Rover 75: Wagen für die Wende? - DER SPIEGEL
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Rover 75 Wagen für die Wende?

Der "Seventy-Five" räumte 1999 gleich mehrere internationale Auszeichnungen ab. Aber ist die Luxus-Limousine wirklich das Auto, das Rover aus der Krise manövrieren kann? Ein Grund, das Flaggschiff der Briten genauer unter die Lupe zu nehmen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Car of the Year", "World Car" und das "Goldene Lenkrad" in der oberen Mittelklasse: Rover konnte sich im vergangenen Jahr nicht über mangelnde Auszeichnungen für sein Topmodell beklagen. Eine internationale Jury aus Designern, Architekten und Künstlern wählte den Rover 75 gar zum "Schönsten Auto der Welt". Und in Japan wurde der Seventy-Five zum Importauto des Jahres 1999 gekürt und verwies dabei unter anderem den Audi TT, die Mercedes S-Klasse und den britischen Mitwerber Jaguar S-Type auf die Plätze.

Diese stolze Ansammlung von Preisen sollten eigentlich ausreichen, um Rovers Renommierobjekt zu einem Erfolgsmodell zu machen. Doch die negativen Schlagzeilen über das Unternehmen hemmen sein Vorankommen auf der Erfolgsspur. "Den englischen Patient" nannte die "Welt" die Firma, die für BMW buchstäblich zum Milliardengrab wird: Erst vor kurzem mussten die Münchner einräumen, dass der Verlust im vergangenen Jahr den des Vorjahres (1,9 Milliarden Mark) wohl nochmals übertreffen wird - keine guten Voraussetzungen für das Flaggschiff der Briten, das Rover wieder auf Kurs bringen soll.

Doch das Auto geht in Würde an die beinahe unlösbare Aufgabe heran. Der Wagen ­ die erste Eigenentwicklung von Rover, seit BMW im Jahr 1994 das Unternehmen übernahm ­ ist endlich wieder ein typisch britisches Auto. Weiche Linien, üppiger Chromschmuck und vor allem ein Innenraum-Design, das konsequent auf eine Grundform setzt: das Oval. Oval sind die Instrumente im Cockpit, oval sind die Tasten für die Hupe und die Fensterheber, die Lüftungsöffnungen und die Chromblenden der Türknöpfe. Oval ist auch der Griff am Handschuhfach, der Türgriff, das Deckenlicht und die Warnblinktaste ­ ein rollendes Oval Office made in Britain.

Gemeinsam mit Lederlenkrad und Ledersitzen und dem großzügigen Einsatz von poliertem Holz verströmt der Innenraum das Flair eines englischen Clubs ­ gediegen und doch geschäftsmäßig. Wenn der Rover 75 im dicht gedrängten Markt der oberen Mittelklasse ein Plätzchen finden will, das war den Designern klar, muss er seine Eigenheiten betonen. Allerdings bewegt sich der Wagen stilistisch am Rande der Übertreibung: Wenn in jedem Detail der Wille zum formalen Manifest erkennbar wird, kann das auch zuviel des Guten sein.

Technisch ist der Rover 75 auf der Höhe der Zeit. Vor allem das Topmodell mit dem 2,5-Liter-V6-Motor mit 177 PS (130 kW), das ab 57.900 Mark zu haben ist, überzeugt durch große Laufruhe und stets ausreichende Kraftreserven, um den 1,5-Tonner in Fahrt zu halten. Allerdings schluckt der Motor auch ganz ordentlich: im Schnitt gut elf Liter Superbenzin je hundert Kilometer.

Ob der Rover 75 das tief in der Krise steckende britische Unternehmen in BMW-Besitz alleine wieder flott bekommen kann, darf allerdings bezweifelt werden. Doch noch verbreiten die Bayern tapfer Optimismus. In diesem Jahr solle die Wende geschafft werden, spätestens wenn im Herbst der Rover 25, der in Großbritannien bereits verkauft wird, die Nachfolge des Rover 200 antritt. Gemeinsam mit dem großen Bruder soll der Wagen Rover wieder über die Fünf-Prozent-Marktanteilshürde hieven - wohlgemerkt auf dem britischen Heimatmarkt.