Nissan Primera: Sayonara Langeweile - DER SPIEGEL
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Nissan Primera Sayonara Langeweile

Die mit Renault verbandelte japanische Automarke Nissan hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. "Wir werden nie wieder langweilige Autos bauen!" Das gab Nissan-Chef Carlos Ghosn als Direktive aus. Erstes Produkt der neuen Offensive ist das neue Mittelklassemodell Primera.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob ein Auto fad oder feurig ist, teilt sich zunächst über die Optik mit, und da gab es bei Nissan in den vergangenen Jahren kaum Bemerkenswertes. Wer kann sich schon die Karosserieform des bislang angebotenen Primera ins Gedächtnis rufen? Das soll sich mit dem neuen Modell ändern. Das europäische Designzentrum in Geretsried bei München hatte aus der japanischen Zentrale eine klare Ansage erhalten.

"Das Projekt mit dem Codenamen ED sollte gleich zwei Schritte in die Zukunft gehen", sagt Chefdesigner Stéphane Schwarz. Der gebürtige Schweizer hatte also freie Hand, für einen "kühnen Entwurf", wie er sagt. Der steht unter dem bisherigen Namen Primera ab kommenden März bei den rund 650 deutschen Nissan-Händlern.

Zunächst wird der Wagen als viertürige Limousine und als Kombimodell Traveller angeboten, im Juli wird eine fünftürige Schrägheckvariante folgen. Dazu gibt es drei Motoren (zwei Benziner, ein Commonrail-Turbodiesel) zur Auswahl sowie drei Ausstattungsversionen.

Das klingt noch nicht besonders innovativ, doch wie die Technik verpackt ist, kann sich wirklich sehen lassen. "Wir haben den Wagen von innen nach außen designt", sagt Schwarz. "Außerdem haben wir alles unnötige weggelassen. Das ist der Einfluss der japanischen Kultur auf diese Formgebung: Weniger zeigen, aber dafür mehr ausdrücken."

Der Innenraum ist geräumig, die Bein-, Ellenbogen- und Kopffreiheit auf allen Plätzen in Ordnung. Völlig neu sieht die Gestaltung der Instrumententafel aus. Direkt vor dem Lenkrad herrscht große Leere, die drei Rundinstrumente sind in die Mitte des Armaturenbretts gewandert, das sie in einem eleganten Bogen über die gesamte Breite spannt und ein bisschen so aussieht, als öffne sich eine riesige Muschel. Ebenfalls mittig sitzen ein Tastenfeld und der dazugehörige Monitor. Über wenige Tasten und Dreh-Drück-Regler sind Audio-, Klima- und Navigationsanlage zu bedienen. Nissan hat das Modethema "Mensch-Maschine-Schnittstelle" so schlicht und logisch gelöst wie kein anderer Hersteller bislang.

Die Materialien rund um die Passagiere wirken angenehm, fühlen sich gut an und machen einen ordentlich verarbeiteten Eindruck. Vielleicht wären noch ein, zwei weitere Ablagemöglichkeiten sinnvoll, doch das fällt kaum ins Gewicht. Kritischer sind folgende Punkte: Auch hochgewachsene Fahrer können das vordere Ende des Wagens nur erahnen und ab Tempo 120 wird der Fahrtwind deutlich hörbar. Beides ist wohl dem sogenannten One-Box-Design geschuldet, womit wir bei der äußeren Anschauung des Autos wären.

Hersteller:Nissan
Typ:Primera 2,0
Karosserie:Limousine
Motor:Vierzylinder-Benziner
Hubraum:1.998 ccm
Leistung PS:140 PS
Leistung kW:103 kW
Drehmoment:192 Nm
Von 0 auf 100:9,6 Sek.
Höchstgeschw.:204 km/h
Verbrauch (ECE):8,5 Liter
CO2-Ausstoß:201 g/km
Kofferraum:450 Liter

Die Übergänge vom Vorderwagen zur Passagierkabine und dann (beim Viertürer) wieder zum Kofferraum sind weich und fließend, die Limousinen-typische Dreiteilung des Wagens von vorne nach hinten gibt es praktisch nicht mehr. Große, glatte Flächen, weiche Rundungen und einige wenige Kanten prägen die Karosserie des neuen Primera.

Das muss einem nicht gefallen, doch auf jeden Fall hebt es das Auto optisch aus der breiten Mittelklasse-Masse heraus. Das ist auch dringend nötig, denn Deutschland-Geschäftsführer Ralf-Toni Pulm erklärte anlässlich der Präsentation des Primera in Barcelona, Nissan wolle "die profilierteste und markanteste japanische Marke in Europa werden". Dazu bedarf es allerdings neben einem ausgefallenen Design auch einer innovativen Technik.

Das Fahrwerk des neuen Primera überzeugte auf den ersten Testkilometern, der neue 2-Liter-Benziner jedoch hinterließ keinen nachhaltigen Eindruck. Ein ordentlicher Motor, dem es aber sowohl mit dem Sechsgang-Schaltgetriebe als auch mit der stufenlosen Automatik an Biss und an Souveränität fehlt. Das ist für ein Auto dieses Typs keineswegs tragisch, aber markant ist es eben auch nicht.

In diese Kategorie fallen schon eher einige Ausstattungsdetails, die Nissan für den Neuen anbietet. Zum Beispiel die Rückfahrkamera, die oberhalb des hinteren Nummernschildes installiert ist. Wird der Rückwärtsgang eingelegt, erscheint das Bild der Kamera auf dem Monitor - Einparken wird so zur Maßarbeit. Und die "Intelligent Cruise Control" (ICC), die per Infrarotauge unter der vorderen Stoßstange den Abstand zum Vorausfahrenden hält und automatisch entsprechend abbremst oder beschleunigt ist zweifellos eine Wohltat im Kolonnenverkehr oder auf längeren Autobahnetappen.

Leider ist von Nissan noch keine Auskunft darüber zu erhalten, was diese technischen Helfer kosten werden, geschweige denn, dass die Grundpreise der Fahrzeuge kalkuliert sind. Das Einstiegsmodell, also der Viertürer mit dem 1,8-Liter-Benziner mit 116 PS (85 kW), wird voraussichtlich 40.000 Mark kosten (rund 20.500 Euro). Dieses Auto ist dann unter anderem mit Klimaanlage, Radio-CD-Spieler, ABS und acht Airbags ausgestattet.

Eine Zahl, die Nissan schon genauer nennen kann, ist die Planziffer der Primera-Exemplare, die im kommenden Jahr in Deutschland verkauft werden soll, nämlich 20.000. In drei Jahren, so Deutschland-Chef Pulm, wolle man einen Marktanteil von drei Prozent erreichen. Derzeit rangiert Nissan bei zwei Prozent - der neue Primera wird also viele Freunde finden müssen.