 Autos pro Jahr werden im Werk Kanagawa noch produziert - ausschließlich als Taxi.
Mit den wichtigsten Ausstattungsdetails liefert Nissan den Wagen zu Preisen zwischen umgerechnet etwa 12.000 bis 16.000 Euro ab Werk. Die Extras reichen vom typischen Taxi-Lack Kanariengelb über den Taxameter bis zum kleinen Leuchtturm auf dem Dach. Selbst die blütenweißen Schonbezüge, die an Klöppelwaren norddeutscher Großmütter erinnern, kann man mitbestellen. Nur die weißen Handschuhe, die noch im schmuddligsten Tokio-Taxi zur Zierde des Fahrers zählen, liegen nicht im Handschuhfach.
Angetrieben wird der Cedric von einem zwei Liter großen Vierzylindermotor, der sich im riesigen Motorraum beinahe verliert. Gut, dass es auf Straßen wie der Prachtmeile Ghinza oft nur im Schritttempo vorangeht: Denn mehr als 85 PS und 167 Nm hat der auf Flüssiggasbetrieb umgestellte Ottomotor nicht zu bieten. Theoretisch ist eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h möglich - doch solche Tempoversuche würden zäh, weil die antiquierte Vier-Stufen-Automatik reichlich Leistung aufzehrt, bevor die an der Hinterachse ankommt. Auch das Fahrwerk verbietet eigentlich forschere Gangarten. Auf der Landstraße wird der Cedric zum Querschläger, der nur mit fester Hand auf Kurs gehalten werden kann. Im Stadtverkehr jedoch trägt das Auto den Gast wie eine Sänfte und wirkt so entschleunigend wie eine Teezeremonie in einem Tokioter Park.
Im Stadtverkehr ist die große Schaukel ideal
Als Reisewagen also wäre der Cedric sicher die falsche Wahl, doch im Stadtverkehr offenbart die 4,69 Meter lange Limousine besondere Qualitäten. "Der Wagen ist extrem haltbar, leicht zu reparieren, genügsam im Unterhalt und bei einem Verbrauch von 8,9 Litern Flüssiggas auf 100 Kilometern zudem sparsam", rühmt ein Produktmanager den Cedric. Genug Platz bietet der Wagen auch. Auf der Rückbank sitzen auch drei Fahrgäste noch einigermaßen bequem - zumal wenn man die zu Stoßzeiten völlig überfüllte U-Bahn Tokios zum Maßstab nimmt.
Dennoch passt die seit 20 Jahren nahezu unveränderte Konstruktion zur japanischen Vorliebe für Hightech etwa so gut wie "Mensch ärgere Dich nicht" auf die Playstation. Statt bunter Displays, 3D-Navigation oder eines Bordcomputers sitzt im kantigen Cockpit ein schlichtes Kombiinstrument mit einem Walzen-Kilometerzähler, daneben der analoge Fahrtenschreiber und ein Taxameter - das einzige Instrument mit einer Digitalanzeige im Fahrzeug.
Ein Hebel für den Sesam-Öffne-Dich-Effekt
Was den Cedric als Taxi dennoch so beliebt macht, ist der angenehme Arbeitsplatz für den Fahrer. Der bequeme Sitz scheint für die Ewigkeit gemacht, es mangelt nicht an Armlehnen und Ablagen, vor aufdringlichen Passagieren schützt eine Trennwand aus Plexiglas, und sogar an einen Stiftehalter neben dem Lenkrad haben die Ingenieure gedacht. Der absolute Clou allerdings ist der große Hebel neben dem Sitz: Ohne auszusteigen kann der Chauffeur mit dieser Mechanik die Fondtür öffnen und dem Fahrgast so Entgegenkommen demonstrieren.
Eine Funktion, die japanische Touristen an europäischen Taxen vermissen und am Taxistand etwa des Flughafens in Frankfurt häufig mit erstaunter Bewegungsstarre quittieren. "Dass japanische Taxikunden die Tür selbst öffnen müssen, sind sie nicht gewohnt", sagt eine Entwicklerin von Nissan. Europäischen Gäste in Japan wiederum wird das Einsteigen ins Taxi leicht gemacht, doch das Problem für sie ist es, überhaupt eine Droschke zum Anhalten zu bringen. Denn den Ruf "Untenshu-San Onegai!" muss man sich erstmal merken.