Porsche 911 Turbo Heiße Luft
"Dieses Fahrzeug ist ein Hammer, mit dem wir den Nagel auf den Kopf getroffen haben." Michael Macht, Porsche-Vorstand für Produktion und Logistik, ein eher zurückhaltender Mann, lässt beim Thema Turbo jede Bescheidenheit fahren. Das neue Auto sei schlicht "ein Meisterstück".
Seit 1974 krönen die Zuffenhausener ihre Sportwagen-Baureihe 911 mit einem Turbomodell. Am 28. Juni wird die sechste Generation bei den Händlern stehen, ein Auto, das seine Insassen bei Bedarf "in sagenhaften 3,7 Sekunden aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer" katapultiert, wie Vorstand Macht schwärmt, das Tempo 310 erreichen kann und in dem Rallye-Legende Walter Röhrl in sieben Minuten und 49 Sekunden die Nordschleife des Nürburgrings absolvierte. "Damit schlägt der Turbo auch sämtliche Sportwagen aus der Region südlich der Alpen - ausgesprochene Exoten einmal ausgenommen", sagt der Porsche-Manager. Man habe mit "dem neuen 911 Turbo wieder den Olymp besetzt".
Grundlage dafür ist ein technischer Geniestreich. Denn erstmals gelang es den Porsche-Entwicklern, einen Ottomotor mit einem variablen Turbo aufzuladen. Bei Dieselmotoren wird diese Technik der verstellbaren Leitschaufeln an der Turbine seit rund zehn Jahren eingesetzt, bei Benzinern jedoch war das bislang aufgrund der Abgastemperaturen von bis zu 1000 Grad Celsius nicht möglich (Dieselabgase erreichen zirka 700 bis 800 Grad). Nun aber ist die heiße Luft beherrschbar. Porsche hat im Zusammenarbeit mit dem Zulieferer Borg-Warner einen extrem hitzebeständigen Turbolader mit variabler Turbinengeometrie konstruiert, von dem im neuen Modell je zwei die Zylinderbefüllung optimieren.
Die neue Technik, deren Zutaten "absolutes Betriebsgeheimnis" sind, verhilft dem Auto zu einem maximalen Drehmoment von 620 Newtonmeter, das über einen Drehzahlbereich von 1950 bis 5000 Touren anliegt. Zusätzlich können Kunden, die für 1484 Euro das "Sport Chrono Paket Turbo" ordern, per Tastendruck für maximal zehn Sekunden einen sogenannten Overboost aktivieren, der den Ladedruck von 1,0 auf 1,2 bar anschwellen lässt und das Drehmoment kurzfristig auf 680 Nm schraubt. Mit gedrücktem Knopf jagt das Auto binnen 3,5 Sekunden von 80 auf 120 km/h. Man kann mit dem neuen Porsche Turbo also schneller fahren als denken.
Man kann auch schneller bremsen, schneller durch die Kurve, schneller über Bodenwellen. Denn die Bremsanlage wurde verbessert, und für 8491 Euro Aufpreis gibt es auf Wunsch eine Keramik-Bremse. Außerdem fährt der neue Turbo erstmals mit einem elektrisch gesteuerten Allradantrieb sowie einem variablen Dämpfersystem, was die Straßenlage des Autos beinahe narrensicher macht. Und der "ausfahrbare Spaltflügel" am Heck sorgt auch auf unebener Strecke für genug Anpressdruck auf der Hinterachse, damit der Wagen stabil und beherrschbar bleibt. Sagt jedenfalls Porsche, und man glaubt dies spätestens nach einer Demonstrationsfahrt mit Walter Röhrl, der den 911 Turbo über eine abgesperrte Strecke drischt, als sei der Teufel hinter ihm her.
Das Wunderliche an diesem Auto ist, dass es sich trotz seiner übertriebenen Muskelpakete so lässig fahren lässt wie jedes andere Auto auch. Die Servokupplung entlastet den linken Fuß, das Sechsganggetriebe flutscht nur so, und das Motorgeräusch ist zwar präsent, aber nicht aggressiv. Rabauken und Poser werden wahrscheinlich andere Modelle fahren. Denn ein Porsche Turbo fällt zwar auf, aber nicht unangenehm. Trotz fetter 19-Zoll-Räder, großer Lufteinlässe, Spoiler und breitbackigem Heck wirken die Linien noch harmonisch. Die Form ist gereift in einem jahrzehntelangen Prozess des stetigen daran Herumfeilens.
Die Kundschaft giert nach Turboleistung
Seit der ersten Turbo-Generation des Jahres 1974 hat Porsche weltweit mehr als 50.000 dieser Sportwagen unters Vollgas-Volk gebracht, den Löwenanteil in den USA. Die neue Serie soll das bisherige Absatzniveau weiter anheben - im ersten vollen Verkaufsjahr peilen die Zuffenhausener rund 6000 Verkäufe an, davon zirka 1200 in Deutschland, wo der Wagen mindestens 133.603 Euro kosten wird. Sechs Airbags, Lederausstattung, Klimaanlage, DVD-Navigation, ein Musiksystem mit 13 Lautsprechern und eine bis 350 reichende Tachoskala sind inklusive.
Wer sein Auto jedoch durch Sicherheitsgurte in "Speedgelb" (394 Euro), Einstiegsblenden aus Edelstahl mit "turbo"-Schriftzug (290 Euro), auf die Kopfstützen geprägte Porsche-Embleme (185 Euro) oder einen belederten Dachhimmel (980 Euro) individualisieren möchte, muss zuzahlen. Das gilt übrigens auch für jene Enthusiasten, die sich ihr fabrikneues Geschoss selbst in Zuffenhausen abholen wollen. 464 Euro berechnet Porsche für diesen besonderen Tag, wobei eine Werksführung, ein Drei-Gänge-Mittagessen, ein Erinnerungsfoto, ein versilberter Schlüsselanhänger und eine Einweisung ins Fahrzeug inkludiert sind. Danach kann es dann endlich losgehen: heiße Luft durch die Turbinen pressen. Selbstverständlich wird der 911 Turbo vollgetankt übergeben.