Opel Corsa 1.0 12V: Aggressive Hausmannskost - DER SPIEGEL
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Opel Corsa 1.0 12V Aggressive Hausmannskost

Was tun, wenn das eigene Produkt der Klassenprimus ist, aber doch dringend erneuert werden muss? Die Verbesserungen möglichst unauffällig umsetzen. Mit dem neuen Corsa versucht Opel den Spagat und ist erfolgreich. Der Kleine im Praxistest.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aggressiv - kaum ein Wort nehmen die Opel-Marketingstrategen derzeit häufiger in den Mund. Zumindest dann, wenn die Sprache auf den neuen Corsa kommt. Aggressiver sind die Scheinwerfer, aggressiver wird die Werbung werden, und sogar die Zierleisten kommen irgendwie aggressiver daher. Verhalten, versteht sich, es soll ja niemand verschreckt werden.

Die Strategie ist mit Bedacht gewählt, schließlich können die Rüsselsheimer jeden neuen Kunden gebrauchen: Qualitätsprobleme und interne Querelen haben die deutsche General-Motors-Tochter in den vergangenen Jahren geplagt. Die Verluste sind groß, der Marktanteil fällt.

Und ein Blick in die Modellpalette verheißt wenig Gutes: Der Golf-Rivale Astra kommt nicht so richtig in Fahrt, der Mittelklasse-Vectra ist das ewige Sorgenkind, und um den eher langweiligen Omega machen Kunden ebenfalls einen Bogen. Der Winzling Agila muss erst noch beweisen, dass das neu-geschaffene Segment der Minivans erfolgreich sein kann, und der Speedster ist zwar gut fürs Image, bleibt aber ein Nischenprodukt. Lediglich der Kompaktvan Zafira mit seinen sieben Sitzplätzen hellt die Minen in Rüsselsheim auf

Bleibt also der Corsa: Zeitlos das Design, zeitlos der Erfolg: Mehr als sechs Millionen Mal wurde der Kleine in den vergangenen sieben Jahren an den Mann, viel mehr aber noch an die Frau gebracht. Seit Jahren ist der Altstar die Nummer eins auf dem deutschen Kleinwagenmarkt - doch inzwischen bröckeln auch beim Corsa die Zulassungszahlen.

Das soll die dritte Auflage des rüstigen Rüsselsheimers ändern, die ab Anfang Oktober bei den Händlern stehen soll. Als "etwas markanter" lässt sich das beschreiben, was die Entwickler unter "aggressiv" verstehen. Der Corsa, bislang zu knapp zwei Dritteln von Frauen gekauft, soll zukünftig auch verstärkt (Haus-)Männer ansprechen, ohne aber die weibliche Klientel zu vergraulen - ein Spagat, der unweigerlich in einem äußerst unauffälligen Äußeren mit Einflüssen aus Peugeot 206 und Fiat Punto enden musste.

Macht nichts, die interessantesten Neuerungen werden eh erst nach einigen Kilometern deutlich: So wurde das Fahrwerk gegenüber dem Vorgänger deutlich verbessert. Der kleine Opel reagiert äußerst gutmütig, mitunter leicht untersteuernd, immer kontrollierbar aber durchaus auch lebendig.

Hersteller:Opel
Typ:Corsa 1.0 12V
Karosserie:Kompaktwagen
Motor:Dreizylinder-Benziner
Hubraum:973 ccm
Leistung PS:58 PS
Leistung kW:43 kW
Drehmoment:85 Nm
Von 0 auf 100:16,9 Sek.
Höchstgeschw.:155 km/h
Verbrauch (ECE):5,6 Liter
CO2-Ausstoß:133 g/km
Kraftstoff:Super bleifrei
Kofferraum:260 Liter
umgebaut:1.060 Liter
Preis:10.686 €

Die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung kann ebenfalls überzeugen: Das Einparken wird, zumindest was den Kraftaufwand betrifft, serienmäßig zum Kinderspiel. Im Allgemeinen recht präzise, könnte die Lenkung allerdings hier und da etwas direkter sein.

Der Corsa ist nicht nur erwachsener, er ist - das bringt das Alter so mit sich - auch größer geworden: Fünf Zentimeter mehr Radstand, ein paar extra Zentimeter in Höhe und Breite sowie die nach vorne versetze Windschutzscheibe lassen ein gutes Raumgefühl aufkommen. Nicht großzügig, aber ausreichend. Dasselbe gilt für die Beinfreiheit auf der Rücksitzbank. Große Menschen werden allerdings Probleme bekommen - an den Knien, vor allem aber am Kopf.

Die Optik der Instrumente ist nicht unbedingt herausragend, aber überzeugend übersichtlich gelöst. Die Bedienung der Hebel und Knöpfe gelingt gut, die Sitze bieten ausreichend Komfort, die Ergonomie ist tadellos. Nur der Wegfall des Blinkerrelais wurde mit einem höchst eigenwillig gestalteten Blinkerton teuer erkauft.

Beim Blick über die Schulter fallen nicht nur drei Kopfstützen auf: Die dicken C-Säulen, an denen sich mittlerweile die Rücklichter befinden, sorgen für schlechte Aussichten beim Rangieren. Hier hat sich, in einem ansonsten eher funktional-nüchtern gehaltenen Wagen, die Form gegen die Funktionalität durchgesetzt.

Sechs verschiedene Motoren sollen im Corsa für den angemessenen Vortrieb sorgen, vom schwächelnden Dreizylinder mit 58 PS über einen ruppigen 75-PS-Diesel bis zum heftig pubertierenden Vierzylinder mit 125 PS. Allen gemein ist ein gut abgestimmtes und exakt schaltbares Fünfganggetriebe und ordentliche Bremsen.

Der Kleine besticht weder durch extravagantes Design noch durch übertriebenen Komfort oder Sportlichkeit. Genau das ist aber seine Stärke und der beste Garant dafür, auch in Zukunft Klassenprimus zu bleiben. Der Corsa ist und bleibt unauffällig. Das aber verdammt aggressiv.

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