Opel Ampera: Elektrischer Sprit
Opel Ampera Beruhigende Explosionen
Das ist der Moment, vor dem es Fahrer von Elektroautos graust. Das Ziel noch weit entfernt, die Batterieanzeige zeigt einen schwachen Speicher. Der Strom in den 16 kWh speichernden Lithium-Ionen-Akkus reiche nur noch für fünf Kilometer, meldet der Bordcomputer des Opel Ampera. Fahrer herkömmlicher Elektroautos müssten jetzt schleunigst eine Steckdose ansteuern. Andreas Lassota jedoch, der Marketingchef für die Elektroautos aus Rüsselsheim, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, empfiehlt weiter fahren.
Denn dieser Ampera, mit dem SPIEGEL ONLINE als eine der ersten Redaktionen überhaupt auf Testfahrt ist, verfügt über einen so genannten Range-Extender. Es handelt sich um einen Benziner mit 1,4 Litern Hubraum und gut 70 PS, der eigentlich gleich anspringen sollte, um über einen Generator jenen Strom zu erzeugen, den der Ampera zum Weiterfahren braucht. So zumindest lautet die Theorie, die Opel seit dem Debüt des ersten Prototyps wieder und wieder verbreitete.
Und diesmal soll die Bewährungsprobe in der Praxis stattfinden. Vor drei Wochen war das noch ganz anders; da hatte General Motors zu einer vermeintlich spektakulären ersten Testfahrt mit dem baugleichen Ampera-Schwestermodell Chevrolet Volt nach New York geladen, doch dann durfte das Auto nicht einmal das Parkdeck verlassen. In Rüsselsheim sind die Opel-Verantwortlichen großzügiger. Rund 18 Monate vor dem Verkaufsstart des Ampera geht es über öffentliche Straßen - und zwar so weit der Akku reicht. Und eben noch weiter.
Denn weit entfernt von einer Steckdose, irgendwo im Südosten des Rhein-Main-Gebiets, startet der Bordcomputer den Countdown. Mitten im morgendlichen Berufsverkehr flimmern 4, 3, 2, 1, 0 Kilometer über die Anzeige. Und dann? Hört man plötzlich das erlösende Brummen des Benziners, der automatisch anspringt und den Ampera auf Trab hält. Kein Ruckeln, kein Schütteln, nichts deutet darauf hin, dass jetzt der Generator läuft und der Strom an Bord mit Benzin erzeugt wird. Nur die Anzeige auf dem großen Monitor ändert sich.
Wer die Ohren spitzt, kann den Benziner natürlich hören. Zwar läuft der Motor je nach Strombedarf auf vier unterschiedlichen, dann aber jeweils konstanten Drehzahlniveaus und geht zum Beispiel beim Ampelstopp im Rauschen der Lüftung akustisch völlig unter. Doch wer kräftig aufs Fahrpedal tritt und etwa einen Steigung erklimmt, der hört ein heiseres Knattern aus den Tiefen des Blechs.
Vollgetankt und voller Strom, schafft der Ampera rund 500 Kilometer
Obwohl der Tank bei dieser Testfahrt nicht mehr ganz voll ist, zeigt der Bordcomputer jetzt wieder eine beruhigende Reichweite von 230 Kilometern. Da kann die bis zu drei Stunden lange Ladepause der Batterien noch ein bisschen warten, und die Angst vor dem leeren Akkus ist passé. Mit vollen Batterien und vollem Tank seien mehr als 500 Kilometer Fahrstrecke möglich, heißt es bei Opel.
In welchem Modus der Ampera gerade läuft, kann man während der Fahrt nicht ermitteln. Denn die Leistung von 150 PS und das Drehmoment von 370 Nm liefert der Elektroantrieb unabhängig davon, ob er nun am Akku oder am Generator hängt. Deshalb beschleunigt der Ampera trotz der mehr als zwei Tonnen Gewicht auch im Range-Extender-Betrieb in weniger als neun Sekunden auf Tempo 100, schwimmt auf der Autobahn locker mit und würde immerhin 160 km/h schaffen, wenn es auf der A3 heute morgen nicht so voll wäre.
Um die Fahrleistung sicherzustellen, läuft der Benziner auch an der roten Ampel weiter und puffert so etwas Strom in der Batterie. "Doch nur fünf Prozent mehr als das Minimum werden so geladen", sagt Opel-Manager Lassota. Das Auto mit laufendem Benziner abzustellen, um die Akkus zu laden, funktioniert dagegen nicht. Es wäre auch eine Karikatur der Elektroautoidee.
Der Benziner springt auch dann ein, wenn es zu kalt oder zu heiß ist
Der Range Extender erhöht nicht nur die Reichweite, er hilft auch beim Lösen von Temperaturproblemen. Bevor die Batterien zum Beispiel bei starkem Frost zu sehr beansprucht werden, könne erst einmal der Benziner Strom liefern und mit seiner Abwärme nebenbei die Akkus heizen, bevor sie die Energieversorgung übernehmen. Und auch bei großer Hitze wäre der Range Extender der optimale Stromlieferant, um den Wagen erst einmal abzukühlen.
Eine Tankstelle werde man mit dem Ampera eher selten sehen, behauptet Lassota. Denn statistisch sollten die 60 Kilometer elektrischer Reichweite bei vollen Akkus den meisten Menschen für die tägliche Fahrerei reichen. "Und wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, das Auto wie ein Mobiltelefon regelmäßig aufzuladen, dann wird der Ampera die meiste Zeit mit Strom fahren", sagt der Marketing-Mann. 100 Kilometer kosten dann nicht mehr 12 Euro für Benzin, sondern 2 Euro für Strom, rechnet der Hersteller vor. Billig wird Ampera-fahren trotzdem nicht. Denn bei einem Schätzpreis von mehr als 40.000 Euro muss man schon sehr, sehr weit fahren, damit sich der Technologie-Aufschlag irgendwann amortisiert.