Nissan Micra: Ein bisschen Frieden - DER SPIEGEL
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Nissan Micra Ein bisschen Frieden

Gäbe es einen Friedensnobelpreis für Autos, der neue Nissan Micra wäre ein heißer Kandidat. Kaum ein anderer Kleinwagen strahlt so viel Sympathie, Friedfertigkeit und Humor aus wie das jüngste Modell der Japaner.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wir wollten ein freundliches Auto, das keinerlei Aggressionen weckt", sagt Chefdesigner Christopher Reitz. Glubschaugenscheinwerfer, Pustebacken und eine Dachform wie ein Blauhelm - die Formen des neuen Micra sind Ausdruck einer optischen Deeskalation inmitten des aktuellen Designtrends aus Ecken, Sicken und Kanten. Das ist auch gut so. Denn der Wagen sieht dadurch frisch und fröhlich aus und hebt sich wohltuend von der breiten Masse der Kleinwagen ab.

Und wenn die Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer bei den ersten Testfahrten rund um Rom verallgemeinert werden können, dann muss man sagen, dass der Micra es im Nu schafft, die Leute zum Lächeln zu bringen. Geht es nach den Verantwortlichen bei Nissan, soll der Kleinwagen auch im Unternehmen für zufriedene Mienen sorgen. Das Auto ist das erste Modell des neuen "180-Planes". Klingt kryptisch, lässt sich aber schlicht erklären.

Die Eins steht für einen Absatzzuwachs von einer Million Autos, den Nissan bis Ende 2004 anstrebt (von derzeit 2,7 auf dann 3,7 Millionen Autos pro Jahr weltweit). Die Acht steht für acht Prozent Umsatzrendite, die ebenfalls als Zielwert bis Ende 2004 gelten. Und die Null schließlich bedeutet, dass die Schuldenlast schleunigst auf null abgebaut werden soll. Inmitten solcher ökonomischer Großziele wirkt der kleine, putzige Micra etwas verloren, doch er ist ein Schlüsselprodukt zu deren Erreichung.

Zum Verkaufsstart in Deutschland am 8. Februar wird das Auto in zwei Karosserievarianten (Drei- und Fünftürer), mit drei Benzinmotoren (65, 80 und 88 PS/48, 59 und 65 kW) und einem 65-PS-Diesel sowie in drei Ausstattungsniveaus angeboten. Wir waren bei unserer Testfahrt mit dem dreitürigen Modell unterwegs, unter dessen Haube der 1,4-Liter-Topmotor werkelte (Durchschnittsverbrauch sieben Liter laut Bordcomputer). Auto und Antrieb passen gut zueinander.

Die Ausstattung ist mit vier Airbags, ABS, zwei Isofix-Kindersitzbefestigungen, höhenverstellbarem Lenkrad oder einer elektrischen Servolenkung recht ordentlich (Grundpreis des Micra: 10.800 Euro, Fünftürer jeweils 500 Euro teuerer). Leider nur gegen Aufpreis gibt es eine verschiebbare Rücksitzbank.

Was das Design ausstrahlt, wird durch die Technik bestätigt: Der Wagen lässt sich ausreichend zügig bewegen, legt ein angenehm neutrales Fahrverhalten an den Tag und bietet ein ausgesprochen gutes Handling. Der Wendekreis beispielsweise beträgt lediglich 9,20 Meter. Auf so kleinem Raum rotiert kein anderes Fahrzeug dieser Klasse.

Hersteller:Nissan
Typ:Micra
Karosserie:Kleinwagen
Motor:Vierzylinder-Benziner
Hubraum:1.386 ccm
Leistung PS:88 PS
Leistung kW:65 kW
Drehmoment:128 Nm
Von 0 auf 100:11,9 Sek.
Höchstgeschw.:172 km/h
Verbrauch (ECE):6,3 Liter
CO2-Ausstoß:149 g/km
Kofferraum:237 Liter
umgebaut:982 Liter
Preis:12.700 €

A propos Raum. Obwohl der neue Micra im Vergleich zum Vorgängermodell um drei Zentimeter auf 3,71 Meter schrumpfte, wuchs die Innenraumlänge um gut sieben Zentimeter. Das schafft - auch auf den hinteren Plätzen - ein akzeptables Raumangebot, auch wenn Erwachsene im Fond nicht unbedingt bequem reisen.

Überzeugend ist der Micra vor allem in den Details, die Platz schaffen. Zum Beispiel gibt es große Staufächer in den Türen, und unter der Sitzfläche des Beifahrerplatzes befindet sich ebenfalls ein Staufach mit zwölf Liter Volumen. Schlau gemacht ist auch die flache Schublade im Handschuhfach, die Unterlagen oder Landkarten bis zum Format DIN-A4 aufnimmt. Das schafft Ordnung im Innenraum, der übrigens sehr modern gestylt ist.

Drei Dinge fallen besonders auf: Das Oberflächenmaterial TPO, das an bedruckten Textilstoff erinnert und sich viel besser anfühlt als glatter Kunststoff; und zweitens die elfenbeinfarben glänzenden Regler für Klimaanlage und Radio. Sie sollen, so Chefdesigner Reitz, an Porzellan erinnern, und das tun sie auch. Drittens schließlich hat Nissan den drei Analoginstrumenten im Cockpit unnachahmliche, orangerote Zeiger spendiert, die aussehen wie Cocktailspießchen.

Das eigentlich Entscheidende an solchen Kleinigkeiten ist, dass man an ihnen ablesen kann, wie sorgfältig dieses Auto gestylt und entwickelt wurde. Die Japaner engagierten sogar die niederländische Soziologin Li Edelkoort als Ratgeberin bei der Micra-Entwicklung, um den Lebenstil der anvisierten Käuferschicht (möglichst jung, aktiv und trendbewußt) besser verstehen zu können.

Die zentrale Aussage von Frau Edelkoort, dass nämlich immer mehr eigentlich einander entgegengesetzte Ideale miteinander kombiniert werden, soll der Micra im Kleinwagensegment umsetzten. Vor allem aber nutzt dies die ab Ende Januar anlaufende Werbekampagne für das neue Auto.

Unter dem zentralen Slogan "Sprechen Sie Micra?" soll mit Wortneuschöpfungen wie kompäumig, praktovativ oder simpelligent darauf hingewiesen werden, dass der Wagen nach Einschätzung von Nissan eben kompakt und geräumig, praktisch und innovativ oder simpel und intelligent zugleich sei. Origitzig.