Opel Insignia Grand Sport im Test: Großangriff - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Autogramm Insignia Grand Sport: Großes Versprechen

Foto: Opel

Autogramm Insignia Grand Sport Großangriff

Einst fertigte Opel Autos mit Namen Kapitän, Admiral und Diplomat - und rückte damit Mercedes auf die Pelle. Der neue Insignia soll an diese Oberklasse-Ambitionen anknüpfen. Doch das gelingt nur bedingt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Eindruck: Der neue Insignia schaut so stolz und überzeugend in die Zukunft, dass man kaum versteht, warum General Motors den Ableger Opel kaltherzig an die PSA-Gruppe verschachert.

Das sagt der Hersteller: Jürgen Keller begrüßt seine Gäste bei der Präsentation des Insignia auf Französisch - und verbittet sich danach alle Fragen zur Übernahme durch PSA. "Heute soll mal wieder das Produkt im Vordergrund stehen", sagt der Deutschland-Chef von Opel. Verständlich, schließlich lädt er zur ersten Testfahrt mit dem neuen Insignia, in den Opel all sein Know-how und seine Ingenieurkunst gesteckt hat. Keller spricht von einem wahren "Flaggschiff" und stellt den Insignia in eine Reihe mit der legendären KAD-Familie aus Kapitän, Admiral und Diplomat, die Opel früher mal auf Augenhöhe mit Mercedes und Co war.

Marketing-Chef Albrecht Schäfer legt noch eine Schippe drauf: Er proklamiert den "klaren Anspruch auf die Segmentführerschaft" und stempelt den Insignia zum "Premium-Herausforderer", der selbst Audi, BMW oder Mercedes ein bisschen ärgern soll. Das zeugt von einem gewissen Vaterstolz, hat aber auch einen Hang zum Größenwahn, weil es Erwartungen weckt, die Opel mit den Mitteln des GM-Konzerns kaum erfüllen kann.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Opel Insignia Grand Tourer- mit unserem 360-Grad-Foto:

Das ist uns aufgefallen: Zurück zu alter Größe? Tatsächlich ist der Insignia in der zweiten Generation ordentlich gewachsen. Er hat sich im Radstand um neun Zentimeter gestreckt und kommt mit nun 4,90 Metern Länge für die Limousine und 4,99 Meter für den Kombi tatsächlich an A6, Fünfer oder E-Klasse heran.

Gleichzeitig sieht das neue Flaggschiff nicht so aus, als wäre es aus dem Leim gegangen. Dank des scharfen Designs und eines Hecks näher am Coupé als an der Limousine wirkt der größere Insignia sogar schnittiger als sein kleinerer Vorgänger. Und weil er bis zu 200 Kilo abgespeckt hat, fühlt er sich auch so an. Der Fahrer sitzt tiefer als bisher, die Motoren haben im Schnitt pro PS ein Kilo weniger zu schleppen und das gründlich überarbeitete Fahrwerk hat eine sportliche-stramme Note. In puncto Fahrgefühl kann man dem von Marketing-Mann Schäfer definierten Anspruch also durchaus folgen.

Tom Grünweg

Sobald man den Blick im Innenraum schweifen lässt, folgt eine gewisse Ernüchterung. Dann reibt sich das Auge an vergleichsweise verstaubt wirkenden Instrumenten und einem Bedienkonzept, das irgendwie nicht zu Ende gedacht ist. Während die Mittelkonsole mittlerweile hübsch aufgeräumt wirkt und von der Abrüstung im Krieg der Knöpfe zeugt, ist das Lenkrad dafür ziemlich überladen.

Die beiden Hebel dahinter sind zudem so grobschlächtig beschriftet, als wäre hier ein Grafikstudent im ersten Semester am Werk gewesen. Das Head-up-Display, das im Insignia seine Opel-Premiere gibt, sieht aus, als wäre dafür mit der Stichsäge Platz geschafft worden. Immerhin hat Opel den Kunden die hässliche Plastikscheibe zum aufklappen gespart, die einem im VW Passat und bei den Fahrzeugen französischer Hersteller entgegen surrt. Trotzdem will all das nicht zu der Finesse passen, die Opel sonst hat walten lassen. Stattdessen wirkt es eher so, als hätte den Hessen jemand die Zeit oder das Geld für das letzte Quäntchen Perfektion gestrichen.

