"Plus Eight": Gestern, heute, Morgan - DER SPIEGEL
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"Plus Eight" Gestern, heute, Morgan

Er sieht aus wie ein Relikt aus der automobilen Urzeit. Dennoch wird der Morgan +8 noch heute fabriziert - gegen Aufpreis sogar mit Airbags. Gerade diese Widersprüche machen den auf Holzbasis konstruierten und mit einem V8-Motor ausgestatteten Sportwagen zu einem begehrten Liebhaberobjekt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Morgan +8 mit seinem bärenstarken Achtzylindermotor sowie seine vierzylindrigen Geschwister sind heute die wohl einzig wirklichen Oldtimer, die es noch fabrikneu zu kaufen gibt. Noch immer werden die Autos größtenteils von Hand gefertigt: Basis ist ein archaisch anmutender Leiterrahmen, darüber bildet ein von Hand geformter Eschenholzrahmen das Gerüst für die Karosseriebleche aus Stahl oder Aluminium.

Was jedoch den +8 für Enthusiasten so begehrenswert macht, ist die Kombination mit dem kraftvollen V8-Motor. Denn dieser stellt je nach Ausführung mit 3,9 oder 4,6 Litern Hubraum 190 oder 195 PS zur Verfügung. Das ist mehr als genug, um das mit 940 Kilogramm Kleinstwagen-leichte Sportgefährt raketengleich zu beschleunigen - zumindest wenn der Fahrer meint, dass sich rasantes Anfahren mit dem nostalgischen Charme des Wagens verträgt.

Dass dieses urbritische Handwerksprodukt noch gebaut wird, liegt wohl auch daran, dass am Geburtsort aller Morgan die Uhren schon immer etwas anders tickten. Schließlich kam man in dem Örtchen Malvern Link in Großbritannien erst 1936 auf die Idee, dass Autos auch mit vier Rädern gebaut werden können - vorher wurden bei Morgan sportliche Dreiräder gefertigt. Prinzipiell hat sich seitdem wenig geändert - so unterscheidet sich die Karosserie brandneuer "Moggies" nur wenig vom Ur-Vierrad der dreißiger Jahre.

Der für die Fans wichtigste Fortschritt wurde Mitte der sechziger Jahre gemacht. Zuvor wurden bei Morgan nur Vierzylinder-Motoren verbaut. Wie Zeitschrift "Oldtimer Markt" weiß, sorgte ein Renningenieur namens Maurice Owen für den nötigen Anstoß: Er wollte einen Morgan ohne Motor kaufen, um einen V8-Motor der US-Marke Buick in den Wagen einzubauen. Firmenchef Peter Morgan verkaufte Owen kein Auto - er stellte den Ingenieur kurzerhand ein.

Morgan hatte schon zuvor gehört, dass der britische Hersteller Rover die Rechte am Bau eines Aluminium-V8-Motors von Buick erworben hatte. Erste Anpassungsarbeiten waren jedoch nicht so recht vorangekommen. Nun machte man sich mit Owens Hilfe an die Arbeit. Das fahrfertige Ergebnis wurde Ende 1967 den Rover-Oberen präsentiert. Die fuhren, staunten - und verkauften Morgan fortan Motoren. Damit war der +8 geboren. Vom schwächeren +4 ("Plus Four") unterschied er sich kaum: Selbst die aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts stammende Vorderachse blieb erhalten. Allerdings waren Chassis und Karosserie etwas verbreitert worden.

Mit einfachen Mitteln hatte Morgan etwas gänzlich Ungewöhnliches auf die Räder gestellt. Der Neue fuhr ab 1968 so ziemlich alles in Grund und Boden, was als Sportwagen unterwegs war. Dazu war er auch noch preisgünstiger als moderne Sportler. Laut "Oldtimer Markt" kostete der +8 im Jahre 1970 in Deutschland etwa 16.000 Mark. Ein 911er Porsche schlug mit 5000 Mark mehr zu Buche - musste sich aber in Sachen Beschleunigung dem Morgan um Längen geschlagen geben.

Um diese Kraft auskosten zu können, nahmen die Piloten auch die typischen Begleiterscheinungen in Kauf. Dazu gehörte neben dem steinharten Fahrwerk die Tatsache, dass Wind und Regen regelmäßig selbst bei geschlossenem Verdeck ihren Weg in den Innenraum fanden. Trotzdem erlagen immer mehr Enthusiasten dem Reiz des Roadsters. Teilweise betrug die Wartezeit auf einen Neuwagen sieben Jahre.

Trotz aller Traditionsverbundenheit ist es aber nicht so, dass man bei Morgan nie Zeit für Verbesserungen fand. Mal wurden technische Details überarbeitet, mal die Motorenpalette um ein zweites V8-Aggregat ergänzt. Sogar Airbags für Fahrer und Beifahrer sind seit kurzem erhältlich - gegen einen Aufpreis von mehr als 6000 Mark. Ohnehin hat der +8 die Zeiten des Sonderangebotes längst hinter sich gelassen: Gut 100.000 Mark sind beim Neukauf fällig.

Heiko Haupt