Renault Clio Sport: Hitzkopf mit Herz - DER SPIEGEL
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Renault Clio Sport Hitzkopf mit Herz

Auf den Formel-1-Pisten ist Renault die Nummer eins, aber bislang hatten die Franzosen kein Serienmodell, das den Weltmeister-Bonus verwerten konnte. Jetzt geht der rundum aufgemöbelte Clio Sport an den Start: als straßentauglicher kleiner Bruder der Boliden.
Von Florian Harms
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klotzen statt Kleckern heißt zurzeit die Devise bei Renault: Mit nicht weniger als 26 neuen Modellen wollen die französischen Autobauer in den kommenden drei Jahren die Welt beglücken, rund um den Globus soll die Marke mit der Raute die Straßen erobern. Dabei kann der Imagegewinn durch die fortgesetzte Siegesserie von Formel-1-Champion Fernando Alonso nur hilfreich sein. Umso erstaunlicher erscheint es, dass der Konzern bislang kein Produkt in der Modellpalette aufbieten konnte, das die Rennwagen-Erfolge im Massenmarkt ummünzte.

Doch nach dreijähriger Entwicklungsphase ist es jetzt soweit: In Portugal hat Renault den neuen Clio Sport präsentiert, der ab September bei den Händlern steht. Der im Vergleich zum Vorgänger aus dem Jahr 1999 komplett überarbeitete Flitzer soll den Kleinwagenmarkt aufmischen und neue Kundengruppen erschließen: Vor allem junge, männliche Anhänger sportlicher Fahrzeuge haben die Entwickler im Visier.

Entsprechend kraftstrotzend kommt der Clio Sport daher, die Unterschiede zum Vorgänger fallen sofort ins Auge. Durch eine verbreiterte Spur misst der fast vier Metern lange Neue in der Breite fast 1,80 Meter, wodurch die Kurvenstabilität erhöht wird. Von einem Kleinwagen zu sprechen, erscheint da fast schon abwegig. Auch der überarbeitete 2.0 16V-Saugmotor mit vier Zylindern, der es auf 197 PS und ein maximales Drehmoment von 215 Nm bringt, bietet deutlich mehr, als man von einem Auto dieses Segments gemeinhin erwarten kann - oder erwarten will. Denn mit seiner Leistung lässt der Sportler zwar alle vergleichbaren Modelle anderer Hersteller - vom Peugeot 206 RC über den Ford Fiesta ST bis zum VW Polo GTI - links liegen. Doch die Autobauer im französischen Dieppe müssen sich fragen lassen, wo man einen derart aufgemotzten Mini-Sportwagen überhaupt ausreizen soll.

"Mit diesem Auto kann man sowohl zur Arbeit als auch auf der Rennstrecke fahren", sagt Renault-Ingenieur Christophe Deville. Die entsprechende Zielgruppe dürfte allerdings recht überschaubar ausfallen. Nach Deutschland werden dieses Jahr nur 200 Exemplare des Clio Sport ausgeliefert, über 70 Prozent der Produktion von rund 10.000 Exemplaren pro Jahr gehen nach Frankreich sowie Großbritannien und in die Schweiz, wo leistungsstarke Kleinwagen deutlich höhere Marktchancen haben. "Das Problem hierzulande ist vor allem die hohe Versicherungseinstufung", klagt Thomas May-Englert, Leiter der Renault-Produktkommunikation in Deutschland. "Hier ist der Clio Sport vor allem ein Nischen- und Imageprodukt."

Die Fixierung aufs Image ist tatsächlich unübersehbar. Die augenfälligsten Neuerungen des Autos haben die Renault-Techniker gemeinsam mit ihren Formel-1-Spezialisten entwickelt. Im Schalensitz versinkend, die linke Hand am dicken, lederumspannten Lenkrad und die rechte am knuffigen Schaltknüppel, darf man sich als Fahrer tatsächlich ein klein wenig wie Herr Alonso fühlen und das Aluminium-Gaspedal durchdrücken, um das Herz der kleinen Rennmaschine zu testen: Das Sechsganggetriebe lässt sich schnell und flüssig hochschalten, und schon nach 6,9 Sekunden ist der Wagen von 0 auf Tempo 100.

Dabei röhrt er allerdings derart aufdringlich, dass man als Fahrer unwillkürlich nach dem siebten Gang sucht. Die Anbiederung an die Boliden wirkt etwas übertrieben. Im Stadtverkehr nicht wendig genug, auf Langstrecken übertunt: Der Clio Sport kraftmeiert sich durch den Verkehr wie ein Bodybuilder, der auf eine Marathonstrecke geschickt wird - mit stattlichem Bizeps und knackigem Brustkorb, aber hochrotem Kopf. Nach einer Testfahrt über kurvige Bergstraßen lag der Verbrauch mehr als einen Liter über dem angegebenen Mittelwert von 8,9 Litern Superbenzin.

Dafür liegt der Wagen aber selbst in rasant gefahrenen Kurven exzellent auf der Straße, was vor allem der ausgefeilten Aerodynamik zu verdanken ist. Unter seinem Heck trägt der Clio Sport einen Diffusor - eine Technologie, die sich sonst nur bei Boliden und Nobel-Sportwagen findet: Kunststoffstreben kanalisieren den Luftstrom unter dem Wagenboden, so dass ein Unterdruck entsteht, der den Flitzer förmlich an die Fahrbahn saugt und einen klobigen Heckspoiler überflüssig macht. Allerdings verschlingt der Diffusor so viel Platz, dass ihm das Reserverad geopfert werden musste. Wer sich noch mehr wie ein Rennfahrer fühlen mag, kann das ESP per Knopfdruck unterm Lenker ausschalten und den Grenzbereich zwischen einer schneidig gefahrenen Kurve und einem ausbrechenden Heck austesten.

Ebenfalls Formel-1-Flair verbreiten die Entlüftungsöffnungen hinter den vorderen Kotflügeln: Sie beruhigen nicht nur die seitlichen Luftturbulenzen, sondern leiten auch die heiße Luft aus dem Motorraum rascher ab. Das hat der Hitzkopf allerdings auch nötig. Befolgt man die Ingenieursempfehlung und jagt den Clio Sport einige Runden über eine Rennstrecke, braucht er hinterher erst einmal ein Kühlungspäuschen, bevor man weiterfahren kann – zur Arbeit oder wohin auch immer.

In punkto Sicherheit macht dem Flitzer allerdings keiner etwas vor. Schon die Clio-Basisversion bekam im vergangenen Jahr die Höchstwertung beim Euro NCAP-Crashtest, die Sportversion nutzt jetzt dasselbe System. Acht Airbags sorgen dafür, dass man sich als Hobby-Rennfahrer tatsächlich gut behütet auf die Piste stürzen kann. Bei den Bremsen scheint der Sicherheitsaspekt jedoch etwas überreizt: Die Eisen sind so hart eingestellt, dass man schon bei leichtem Antippen in den zweifelhaften Genuss kommt, die Straffung des Gurts mit dem Brustkorb auszutesten. Dafür steht der Fronttriebler aber bei einer Vollbremsung mit Tempo 100 schon nach 35 Metern – so, wie sich das für einen Rennwagen gehört.