Bitte nicht falsch verstehen: Das Interieur ist nicht grundsätzlich schlecht. Die von der Aktion Gesunder Rücken zertifizierten Klima- und Massagesitze sind Klasse und der OnStar-Service mit WLAN-Hotspot und einem Call-Center, das jetzt auch noch Hotels bucht und Parkplätze reserviert, ist in dieser Preisklasse tatsächlich konkurrenzlos. Doch für die Führerschaft im Segment wirkt das zur Hälfte analoge Kombiinstrument zu altbacken, der Materialauswahl fehlt der letzte Schliff und der Touchscreen in der Mittelkonsole ist kleiner als beim Ampera-E. Und um mit E-Klasse oder Fünfer zu konkurrieren, braucht es mehr als nur eine vergleichbare Länge.

Das muss man wissen: Einen Tag nach der Besiegelung des Opel-Verkaufs an den PSA-Konzern auf dem Genfer Salon enthüllt, kommt der Insignia am 24. Juni in den Handel. Dann gibt es zu Preisen ab 25.940 Euro erst einmal die Limousine mit dem albernen Beinamen Grand Sport und ein paar Monate später für exakt 1000 Euro Aufschlag den Kombi Sport Tourer, der dank des neuen Formats auch ein bisschen mehr Laderaum bietet und nun zwischen 560 und 1665 Liter fasst. Als dritte Variante planen die Hessen zum Jahreswechsel obendrein wieder einen Country Tourer, der mit etwas mehr Bodenfreiheit und ein paar robust anmutenden Plastikplanken zum Abenteurer für den Alltag werden will.

In Fahrt bringen den Insignia dabei zunächst zwei Benziner mit 1,5 Litern Hubraum und 140 oder 165 PS oder 2,0 Litern und 260 PS oder zwei Diesel, die mit 1,6 Litern und 110 oder 136 sowie 2,0 Litern und 170 PS in der Liste stehen. Zwar ist der Spitzenmotor der ganze Stolz der Entwickler, weil er mit einer neuen Achtgang-Automatik gepaart wird und mit einem Allradantrieb, der die Kraft schneller verteilt und in Kurven die äußeren Räder bevorzugt.

Fotostrecke

Autogramm Insignia Grand Sport: Großes Versprechen

Foto: Opel

Doch den größten Eindruck schindet der kleinste Motor. Denn angesichts des geringeren Gewichts kommt selbst der vermeintlich mickrige 1,5-Liter gut mit dem mächtigen Wagen zurecht und ist auch auf Landstraße oder Autobahn flott bei der Sache, dann allerdings entfernt man sich auch ebenso zügig vom Normverbrauch von sechs Liter. Immerhin hat Opel die Triebwerke auch schon mal nach dem geplanten WLTP-Zyklus getestet und bei diesen sehr viel realistischeren Messungen gegenüber dem Vorgänger bis zu zehn Prozent Verbrauchsvorteil herausgefahren.

Genau wie die Motoren kennt man auch die Assistenzsysteme im Grunde aus dem Astra, nur dass sie alle wieder ein bisschen schlauer geworden sind. Wer rückwärts rangiert, sieht deshalb nicht nur die Bilder einer 360-Grad-Kamera, sondern wird auch vor Querverkehr gewarnt, und die elektronische Spurführung greift bei Bedarf auch ins Lenkrad.

Das werden wir nicht vergessen: Die adaptive Geschwindigkeitsregelung ist jetzt so programmiert, dass sie kurz den gesetzlichen Mindestabstand ignoriert, wenn man auf der Autobahn den Blinker bedient und zum Überholen ansetzt. Was bei anderen Fahrzeugen zu abruptem Abbremsen führt, gelingt mit dem Insignia deswegen schön flüssig. Und zumindest dann kommt dieser Opel der Konkurrenz näher als je zuvor.

Hersteller:Opel
Typ:Insignia Grand Sport
Karosserie:Limousine
Motor:Vierzylinder-Turbo-Benzindirekteinspritzer
Antrieb:Front
Hubraum:1.490 ccm
Leistung PS:165 PS
Leistung kW:121 kW
Drehmoment:250 Nm
Von 0 auf 100:8,9 Sek.
Höchstgeschw.:222 km/h
Verbrauch (ECE):6 Liter
CO2-Ausstoß:136 g/km
Kraftstoff:Super
Kofferraum:490 Liter
umgebaut:1.450 Liter
Gewicht:1.440 kg
Maße:4897 / 1863/ 1455
Preis:30.695 €

Mehr lesen über