Nissan GT-R Playstation in echt
Kundenschlangen bei Nissan - wann hat es das zuletzt gegeben? Während sich die Marke - wie fast alle Hersteller - normalerweise mit Rabattforderungen herumschlagen muss, läuft es jetzt mal ausnahmenweise anders herum: Statt wie üblich Nachlässe einzuräumen, könnte Nissan nun sogar Preisaufschläge erheben. Nicht für Micra oder Qashqai, sondern für den Sportwagen GT-R. Der ist nicht mehr und nicht weniger als der heißeste Racer, den die japanische Autoindustrie seit langem an den Start gerollt hat.
Das Szenario erinnert an die Zeit, als der jetzige VW-Chef Martin Winterkorn seine Karriere als Audi-Boss mit dem Sportwagen R8 krönte. Der GT-R wiederum ist ein rollendes Denkmal für Nissan-Boss Carlos Ghosn, der kaum eine Gelegenheit auslässt, selbst in sein Lieblingsauto zu steigen.
Europäische Sportwagenschmieden verfolgen die Sache mit Interesse. Nach dem Motto "So gut wie ein Porsche Turbo, aber halb so teuer" wird der GT-R in Deutschland ab 74.990 Euro verkauft. Damit sieht der Schwabensportler Porsche ebenso alt aus wie die Konkurrenzmodelle aus Italien, die mindestens das Doppelte kosten.
In Japan werden PS-Fanatiker in diesen Wochen die ersten Autos erhalten, und auch der deutsche Nissan-Geschäftsführer Andreas Gabriel freut sich, dass er ab dem kommenden März bei 14 von 400 deutschen Händlern endlich mal ein Auto "verteilen statt verkaufen" kann. 150 Kunden haben bereits einen Vorvertrag unterschrieben. All die Frühbucher haben 5000 Euro angezahlt, ohne das Auto je gesehen, geschweige denn gefahren zu haben.
SPIEGEL ONLINE war jetzt mit dem GT-R zum ersten Mal auf der Rennstrecke unterwegs. Die Käufer dürfen sich freuen: Das Warten wird sich lohnen, denn der GT-R fährt so gut, wie er aussieht.
Möglich macht das ein pralles Paket feinster Technik, die Nissan zum ersten Mal einsetzt. Statt einer normalen Schaltung gibt es zum Beispiel ein Doppelkupplungsgetriebe mit sechs Stufen, das zugunsten der besseren Balance erstmals im Heck montiert wurde. Der Allradantrieb lässt eine variable Kraftverschiebung zwischen Vorder- und Hinterachse zu, und natürlich können auch Federn und Dämpfer auf Knopfdruck eingestellt werden.
Der Samurai mit dem stechenden Blick
Zur fortschrittlichen Technik gibt es ein leidenschaftliches Design, das an den Fähigkeiten der Flunder keine Zweifel lässt. Der Kühlergrill ist eckig und so weit aufgerissen, dass man darin fast einen Kleinwagen parken könnte. Die Scheinwerfer geben dem Sportwagen einen stechenden Blick, die Motorhaube hat zwei markante Nüstern, die Flanke wird dominiert von Kiemen, deren Format den weißen Hai zum Zierfisch degradiert, und auf dem Heckdeckel thront ein Spoiler, der Stellfläche bieten dürfte für die komplette Pokalsammlung von Oliver Kahn.
Herzstück des GT-R ist freilich der neu entwickelte V6-Motor, der mit Hilfe zweier Turbolader aus eher bescheidenen 3,8 Litern Hubraum 480 PS schöpft und mit einem feuerroten Startknopf zum Leben erweckt wird. Wer jetzt beherzt aufs Gas tritt, erlebt sein blaues Wunder. Nur ganz kurz quietschen die Reifen, durch die Karosse geht ein feines Zittern, und für wenige Augenblicke scheint die Zeit still zu stehen.
Dann bricht die Hölle los: Die Augen suchen Halt am Horizont und in den Ohren dröhnt ein infernalischer Soundtrack, während die Flunder über die Start-Ziel-Gerade fliegt. Kaum merklich schaltet das Doppelkupplungsgetriebe die Gänge durch, und noch ehe die erste Kurve naht, hat man 80, 120, 160 Sachen auf dem Tacho. 588 Nm reißen den GT-R in weniger als vier Sekunden von 0 auf Tempo 100. Und auch wenn man es hier in Estoril vor den Toren Lissabons nicht ausprobieren kann: Dass der GT-R "deutlich schneller fährt als 300 km/h", glaubt man den Entwicklern aufs Wort.
Das Salz und der Pfeffer in der Sportwagensuppe
Doch die imposante Längsbeschleunigung allein wäre wie Salz ohne Pfeffer. Weil eine rasante Ausfahrt nur im Zusammenspiel mit einer entsprechenden Querbeschleunigung die nötige Würze bekommt, hat Nissan den Wagen gut ausbalanciert, stramm angestimmt und eine präzise Lenkung installiert. Sobald Allradantrieb, Fahrwerk und der Toleranzbereich des ESP auf Rennstrecke programmiert sind, jagt der GT-R durch Kurven, als fahre er auf Schienen. Nur wenn es nass wird, ist Fahrkunst gefragt, denn dann kann man den Wagen auch mit dem Gasfuß lenken.
So real und radikal der GT-R von außen wirkt, innen fühlt man sich wie an Bord einer riesigen Play-Station-Konsole: Allein auf dem Lenkrad gibt es ein knappes Dutzend Tasten, und wer versucht, das Display auf der Mittelkonsole zu durchschauen, sollte das allenfalls im Schritttempo tun.
Sonst verliert sich der Blick auf einem Bildschirm, der von der Querbeschleunigung bis zu Öldruck oder Rundenzeit so ziemlich alles anzeigt, was die Sensoren im Auto so messen. Unter anderem auch den niedrigen Verbrauch, der im Normzyklus bei lediglich 8,2 Litern liegt und damit selbst manche Mittelklasse-Limousine zum Schluckspecht stempelt. Dass der Monitor an eine Spielekonsole erinnert, kommt nicht von ungefähr - denn die Programmierung stammt von denselben Designern, die auch das Spiel "Gran Tourismo" gestaltet haben.
Es fehlt dann doch der letzte Biss
In die Begeisterung mischt sich allerdings auch ein wenig Enttäuschung. Ganz so heiß, wie die Japaner ihren GT-R anpreisen, ist er dann doch nicht. Es stimmt: Mit einer Rundenzeit von 7:29 Minuten zählt er auf der Nordschleife zu den absoluten Champions, und über mangelnde Dynamik kann man auch in Estoril nicht klagen. Doch fehlt dem Boliden der letzte Biss und die kompromisslose Härte, die Straßenzulassung hin oder her - einen echten Rennwagen ausmachen.
Carlos Ghosn wird die Kritik an sich abperlen lassen. "Egal ob Rennstrecke, Landstraße, Autobahn oder Stop-and-Go in der Innenstadt der GT-R ist auf jeder Straße zuhause", sagt der Chef und stempelt das Coupé mit den überraschend komfortablen Sportsitzen, den kleinen Not-Nischen im Fond und dem respektablen Kofferraum von 315 Litern zum "Multi-Purpose-Sportscar", mit dem man problemlos auch zum Brötchenholen fahren kann. Ausprobieren lässt sich das vorerst nicht, denn am Rundkurs von Estoril gibt es keinen Bäcker. Aber in zehn Monaten wird Nissan den GT-R ja hierzulande auch auf die Straße lassen.